Was die Gewürze nachts treiben…

… verrät mein Schriftstellerkollege Horst Engel.
Mir gefällt das so, daß ich es hübsch abgeschrieben habe und gleich in die Küche hängen werde - neben das Gewürzschränkchen. Bitte trotzdem Copyright beachten!
Gedicht von Horst Engel

Veröffentlicht in: on Mittwoch, 23. Juli 2008 at 11.37 Uhr vormittags Kommentare (0)

Lichterfelde Ost

Hier sieht es aus, als ob dahinter nichts mehr kommen kann. Weltende, der Rand, über den die Schiffe kippen. Aber ein recht wohlsituiertes Weltende.
Atlas und Kariatyde haben an diesem Haus noch viele Kollegen. An diesem Paar ist jedoch bemerkenswert, mit welcher Würde und Anmut sie ihre schwere Behinderung akzeptieren.
Atlas und Kariatyde, behindert
Dieser Tempel der Bahn ist zwar durch Stadttauben bedroht und innen teilweise durch schreiende Plakate nicht eben verschönt. Aber er ist doch noch ein besonderer Ort Berlins.
Bahnhof Lichterfelde Ost 1
Bahnhof Lichterfelde Ost 2
Bahnhof Lichterfelde Ost 3
Bahnhof Lichterfelde Ost 4
Bahnhof Lichterfelde Ost 5
Bahnhof Lichterfelde Ost 6
Bahnhof Lichterfelde Ost 7

Auf dem Rückweg durch Lankwitz sah ich, daß eine meiner Lieblingsblumen aufgeblüht ist, die Goldrute. Auf einer Blüte saß ein hornissengroßes Insekt (wegen der flachen und starren Flügel aber wohl eher eine Fliegenart).
Lankwitzer Strassenacker
goldrute

Veröffentlicht in: on Montag, 21. Juli 2008 at 4.02 Uhr nachmittags Kommentare (4)

Sommer vom Balkon

Der Wilde Wein hat winzige Trauben - viel größer werden sie auch nicht - und leuchtend rote Blattspitzen.
Wilder Wein - Trauben
Wilder Wein - rote Spitzen

Die Pfefferminze blüht (und es ist nicht wahr, daß sie in der Blütezeit schier ungenießbar ist).
Blühende Minze 1
Blühende Minze 2

Die erste meiner kleinwüchsigen Sonnenblumen schickt sich zum Blühen an. Sie sind übrigens, obwohl aus einer Samentüte stammend, von erstaunlich verschiedener Statur, diese ist mit 77 cm ist eine der größten.
Aufblühende Sonnenblume

Der Koriander hat zwar an Schönheit eingebüßt, aber ich ernte jeden Tag einige Samen - zum Würzen und zur Neusaat.
Reifender Koriander

Walahfrid Strabo
Hortulus

Nimmer fehle mir auch ein Vorrat gewöhnlicher Minze,
So verschieden nach Sorten und Arten, nach Farben und Kräften.
Eine nützliche Art soll die rauhe Stimme, so sagt man,
Wieder zu klarem Klang zurückzuführen vermögen,
Wenn ein Kranker, den häufige Heiserkeit quälend belästigt,
Trinkend einnimmt als Tee ihren Saft mit nüchternem Magen.
Noch eine Art dieser Pflanze, von mastigem Wuchs, ist vorhanden,
Die nicht mehr bloß eines kleinen Gewächses Schatten verbreitet,
Sondern nach Art des Holunders mit starkem Stängel emporstrebt,
Spreitet nach allen Seiten die großen Flügel der Blätter.
Anders ist ihr Geruch und ihr Saft etwas herber zu trinken.
Wenn aber einer die Kräfte und Arten und Namen der Minze
Samt und sonders zu nennen vermöchte, so müsste er gleich auch
Wissen, wie viele Fische im Roten Meere wohl schwimmen,
Oder sie viele Funken Vulkanus, der Schmelzgott aus Lemnos,
Schickt in die Lüfte empor aus den riesigen Essen des Aetna.

Veröffentlicht in: on Sonntag, 20. Juli 2008 at 9.44 Uhr vormittags Kommentare (3)

Wettbewerb „Mauerstücke“ - Erinnerungsgeschichten

Der Dr. Ronald Henss Verlag ruft auf dem Kurzgeschichten-Forum zur Feder! Dabei sollen Kurzgeschichten (nicht über 12.000 Zeichen) entstehen, keine politischen Kundgebungen, sondern eigenes Erleben der Zeit um den Mauerfall.

