“Geh doch arbeiten!”

Dieser unsagbar dämliche Satz begegnet mir in Abwandlungen immer wieder. Heute las ich eine Variation im Zusammenhang mit Demonstranten. (Vollkommen gleichgültig, wie man zu der ein oder anderen Kundgebung steht, hat dieser Satz mit der Sache durchaus nichts zu tun.)
Hier noch einmal an alle, die glauben, Arbeitslose seien einfach faul: Es gibt auf der ganzen Erde, auch in Deutschland, Arbeitslosigkeit. Sie ist einerseits der Preis dafür, daß viele beschwerliche und umständliche Arbeiten heute durch Maschinen besser und schonender verrichtet werden können, und andererseits die Konsequenz aus jahrzehntelanger Mißwirtschaft und nun überall fehlendem Geld. Selbstverständlich gibt es auch unter Arbeitslosen Faulpelze – wie in allen Menschengruppen, gleich nach welchen Kriterien man sie zusammenstellt -, aber Faulheit ist kein wesentliches Merkmal Arbeitsloser.
Arbeitgeber haben oft unsinnige Erwartungen – der ideale Arbeitnehmer sei bitte jung, aber mit Berufserfahrung – sozial kompetent, aber ohne Familienwunsch – hochgebildet, aber ohne irgendeine Ahnung von seinen Rechten – ewig jung, aber mit mehrjähriger Berufserfahrung, auch im Ausland.
Alten Leuten – zumal alten Frauen, daran hat alle Emanzipation nichts geändert – wird nichts zugetraut. Und der niemals eindeutig definierbare Begriff alt wird immer weiter nach unten korrigiert. Mit 21 Jahren amüsierte ich mich noch, daß das Jugendherbergswerk mich als Senior einstufte. Mit dreißig Jahren wußte ich aus mehrjähriger Erfahrung, daß ich für weite Teile des Arbeitsmarkts bereits “zu alt” war.
Alt ist zum Schmähwort geworden. Als abfälliges Schimpfwort wird auch “Hartz IV” zunehmend benutzt und gern mit Alkoholismus in Verbindung gebracht.

Bei meiner derzeitigen MAE-Stelle leiste ich hochqualifizierte Arbeit mit Sachverstand und Interesse. Für mehr Geld würde ich nicht schlechter arbeiten.
Meine öffentliche Bewerbung wird im Schnitt einmal täglich angeklickt. Eine Antwort habe ich noch nicht bekommen. Andere Bewerbungen werden entweder zurückgeschickt oder überhaupt nicht beantwortet.
Bisher habe ich noch niemanden, der mir mit einer Variation von “Geh doch arbeiten” entgegentrat, verprügelt. Gott helfe mir, daß es so bleibt.

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Über Claudia Sperlich

Vorleserin, Dichterin, Übersetzerin, Lektorin, Scholasängerin, Katholikin.
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18 Antworten zu “Geh doch arbeiten!”

  1. piri schreibt:

    … nett, dieser Spruch. Aber nett ist nicht klug und schon gar nicht richtig. Klar, jede/r würde gerne arbeiten und gutes Geld dafür verdienen. Doch, meistens wollen die Arbeitgeber (so es sie denn gibt) wenig Geld bezahlen. Ich könnte kotzen (verzeih mir diesen harten Ausdruck), wenn ich höre, dass jeder der Arbeit sucht, auch Arbeit finden wird. Nur welche?

    Letztens wurde mir aus der Familie heraus der Vorwurf gemacht, dass ich nie richtig gearbeitet hätte. Was wissen die denn schon? Wahrscheinlicher ist, dass ich nie Geld verdient habe …

    Liebe Grüße
    Petra

  2. Claudia schreibt:

    Du hättest, bei Deinen Junioren, nie gearbeitet? Lieber Himmel, Piri, diese Anschuldigung ist einfach… unfassbar doof. Schlimm, daß Du Dir so etwas anhören mußt.

