Erinnerung an den Wahnsinn

Die Momos hatten aufgerufen, zum heutigen Gedenktag etwas zu bloggen.

Meine Mutter erlebte den Kriegsausbruch als Neunjährige in Hamburg. Einige ihrer Kindheitserinnerungen hat sie aufgeschrieben.
Die Rechte für die Zitate sind bei den Erben der Autorin.

Auf jeder Etage waren zwei Wohnungen. Im Erdgeschoß gab es eine Familie Sch. mit einer gräßlich klavierspielenden Tochter und gegenüber ein Altenheim, im ersten Stock zunächst auf beiden Seiten ein jüdisches Altersheim, die Pension Markus, später auf der einen Seite eine katholische Großfamilie. Im zweiten Stock außer uns Familie C., mit drei Söhnen, der kleinste war zwei Jahre alt, und ich ging gern mit ihm spazieren. Im dritten Stock wohnte über uns ein Ehepaar und auf der anderen Seite J., ein höheres Tier in der SS mit Frau, Dienstmädchen und einem elend aussehenden Kind. Dann gab es noch eine Kellerwohnung mit dem braun uniformierten herzkranken Parteigenossen R.
Die Beziehungen der Hausgenossen waren, wie die Zeit es brachte. Unser Vater warnte die Juden in der Wohnung unter uns, wenn man ihren Gottesdienst durch das ganze Haus hörte. Er wurde selbst von Herrn C. vor dem Blockwart gewarnt, der angekündigt hatte, er werde ihm nach Kräften Knüppel zwischen die Beine schmeißen. Mit den anderen gab es kaum Kontakt. Wenn Flaggen angeordnet war, hing bei … [uns] wie bei den Juden zunächst keine Fahne am Balkon. Als es nicht mehr zu vermeiden war, wurde eine ganz kleine Fahne angeschafft, die fast noch deutlicher eine Demonstration war als gar keine.

Am 1. September 1939 hörte ich irgendwo, dass Krieg war, und fand das spannend und interessant. Als ich nach Hause kam und ein Donnerwetter erwartete, weil ich nicht pünktlich zum Essen da war, saßen die Eltern stumm am Eßtisch und sagten gar nichts, nur nach einer Weile: „Weißt du, dass Krieg ist?“ – und ich begriff, dass sie es nur entsetzlich fanden.
Die Turnhalle unserer Schule war längst Getreidespeicher geworden, die Lebensmittelkarten waren verteilt, und es war eigentlich klar, dass das Vorbereitungen waren. Aber nun war wirklich Krieg. Es kam dann auch die Notwendigkeit, einen Luftschutzwart für das Haus zu ernennen und die Keller für die Sicherheit vor Bomben einzurichten. Der Ingenieur C. war eindeutig der richtige Mann (sehr zum Verdruss von Herrn Sch.) – und als das Haus im Juli 1943 brannte, war er verreist, der katholische Familienvater war betrunken, der SS-Mensch J. war wegen „Volksschädlingsverbrechens“ (d.h. Schiebergeschäften mit Lebensmitteln) hingerichtet, Herr Sch. war immer noch beleidigt, der eingezogene Ehemann über uns hatte sich während seines Urlaubs umgebracht, R. war zu krank, Juden kamen nicht in Frage (durften nicht mal in den Luftschutzkeller), und der einzige, der irgendwie noch Rettungsmaßnahmen organisieren konnte, war unser Vater.
Immerhin ist kein Mensch zu Schaden gekommen, das Haus aber gründlich. Der Polizeipräsident von Hamburg … fuhr mit dem Auto vor, um seine Geliebte … abzuholen.

Mein Großvater war ein Gelehrter mit vielen großartigen Fähigkeiten, zu denen aber weder militärisch straffe Organisation noch unmittelbar praktisches Geschick in irgendeiner Weise gehörten. Unter diesem Gesichtspunkt mag man das angeblich so spezifisch deutsche Organisationstalent beurteilen.
Über die Bewohner des jüdischen Altersheims habe ich nicht mehr erfahren können. Leider gibt es ja äußerst wenig Hoffnung, daß sie den Krieg überlebt haben, selbst wenn sie die Bomben irgendwie überstanden haben sollten.
Zu dieser Zeit hatten meine Großeltern ihre Töchter im Allgäu einquartiert, gleichermaßen zum Schutz vor Bomben wie vor dem schlechten Einfluß der Kinderlandverschickungen.