Dem erstplatzierten Text winkt ein Preisgeld von 100,00 €, außerdem erhalten die ersten drei Plätze eine Urkunde. Angestrebt wird eine Veröffentlichung der besten Texte in einer Anthologie zum Herbst 2009, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall.

Ich habe die Ehre, gemeinsam mit meiner Kollegin Bettina Buske und der Autorin Patricia Koelle als Jurorin zu wirken.
Geschichten, die im Forum eingestellt werden, werden dort auch von den Forenmitgliedern kommentiert. Für den Autor kann das sinnvoll sein; er wird so auf Unstimmigkeiten und Tippfehler aufmerksam gemacht und kann seine Geschichte stetig verbessern. Wer nicht ins Forum möchte, kann seine Geschichte an mauerstuecke@web.de schicken.

Veröffentlicht in: on at 7.15 Uhr vormittags Kommentare (0)

Physalis und Efeu

Bei leichtem, warmen, nicht unangenehmen Regel holte ich heute wieder einen riesigen Sack Unkraut aus dem Garten - worunter ich auch das zähle, was eigentlich schön und erwünscht, aber in zu großer Menge vorhanden ist.
Frisch gewaschen glänzen die Staudensonnenblumen.
Staudensonnenblume im Regen

Die Physalis macht sich schön.
Physalis 2
Physalis 1

Das Pfaffenhütchen tut es ihr gleich und zeigt ein nach Grün changierendes Rot, samtig zwischen den blanken Blättern.
Pfaffenhütchen im Juli

Der Efeu umrankt die etwas schräg stehende Eiche - auf der Südseite bleibt er trocken. Die kleinen grauen Gespinste sind verlassene Spinnennetze.
Eiche und Efeu 1
Eiche und Efeu 2

An der Mauer hat er einen Stein halb herausgebrochen, hält ihn aber nun mit den dicken Ästen umklammert.
Efeu an Mauer

Manche Gartenbewohner fühlten sich durch den Regen der letzten Tage zu Erdarbeiten bewogen.
Maulwurfshügel

Veröffentlicht in: on Samstag, 19. Juli 2008 at 5.19 Uhr nachmittags Kommentare (4)

Zarte Sommerblüten

Ein Gang durch den Garten zeigt zur Zeit viel Blaues:
Die Nesselblättrige Glockenblume - im Frühjahr kann man sie tatsächlich mit der Brennessel verwechseln; wenn das Ausrupfen nicht weh tut, war es falsch!
Nesselblättrige Glockenblume 1
Nesselblättrige Glockenblume 2
Nesselblättrige Glockenblume mit Marienkäfer und Fliege

Hier wächst sie in Nachbarschaft der Ballonblume.
Ballonblumen und Nesselblättrige Glockenblumen

Und hier wird deutlich, woher letztere ihren Namen hat; ehe die Blütenkelche aufspringen, sind sie zu einem kleinen Ballon verwachsen.
Ballonblume 2

Zartrosa blühen Scheinmyrte
Scheinmyrte

… und Phlox
Rosa Phlox 1
Rosa Phlox 2

… wenn er nicht strahlend weiß daherkommt.
Weißer Phlox

Rainer Maria Rilke
In einem fremden Park

Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin.
Doch manchmal, in Gedanken, läßt der eine
dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;
aber auf einmal bist du im Rondel
alleingelassen wieder mit dem Steine
und wieder auf ihm lesend: Freiherrin
Brite Sophie – und wieder mit dem Finger
abfühlend die zerfallne Jahreszahl –.
Warum wird dieses Finden nicht geringer?

Was zögerst du ganz wie zum ersten Mal
erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,
der feucht und dunkel ist und niebetreten?

Und was verlockt dich für ein Gegensatz,
etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,
als wärs der Name eines Rosenstocks?

Was stehst du oft? Was hören deine Ohren?
Und warum siehst du schließlich, wie verloren,
die Falter flimmern um den hohen Phlox.

Veröffentlicht in: on Donnerstag, 17. Juli 2008 at 7.29 Uhr nachmittags Kommentare (6)

Andreas Gryphius


Der in diesem Tagebuch schon öfter zitierte Dichter starb vor 344 Jahren.
Von seinem dritten bis zu seinem dreiundreißigsten Lebensjahr herrschte Krieg, seine Heimatstadt Glogau wurde verwüstet. Bruder und Schwester verlor er wenige Jahre später.
Er heiratete nach dem Krieg. Von seinen sieben Kindern sollte nur sein Sohn und späterer Herausgeber Christian den Vater überleben.
In diesem aus einer Reihe von Katastrophen bestehenden Leben hat Gryphius Frankreich, Italien und Holland bereist, ungefähr zehn Sprachen gelernt, in Breslau Griechisch und Latein gelehrt, Dramen und Gedichte verfaßt und mehrere Auszeichnungen als Dichter erhalten.

