Samstag, 4. Juli 2009 · 1 Kommentar
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Mittwoch, 1. Juli 2009 · 3 Kommentare
Schöneberg hat, trotz der heftigen Kriegsschäden in den Hauptachsen, immer noch einiges an Stuck und Karyatiden zu bieten.
Diese innigen Reliefs schmücken ein Polizeirevier. Da wird gekeltert, und ein Kätzchen sitzt dabei; es wird geerntet (niemals nachmachen: ein barfüßiges Kind ist mit einer Sense zugange) und gesponnen (die Dame hält einen Rocken), und ein wachtelähnlicher Vogel schaut zu.


Diese vornehme, aber etwas muffelig dreinblickende Dame beschützt einen Kindergarten.


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Dienstag, 30. Juni 2009 · 3 Kommentare
![Ignaz_Semmelweis_1830[1] Ignaz_Semmelweis_1830[1]](http://kalliopevorleserin.files.wordpress.com/2009/06/ignaz_semmelweis_18301.jpg?w=244&h=299)
Vor 191 Jahren wurde Ignaz Philipp Semmelweis geboren. 1846 wurde er Assistenzarzt in Wien und mußte mit Entsetzen feststellen, daß die Wöchnerinnen reihenweise am Kindbettfieber starben. Durch genaue Beobachtung und Statistik kam er zu dem Schluß, daß die mangelnde Hygiene, vor allem nach der Arbeit im Anatomiesaal, Grund für diese Katastrophe war, und befahl das Desinfizieren der Hände. (Hinweise gaben ihm die Statistiken: Solange das Wiener Krankenhaus keine Anatomische Abteilung gehabt hatte, waren die Wöchnerinnen fast alle am Leben geblieben. Auch nach der Einrichtung der Anatomie überlebten in der Regel jene Wöchnerinnen, die nicht von Ärzten, sondern von Hebammen versorgt worden waren – und Hebammen hatten selbstverständlich keinen Zutritt zu Anatomiekursen.)
Es kränkte die Eitelkeit vieler Ärzte, daß er ihnen die Schuld am Tod der Wöchnerinnen gab. Selbst kluge Köpfe wie Rudolf Virchow weigerten sich, ihm zuzustimmen – teilweise wohl wider besseres Wissen. Semmelweis war leider schüchtern und wenig sprachgewandt, geriet andererseits in Harnisch über boshafte Kollegenschelte gegenüber seiner leicht nachprüfbaren Theorie.
In einem österreichischen Literaturportal findet man seinen Offenen Brief an sämmtliche Professoren der Geburtshilfe – ein eindrucksvolles Dokument mit einer großen Menge deutlicher Hinweise auf die Gründe der Müttersterblichkeit, nur leider sehr unelegant formuliert.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß es auch heute Forscher gibt, deren kluge und menschenfreundliche Theorien kein Gehör finden – weil sie ungeschickt formulieren, nach nichts aussehen und Dialekt sprechen.
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Die Rose an der charmantesten aller möglichen Gartenbänke ist erblüht.

Die Lilie ziert sich noch.

Nachdem Geißbart und Schaublatt verblüht sind, zeigt sich das Mädesüß mit ähnlicher Blütenrispe.

Dies Gezücht mußte ich leider mitsamt dem befallenen Birnbaumzweig entfernen.

Später führte mich mein Weg an dieser verfallenden Pracht vorbei.