Unser erstes Ferienquartier in Hindelang war eine Ferienwohnung bei Frau Pepi Wineberger mit holzgeheiztem Herd in der Küche, keinem fließenden Wasser und Plumpsklo. Winebergers hatten keine Landwirtschaft, was ungewöhnlich war. Da der Mann im Krieg war, wußte ich nicht, was er von Beruf war. Seine Mutter und seine Frau versorgten Feriengäste und die drei Kinder. Außer uns war noch Fräulein Augustin da, die ihre Ferien immer bei Winebergers verbrachte. Sie wiegte vor dem Haus das Baby der Wirtsleute auf dem Schoß und ließ dazu einen Sprechgesang hören: „Heita – sua – heiteli – suali – Gerda, liebst du Deutschland? magst du Onkel Adolf leiden?“ Sie verabschiedete sich 1940 mit dem Zutrauen, dass man sich im nächsten Sommer in Frieden nach dem Sieg wiedersehen würde. Meine Mutter äußerte Zweifel. 1943 trafen sich die beiden zufällig wieder, Fräulein Augustin hoffte wieder auf Sieg und Frieden im nächsten Jahr, und auf die Zweifel meiner Mutter sagte sie: „Wie? Glauben Sie immer noch nicht?“

Die Bauern ringsum waren katholisch und in der Regel nicht Nazi. …
Die Wiesen auf dem Dorf wurden im Winter gedüngt, und im Sommer wurde das Heu fürs Winterfutter geerntet, während die Kühe teils auf den Almen, teils auf den höher gelegenen Gemeindewiesen grasten. Düngen hieß, dass die Gruben geleert wurden und dass auch die Zeitungsfetzen, die als Klopapier gedient hatten, auf dem Schnee herumlagen.

Ein Hoch auf die gastfreundlichen Allgäuer, die so beispielhaft sinnvolle Verwendung für die Nazipresse fanden!

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Vermehrter Druck auf Nadarkhani

Ayatollah Mohseni Gorkani, Oberster Richter im Iran, hat laut einer Meldung von The Church Report angeordnet, zusätzlichen Druck auf Pastor Youcef Nadarkhani auszuüben. Nadarkhani hat immer wieder, zuletzt wohl in der vergangenen Woche, geäußert, unbedingt Christ bleiben zu wollen. Deshalb droht ihm die Hinrichtung.
Leider ist es wahrscheinlich, daß zusätzlicher Druck eine Umschreibung für Folter ist.
Petitionen können immer noch helfen. (Ich vermute, ohne die zahlreichen engagierten Briefschreiber auf der Welt wäre Nadarkhani längst nicht mehr am Leben.)
Für Nadarkhani, seine Frau und seine beiden Söhne zu beten, kann ebenfalls nicht schaden.

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Wenn gar nichts im Hause ist

… aber Mehl, Gries, Rosinen, Hefe und ein Backofen, dann ist bald viel mehr als gar nichts im Hause.
(Ich tu immer etwas Gries in den Brotteig, das Brot wird dadurch wunderbar locker.)



Und wenn ich dann noch darüber nachdenke, was gar nichts im Hause in Ländern bedeutet, die nicht so reich wie Deutschland sind, sage ich Dank und hoffe, ein bißchen zur Gerechtigkeit beitragen zu können.

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Verwunderter Blick

… meiner Katze Lena auf die Welt,

und meiner selbst auf den Balkon. Es ist kalendarisch noch eine Weile Winter!




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Bloggen gegen die Niedertracht

Die Momos rufen auf, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus bloggend ein Zeichen zu setzen gegen Niedertracht und Vergessen.
Diesem Aufruf schließe ich mich gerne an und habe auch schon etwas vorbereitet.

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Zwei Taschen voll Musik

Meine Mutter hatte verfügt, ihre Blockflöten sollten an eine Musikstiftung gehen. Nun ist es gar nicht so einfach, in Berlin eine Stiftung zu finden, die an Instrumentenspenden interessiert ist, und hat man sie endlich gefunden, gemailt und telephoniert, kann es immer noch geschehen, daß überhaupt kein Interesse besteht. Endlich hatte ich mich aufgerafft und eine Musikschule angerufen, und dort war ich richtig. Heute habe ich fünf Flöten, einen Notenständer und einen Stapel Noten dort hingeschleppt, und der nette Herr, der sie angenommen hat, war wirklich glücklich.
Besonders freut mich, daß er sofort an die Kinder von Hartz-IV-Empfängern dachte, die auch Musikunterricht brauchen, oft nur Plastikflöten haben und kein Geld für Noten; die Noten möchte er an solche Schüler verschenken.

Das ist ganz im Sinne meiner Mutter, und ich bin froh, daß die schönen Instrumente nun bald wieder gespielt werden. Und in meinem Schrank ist auch wieder etwas Platz.

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Wie man aus Dreck Gold macht

… weiß ich nicht, und wenn ich meinen Chemielehrer damals richtig verstanden habe, hat es mit dem Nichtwissen auch seine Richtigkeit.
Aber wie man aus Ärger Lyrik macht, das weiß ich. Und das führe ich hier vor.

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Mit Sonetten prahlen

Im thematischen Verzeichnis meiner Gedichte habe ich Sonette immer als solche gekennzeichnet. Jetzt habe ich aber, um es Sonettenliebhabern noch leichter zu machen, alle Sonette noch einmal gebündelt an den Anfang des Verzeichnisses gestellt.
Schon jetzt kann ich versprechen, daß es mehr werden.
Viel Freude beim Schmökern!