An die Sternen

Ihr Lichter / die ich nicht auff Erden satt kann schauen /
Ihr Fackeln / die ihr Nacht und schwartze Wolcken trennt
Als Diamante spilt / und ohn Auffhören brennt;
Ihr Blumen / die ihr schmückt des grossen Himmels Auen:

Ihr Wächter / die als Gott die Welt auff-wolte-bauen;
Sein Wort die Weißheit selbst mit rechten Namen nennt
Die Gott allein recht misst / die Gott allein recht kennt.
(Wir blinden Sterblichen! was wollen wir uns trauen!)

Ihr Bürgen meiner Lust / wie manche schöne Nacht
Hab ich / in dem ich euch betrachtete / gewacht?
Herolden diser Zeit / wenn wird es doch geschehen

Daß ich / der euer nicht allhir vergessen kan /
Euch / derer Libe mir steckt Hertz und Geister an
Von andern Sorgen frey werd unter mir besehen?

Der Welt Wollust

WO Lust ist / da ist Angst; wo Freud’ ist / da sind Klagen.
Wer schöne Rosen siht / siht Dornen nur dabey;
Kein Stand /kein Ort / kein Mensch ist seines Creutzes frey.
Wer lacht; fühlt wenn er lacht im Hertzen tausend Plagen.

Wer hoch in Ehren sitzt / muß hohe Sorgen tragen.
Wer ist / der Reichthumb acht’/ und loß von Kummer sey
Wo Armut ist; ist Noth. Wer kennt wie mancherley
Traur-würmer uns die Seel und matte Sinnen nagen?

Ich red’ es offenbahr / so lang als Titans Licht
Vom Himmel ab bestralt / mein bleiches Angesicht /
Ist mir noch nie ein Tag / der gantz ohn Angst / bescheret

O Welt du Thränen Thal! recht selig wird geschätzt;
Der eh er einen Fuß / hin auff die Erden setzt /
Bald aus der Mutter Schoß ins Himmels Lusthauß fähret.

Trost fand er in der Religion, die bei ihm eine himmelstürmende Sehnsucht war, in Kunst und Literatur. Vor der Privatbibliothek seines Mäzens empfand er ähnlich begeisterte Ehrfurcht wie vor den Sternen:

In Bibliothecam
Nobiliß. Amplißimique Viri
GEORGII SCHONBORNERI,
De in Schönborn Zissendorff. S. Caes.
Mai. Consiliar. Comitis Palatini,
Fisci per Silesiam Lusatiam Praefecti.
(1)

DIß ist der traute Sitz / den Themis ihr erkohren.
Da Svada sich ergetzt / der hohen Weißheit Zelt
Das aller Künste Schaar in seinen Schrancken hält,
Vnd was berühmte Leut aus ihrem Sinn gebohren!

Hir leß ich / was vorlängst Gott seinem Volck geschworen
Hir sind Gesetz und Recht’ hir wird die grosse Welt
Beschriben / ja was mehr; gebildet vorgestelt /
Hir ist die Zeit / die sich von anbegin verlohren.

Hir find ich was ich wil / hir lern’ ich was ein Geist
Hir seh ich was ein Leib / und was man Tugend heist,
Schau aller Städte Weiß’ und wie sie stehn und fallen.

Hir blüht Natur und Kunst / und was man seltzam nänt
Doch als ich disen Mann / der alhir lebt erkänt /
Fandt ich durch alles ihn / und weit gezihrt vor allen.

—–
(1) Der feierliche Titel heißt übersetzt:
Auf die Bibliothek des edlen und hoch angesehenen Herrn Georg Schönborner, des kurfürstlichen Pfalzgrafen und Ratgebers Seiner kaiserlichen Majestät in Schönborn und Zissendorff, des Steuerpräfekten für Schlesien und Lausitz.