Zwar ist Berlin nicht Neapel und führt nicht zum Meere die Havel – aber dennoch:
Friedrich Hebbel
Villa reale a Napoli
Unter duftigen Bäumen, vom Hauch des Abends durchsäuselt,
Sammelt von reizenden Fraun still sich ein glänzender Flor;
Leise ergießt sich der Strom melodischer Klänge und schaukelt
Zwischen Wonne und Weh jedes empfängliche Herz;
Aber die Wogen des Meers, am nahen Gestade sich brechend
Und vom Winde geschwellt, donnern verhalten darein,
An die gewalt’gen Akkorde der rollenden Sphären uns mahnend,
Welche fürs menschliche Ohr sanft zur Musik sich gedämpft.
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Freitag, 26. Juni 2009 · 4 Kommentare
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Vor 1646 Jahren starb Kaiser Julian II., genannt Apostata (der Abtrünnige).
Als arianischer Christ erzogen, hatte er sich bald der neuen Lehre entfremdet, die ihm auch wahrlich nicht befreiend präsentiert worden war: sein Vetter und Vormund hatte ihn ein Dreivierteljahr lang eingesperrt, um den philosophisch und religiös Interessierten dem Christentum zu erhalten.
Die Reaktion auf diese harsche Erziehungsmaßnahme konnte kaum anders ausfallen: Sobald er dazu Gelegenheit hatte, ließ Julian sich in die Eleusischen Mysterien einweihen und tat künftig alles dafür, die Welt der alten Götter Griechenlands wieder zum Leben zu erwecken. Er hatte dabei eine recht romantische und poetische Sicht auf die Götterwelt. Zugleich war er durch seine Liebe zur griechischen Philosophie, durch seine ständige Suche nach Wahrheit durch Bildung sowie durch seine hohe Selbstdisziplin und seine Abscheu vor dem unsinnigen Blutvergießen in der Arena dem Christentum wohl näher, als er wollte.
Klugheit, Ehrgeiz spornten ihn lebenslang an und ließen ihn Zeiten überstehen, in denen sein Onkel, der Kaiser Konstantius, ihn als Marionette zu benutzen suchte.
Im umkämpften Gallien zeigte er sich als kluger und tapferer Feldherr, vermied es, seine Soldaten unnötig zu gefährden, und war von auffälliger Milde gegenüber seinen Gegnern; Kriegsgefangene ließ er anständig behandeln und vermied es, Unterlegene unnötig zu demütigen.
Endlich selbst Kaiser, bekannte er sich öffentlich zum Mithraskult und versuchte verstärkt, die antike Götterwelt wieder aufleben zu lassen. Er muß ein sehr sensibler und phantasiebegabter Mensch gewesen sein; mehrmals erschienen ihm Gottheiten im Traum und sprachen zu ihm.
Er tat viel für die Bildung und verbesserte die Infrastruktur erheblich. Seine Toleranzedikte sahen zwar keine Gleichberechtigung der Religionen vor, aber bei allem Zorn über die Christen ließ er sie nie aktiv verfolgen und lud sogar christliche Gelehrte ein. Die Juden hatten es unter ihm wesentlich leichter als unter den meisten Fürsten vor und nach ihm. Selbst Religionsfrevler – Christen, die heidnische Statuen und Heiligtümer geschändet oder gestohlen hatten – verurteilte er in der Regel nur zu Schadensersatz und sprach sich energisch gegen die von einigen Beamten leider auch praktizierte Lynchjustiz aus.
Julian fiel mit nur 32 Jahren in einem sinnlosen Krieg. Die Renaissance der alten Götter war auch zu seinen Lebzeiten wenig mehr als ein Gedankenspiel gewesen; das Christentum erwies sich als lebenskräftiger.
Vielleicht hätte er mit klügeren und duldsameren Christen in seinem unmittelbaren Umfeld ein Heiliger werden können. Mir scheint, die schon damals so schwierige, uneinige Entwicklung des Christentums und die Entfernung von der befreienden Grundidee, daß es auf nichts so ankommt wie auf die Liebe, ist wenigstens zum Teil Schuld an Julians Aufbegehren und damit auch an seinem schrecklichen Tod.
Julian schrieb vieles, und verschiedene Zeitgenossen schrieben über ihn; daher kann man eine Menge über seine Person erschließen. Seine Geschichte wurde von dem belgischen Altphilologen Joseph Bidez erforscht und in einem sehr gut zu lesenden Werk veröffentlicht: La vie de l’Empereur Julien (dt. Julian der Abtrünnige).
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Donnerstag, 25. Juni 2009 · 10 Kommentare
Es wimmelt nur so von Pleonasmen und falsch gebrauchten Wörtern. Ich werde nicht fertigbringen, alle Sprachvergehen einer einzigen seriösen Zeitung zu zitieren, aber meine bestgehaßten und häufig gelesenen Beispiele kann ich anführen:
brutaler Mord / brutale Vergewaltigung (Ihr Herren Journalisten, geht morden und vergewaltigen auch ohne Brutalität?)
schrecklicher Krieg (Gibt es auch Kriege, die nicht schrecklich sind?)
humanitäre Katastrophe (humanitär [lat. humanus, menschlich, gebildet, gesittet] heißt menschenfreundlich. Menschenfreundliche Katastrophen gibt es nicht.)
ideologische Gründe (Selbstverständlich gibt es die. Aber das Wort Ideologie heißt nicht, wie alle Zeitungen einstimmig und leider erfolgreich vorspiegeln, verbohrt, verblendet oder tyrannisch - sondern kommt von gr. ιδεῖν, sehen bzw. ιδεολογία, Ideenlehre - und bedeutet Weltsicht, Anschauung. Aus ideologischen Gründen – also aus Gründen, die mit meinem Blick auf die Welt zu tun haben – bin ich gegen Verwässerung der Sprache.)
Journalisten tragen eine hohe Verantwortung; Berichterstattung ist meinungsbildend und wirkungsmächtig in der alltäglichen Sprache. Ein Journalist, der die Sprache schlecht oder falsch gebraucht, trägt Mitschuld daran, daß eine Mehrheit es ihm nachtut.
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Der größte Teil des Tempelhofer Industriegebietes ist wirklich häßlich – gesichtslose Riesenbauten aus den 60er Jahren. Aber es war schon Industriegebiet zur Zeit der Backsteinbauten, und neben einigem mehr oder weniger gut Gehaltenen Denkmalgeschützten findet sich anderes, das auf nicht uncharmante Weise vor sich hin verkommt.
Keimkästen einer traditionsreichen Brauerei; ich gehe optimistisch davon aus, daß innen alles heil und sauber ist.

Einfahrt freihalten – wer scharfe Augen hat, kann es noch entziffern.