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Der schönste Jesusfilm

Von den meisten Jesusfilmen sind mir die Trailer schon zu viel. Hier ist endlich mal einer, der kurz, witzig, fröhlich und poetisch ist und ohne amerikanisch ausgesprochenes Latein auskommt. Gefunden habe ich ihn auf der Sende-Zeit – vielen Dank.

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Dummheit und Stolz

… wachsen auf einem Holz, sagt ein altes deutsches Sprichwort.

Die Welt bejammert in einem Artikel den Mangel an Nationalstolz bei den Deutschen. Kölner Psychologen wollen herausgefunden haben, daß die Deutschen sich gar nicht gern mögen, es sei denn, sie gucken Fußball.
Das Wort wir kommt in dem Artikel sechs Mal vor, uns bzw. unser zwölf Mal – nur in der Überschrift und im ersten Satz ist von den Deutschen die Rede, sonst immer nur von uns. Fußball ist dabei ganz, ganz wichtig, und der Ruhrpott.

Der Effekt der Weltmeisterschaft ließ sich eindeutig feststellen: „Das Großereignis hat Deutsche und Ausländer zusammengeführt“, sagt Schmidt-Denter. „Es hat auf der einen Seite den Nationalstolz der Deutschen gestärkt und zudem ihre Toleranz und Fremdenfreundlichkeit vergrößert. Viele denken ja, dass das eine das andere ausschließt, aber das Gegenteil war hier der Fall.“

Ich bin Deutsche, interessiere mich nicht für Fußball und fand die Fußball-Weltmeisterschaft vor allem furchtbar laut. Nebenbei gab sie mir mehrfach Gelegenheit zu der Bemerkung, daß nicht alle jungen Mädchen gut daran tun, nabelfreie Tops zu tragen.

Ja, habe ich denn gar keinen Nationalstolz?
Nö, wieso?
Ich finde Deutschland sagenhaft schön. Ich liebe dies Land mit seinen romanischen Kirchen, barocken Palästen und gründerzeitlichen Wohnvierteln, ich liebe Alpen und Meer und Bergisches Land und Nordrhein-Westfalen und das Saarland, ich liebe Hamburg und Münster und Krefeld, ein bißchen sogar Bochum und immer wieder Berlin, liebe die westfälischen Sturköppe, die muffligen Berliner und die hochgestochenen Hamburger, die sich noch heute mit jener halbstaatlichen Piratenbande schmücken, die Melodie des mir so unverständlichen bayerischen Dialekts, und über alte und neue Grenzen hinweg liebe ich die deutsche Sprache.

Ich bin froh, in einer trotz aller Schwierigkeiten noch einigermaßen funktionierenden Demokratie zu leben, bin froh, daß ich reden und schreiben und veröffentlichen darf, ohne um mein Leben oder das meiner Lieben fürchten zu müssen. Ich bin froh, ein Ich sein zu dürfen, kein Wir sein zu müssen, bin froh, mich abgrenzen zu können. Bei Formulierungen wie Wir Deutschen schwingt etwas mit von Schicksals- und Volksgemeinschaft, das mir fatal ist. Die meisten meiner Freunde leben in Deutschland, und es gibt in Deutschland Menschen, denen ich nicht die Hand geben möchte. Zudem gilt auch unter engen Freunden immer, daß jeder Jeck anders ist.

Stolz bin ich nicht auf meine Nationalität, denn ich habe nichts getan, um Deutsche zu sein. Ich bin nur einfach hier geboren. Wenn ich etwas Gutes und Besonderes fertigbringe, dann ist das vielleicht ein Grund zum Stolz (wenn ich auch in der Regel eher Dank empfinde). Aber Stolz auf etwas, das sich meinem Einfluß entzieht – wie die Rechtslage bei meiner Geburt oder die Geschichte Deutschlands (solange ich nicht im Kindler stehe, auch die Literaturgeschichte) hat keinen Sinn.

Nationalität als Zugehörigkeit zu einem Staatsgebilde ist ein juristischer Begriff. Aufgrund meines Ausweises darf ich hier wohnen, wählen und ein Geschäft betreiben, und wenn ich jemanden, der mich fortgesetzt nervt, irgendwann ohrfeige, so ist das zwar verboten, aber niemand sagt deswegen etwas Böses über die Gewaltbereitschaft der Ethnie, der ich möglicherweise zugezählt werde (und die bei Vorfahren aus Norddeutschland, Salzburg, Schlesien, Ostpreußen und vermutlich noch einer Reihe anderer Weltgegenden, wenn man weit genug zurückgeht, eh nicht bestimmbar ist). Mein Ausweis ist von praktischem Nutzen, wenn ich wählen oder verreisen will oder den Schlüssel verloren habe, sagt aber nichts über meine Person. Ein gewisser Räuberstolz wäre angebracht, hätte ich diesen Ausweis selbst gemacht – aber er ist echt und also kein Grund für irgendwelche Emotionen.

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