Veröffentlicht in: on Mittwoch, 16. Juli 2008 at 12.01 Uhr vormittags Kommentare (2)

Tag der toten Erzähler

gottfried keller
Vor 118 Jahren starb der schweizerische Erzähler Gottfried Keller, der witzige und fromme Realist, der starke Frauen und schwache Männer mit Freude am Detail schildert. Selbst in dem Märchen Spiegel das Kätzchen und in seinen Sieben Legenden herrscht eine Atmosphäre der Aufklärung (bis hin zu der augenzwinkernden Frechheit, daß die Musen nicht in den mittelalterlichen Himmel kommen). Dabei wirkt er niemals trocken und belehrend; seine Gestalten stehen deutlich vor dem Leser und sind - Gute wie Böse - mit einem vollwertigen und glaubwürdigen Charakter ausgestattet.

Spiegel das Kätzchen

… Vor mehreren hundert Jahren, heißt es, wohnte zu Seldwyla eine ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen, welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und niemandem, der es ruhig ließ, etwas zuleide tat. Seine einzige Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel, beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit hinreißen zu lassen. Es fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten Mäuse, welche sich in einem gewissen Umkreise des Hauses betreten ließen, aber diese dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt hatte, über diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit vieler Höflichkeit von den Herren Nachbaren die Erlaubnis, in ihren Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es die Milchtöpfe stehen ließ, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche etwa an den Wänden hingen, sondern seinem Geschäfte still und aufmerksam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem Mäuslein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann und floh nicht vor vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten Spaß gefallen und selbst ein bißchen an den Ohren zupfen, ohne zu kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von welchen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen entweder aus dem Wege oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten. …

tschechow
Vor 104 Jahren starb Anton Pawlowitsch Tschechow, der aus einfachen Verhältnissen kam und zum gefeierten Schriftsteller wurde. Seine Erzählungen beschreiben seine Zeit, zeigen, bald ernst und bald komisch, Lächerlichkeit und Schändlichkeit ebenso wie Güte und Liebe. Immer wieder ist Tschechow auf Seiten der Schwachen, der Benachteiligten - und nicht nur als Literat. Er richtete eine Schule für Bauernkinder - Mädchen wie Jungen - ein, behandelte als Arzt die Bauern kostenlos, berichtete über die Gefangeneninsel Sachalin.
Er starb bei einem Kuraufenthalt in Badenweiler an der Tuberkulose, an der er seit seiner Jugend litt.

Der böse Knabe

… Der Barsch riß sich vom Haken los, begann auf dem Grase umher zu springen und fiel endlich mit einem Platsch in sein heimatliches Element zurück.
Während der Jagd nach dem Fische hatte Lapkin ganz in Versehen, statt des Fisches, Anna Ssemjonownas Hand ergriffen und sie unversehens an die Lippen geführt . . . Das junge Mädchen zog die Hand zwar zurück, aber es war schon zu spät: die Lippen hatten sich in Versehen zu einem Kusse vereinigt. Alles war so ganz unversehens gekommen. Auf den ersten Kuß folgte ein zweiter, dann kamen Schwüre, Beteuerungen . . . Glückliche Augenblicke!
Übrigens ein absolutes Glück giebt es hier auf der Erde nicht. Jedes Glück trägt entweder den Giftkeim in sich selbst, oder wird durch irgend etwas von außen Kommendes vergiftet. So war es auch hier. Während die jungen Leute sich noch küßten, erscholl plötzlich ein Gelächter. Sie sahen nach dem Fluß und erstarrten: dort stand bis zu den Hüften im Wasser ein nackter Knabe. Es war der Gymnasiast Kostja, Anna Ssemjonownas Bruder. Er stand im Wasser, blickte die jungen Leute an und lächelte diabolisch.
»A–a–a . . . Ihr küßt Euch?« sagte er. »Gut! Ich werde es Mama sagen.« …

Veröffentlicht in: on Dienstag, 15. Juli 2008 at 12.01 Uhr vormittags Kommentare (2)

Ich mag keine Nationalfeiertage!