In dieser Industrieanlage arbeitet jemand, der Rosen liebt.


Dieser Betrieb machte vor sechs Jahren pleite – 85 Leute verloren ihren Arbeitsplatz.

Eines der wenigen Wohnhäuser dieser Gegend – aber es scheint keiner zu Hause zu sein.

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Dieser unsagbar dämliche Satz begegnet mir in Abwandlungen immer wieder. Heute las ich eine Variation im Zusammenhang mit Demonstranten. (Vollkommen gleichgültig, wie man zu der ein oder anderen Kundgebung steht, hat dieser Satz mit der Sache durchaus nichts zu tun.)
Hier noch einmal an alle, die glauben, Arbeitslose seien einfach faul: Es gibt auf der ganzen Erde, auch in Deutschland, Arbeitslosigkeit. Sie ist einerseits der Preis dafür, daß viele beschwerliche und umständliche Arbeiten heute durch Maschinen besser und schonender verrichtet werden können, und andererseits die Konsequenz aus jahrzehntelanger Mißwirtschaft und nun überall fehlendem Geld. Selbstverständlich gibt es auch unter Arbeitslosen Faulpelze – wie in allen Menschengruppen, gleich nach welchen Kriterien man sie zusammenstellt -, aber Faulheit ist kein wesentliches Merkmal Arbeitsloser.
Arbeitgeber haben oft unsinnige Erwartungen – der ideale Arbeitnehmer sei bitte jung, aber mit Berufserfahrung – sozial kompetent, aber ohne Familienwunsch – hochgebildet, aber ohne irgendeine Ahnung von seinen Rechten – ewig jung, aber mit mehrjähriger Berufserfahrung, auch im Ausland.
Alten Leuten – zumal alten Frauen, daran hat alle Emanzipation nichts geändert – wird nichts zugetraut. Und der niemals eindeutig definierbare Begriff alt wird immer weiter nach unten korrigiert. Mit 21 Jahren amüsierte ich mich noch, daß das Jugendherbergswerk mich als Senior einstufte. Mit dreißig Jahren wußte ich aus mehrjähriger Erfahrung, daß ich für weite Teile des Arbeitsmarkts bereits “zu alt” war.
Alt ist zum Schmähwort geworden. Als abfälliges Schimpfwort wird auch “Hartz IV” zunehmend benutzt und gern mit Alkoholismus in Verbindung gebracht.
Bei meiner derzeitigen MAE-Stelle leiste ich hochqualifizierte Arbeit mit Sachverstand und Interesse. Für mehr Geld würde ich nicht schlechter arbeiten.
Meine öffentliche Bewerbung wird im Schnitt einmal täglich angeklickt. Eine Antwort habe ich noch nicht bekommen. Andere Bewerbungen werden entweder zurückgeschickt oder überhaupt nicht beantwortet.
Bisher habe ich noch niemanden, der mir mit einer Variation von “Geh doch arbeiten” entgegentrat, verprügelt. Gott helfe mir, daß es so bleibt.
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Samstag, 20. Juni 2009 · 5 Kommentare
Heute bin ich mit dem Kompostsieben fertig geworden. Eine schweißtreibende Arbeit – und sehr befriedigend, wenn dann am Ende die Kompostecke so aussieht.

Der Hügel besteht aus all dem, was noch weiter verrotten muß; ich habe den Gartenschlauch auf einige Stunden hineingelegt, da trotz des vielen Regens diese Unmassen innen stellenweise staubtrocken waren.
Und der kleinere Hügel unter der Eiche ist bester Humus. Eine Menge ist bereits auf den Beeten verteilt. Hier soll demnächst etwas gepflanzt werden.

Erde wird bald auch aus diesem etwas besorgt über seine abgefallenen Blüten geneigten Fingerhut.


Nelken und Geranien, die einen in geradezu gewalttätigem, die anderen in ganz zartem Rosa.

Gelber Lerchensporn wächst jedes Jahr ganz oben an der Mauer – und sonst nirgendwo.

Zum Lohn für die Mühe gibt es eine Erdbeere.

Friedrich Rückert
Erdbeersträuchlein
Ein Mägdlein an des Felsen Rand
ein nacktes Erdbeersträuchlein fand,
von Sturm und Regengüssen
zerzaust und losgerissen.
Da sprach das Mägdlein leise:
Du arme nackte Waise,
komm mit mir in den Garten mein,
du sollst mir wie ein Kindlein sein.
Drauf macht’ es wohl die Wurzeln los
und trug das Pflänzchen in dem Schoss
und spähte still und wonnig
ein Plätzchen kühl und sonnig,
und wühlte in der Erde
mit emsiger Geberde,
und pflanzte nun das Pflänzchen drein
und sprach: Das soll dein Bettchen sein.
Und als die Frühlingszeit erschien,
begann das Pflänzchen schön zu blühn,
wie sieben weisse Sterne;
das sah das Mägdlein gerne.
Da wurden sieben Beeren,
als ob’s Rubinen wären.
Seht, sprach’s es will nun dankbar sein,
und meint, ich sei sein Mütterlein.
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