Heute ist die Fête Nationale der Franzosen, bei der eines Ereignisses gedacht wird, das gar nicht stattgefunden hat. Der Historiker Gerhard Prause (der als Tratschke den Zeit-Lesern einen kurzweiligen Geschichtsunterricht erteilt), weist nach, daß der Sturm kein Sturm, die Bastille kein finsteres Loch, die Verteidiger der Bastille keine Schlagetots und die Revolutionäre keine Ehrenmänner waren. Grund genug, dem nationalen Hoppsassa in Frankreich und anderswo skeptisch gegenüberzustehen.
Ein einziges Mal, vor 27 Jahren, habe ich während der Fête Nationale etwas mit dieser in direktem Zusammenhang Stehendes getan. Die Herbergseltern einer französischen Jugendherberge, in der ich untergekommen war, hatten im Garten das traditionelle Grillfeuerchen gemacht. Der Sohn des Hauses hatte versucht, es mit Brennspiritus aus einer Flasche anzufachen. Seine Schwester bekam die Stichflamme ab.
Wenige Wochen vorher hatte ich einen Ersthelferkurs hinter mich gebracht. Meine Hilfe bestand hier im wesentlichen darin, die Familie in gebrochenem Französisch zu überzeugen, die schlimm verbrannte junge Frau nicht einfach zu Hause ins Bett zu legen. Leider waren sie nicht dahin zu bringen, einen Krankenwagen zu rufen, und es ist mir ein unvergeßliches Gruselerlebnis, von einem hoch nervösen Fahrer, neben ihm seine krampfhaft schluchzende Frau, in einem Renault eine Landstraße entlanggebrettert zu werden und dabei die unter Schock stehende junge Frau zu hindern, mit den Händen in ihrem verbrannten Gesicht herumzufuhrwerken.
Im Krankenhaus erfuhr ich, daß sie jedes Jahr am 14. Juli Verbrennungsopfer versorgen müssen.
Es gibt vermutlich in jedem Land vergleichbare Torheiten in Verbindung mit dem Nationalstolz. Ein Grund mehr, regelmäßig Ersthelferkurse zu besuchen. Ein Grund weniger, Nationalfeiertage zu mögen.

Veröffentlicht in: on Montag, 14. Juli 2008 at 9.14 Uhr vormittags Kommentare (4)

John Clare zum Geburtstag

john clare
Vor 215 Jahren wurde er geboren und sollte aus einem Tagelöhnersohn mit geringen Bildungschancen zu einem bedeutenden Naturlyriker werden.

Insects

These tiny loiterers on the barley’s beard,
And happy units of a numerous herd
Of playfellows, the laughing Summer brings,
Mocking the sunshine on their glittering wings,
How merrily they creep, and run, and fly!
No kin they bear to labour’s drudgery,
Smoothing the velvet of the pale hedge-rose;
And where they fly for dinner no one knows -
The dew-drops feed them not - they love the shine
Of noon, whose suns may bring them golden wine
All day they’re playing in their Sunday dress -
When night reposes, for they can do no less;
Then, to the heath-bell’s purple hood they fly,
And like to princes in their slumbers lie,
Secure from rain, and dropping dews, and all,
In silken beds and roomy painted hall.
So merrily they spend their summer-day,
Now in the corn-fields, now in the new-mown hay.
One almost fancies that such happy things,
With coloured hoods and richly burnished wings,
Are fairy folk, in splendid masquerade
Disguised, as if of mortal folk afraid,
Keeping their joyous pranks a mystery still,
Lest glaring day should do their secrets ill.

Zu Deutsch:
Insekten

Die kleinen Müßiggänger auf der Gerstengranne,
und fröhlicher Verband der ungezählten Herde
von Spielgefährten, die der Sommer lachend bringt,
die auf den Glitzerflügeln Sonnenschein nachahmen -
wie lustig krabbeln sie und rennen sie und fliegen!
Sie bringen ihre Sippe nicht hervor zur Mühsal,
den Samt der blassen Heckenrose glätten sie,
und niemand weiß, wo sie zum Mittagsmahl hin fliegen -
der Tau ernährt sie nicht - sie lieben Mittagsglanz,
wenn ihnen Sonnenlicht den goldnen Wein kredenzt.
Im Sonntagskleide spielen sie den ganzen Tag -
die Nacht ruht aus, sie tun nichts weniger als dies;
dann fliegen sie zu Heidekrautes Purpurhaube
und liegen, Prinzen gleich, in ihrem Schlummer, sicher
vor Regen, vor den Tropfen Taus, vor aller Fährnis,
in seidnen Betten und in großen bunten Sälen.
Den Sommertag verbringen sie voll Fröhlichkeit,
im Kornfeld bald und bald im frisch gemähten Heu.
Fast mag man glauben, solche freudevollen Dinger
mit bunten Mänteln und mit reich polierten Flügeln
sind Feenvolk in einer prächtigen Maskierung,
vermummt, als fürchte es das Volk der Sterblichen,
und seiner lustgen Streiche Heimlichkeiten wahrend,
daß nicht der helle Tag ausplaudre sein Geheimnis.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

Veröffentlicht in: on Sonntag, 13. Juli 2008 at 12.01 Uhr vormittags Kommentare (5)