  3. Liisa schreibt:

    Danke! Du schreibst mir aus der Seele! Es ist manchmal schon erschütternd und frustrierend, wie stark dieses auch über die Medien verbreitete “Bild vom Arbeitslosen” inzwischen in der Bevölkerung Fuß gefaßt hat. Die Klischees blühen und natürlich wird grundsätzlich vom negativsten Bild vom Arbeitslosen ausgegangen und seltenst vom positiven. Auch das frustriert viele, die liebend gerne arbeiten würden und schlicht keine Chance bekommen. Und von den Zuständigen in den Arbeitsagenturen knallhart gesagt zu bekommen, das man auf dem Arbeitsmarkt so gut wie nichts mehr wert sei (wegen des Alters von Anfang 40!) ist auch eine Erfahrung der ganz besonderen Art.

  4. Christian schreibt:

    Es ist m.E. unterste Schublade sowas zu sagen. “Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.” Sich insgeheim besser fühlen, weil es andere gibt denen es schlechter geht. Ihnen nach dem archaischen Tun-Ergehen Zusammenhang auch noch die Schuld zuschieben. Ich habe mit einen Titel ohne Mittel Harz IV beantragt und die Unterstellung “Geh doch arbeiten” ist für meine Erfahrungen noch harmlos. Was ich mit den Pharisäern und Gutmenschen mache werde ? Verprügeln ? Sicher nicht. Aber für sie und uns um Gerechtigkeit beten. Viele liebe Grüße.

  5. Claudia schreibt:

    Schön, so klare und gute Worte zu lesen. Gleich fühle ich mich etwas weniger von sabbernden Wölfen umgeben.
    Nicht vergessen will ich die vielen hervorragenden Leute, die ich kenne. Das wiegt solche Holzköppe bei weitem auf – auch wenn es den augenblicklichen Ärger über dummes Gewäsch nicht ändern kann.

  6. Sterntau schreibt:

    Oh danke danke danke für diesen Beitrag!
    Du schreibst mir ja so dermaßen aus der Seele :)

    Ja, genauso ist es. Wer einmal bei ALGII angekommen ist, braucht sich theoretisch gar nicht mehr bewerben. Der Arbeitnehmer betrachtet vielleicht unangenehm berührt dessen Bewerbungsmappe, manchmal schickt er die Unterlagen kommentarlos zurück, manchmal wartet man vergeblich auf ein Zeichen jedweder Art.
    Wo ist der Respekt geblieben? Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand erkennt anhand der Mappe und des Schreibstils, wer sich hinter einer Bewerbung verbirgt. Ist es zuviel verlangt, den hoffungsvoll Wartenden ihre Unterlagen zurückzuschicken? Ist es zuviel verlangt, wenigstens ein Telefonat mit ihnen zu führen? Ich verstehe nicht, wie man so ignorant sein kann.

    Aber ich muss das auch nicht verstehen. Ich muss mich trotz all dieser Erlebnisse weiterhin bewerben und hoffen und warten…

  7. Kari schreibt:

    Ich hasse diesen Spruch auch, habe ihn aber in den letzten 3 Monaten meiner Hauptberufstätigkeit als Arbeitssuchende Gott sei Dank noch nicht gehört. Auch bei den anderen Phasen, die ich bisher in meinem Leben hatte (3 Monate, 6 Monate).
    Viel schlimmer finde ich die Tatsache, von Amtswegen mich auf alles bewerben zu müssen, auch auf die Stellen (Zeitarbeit oder Callcenter) in denen ich nieeee wieder arbeiten möchte, weil es krank macht.

  8. Barbara schreibt:

    Ich werde auch andauernd gefragt, ob ich denn (als verheiratete, aber kinderlose Frau) nicht “schaffen” ginge – wobei “schaffen” selbstverständlich “Geld verdienen” heißt. Wenn ich dann sage, ich arbeite ehrenamtlich für verschiedene gemeinnützige Organisationen und Projekte, ernte ich merkwürdige Blicke, die ich nicht wirklich deuten kann. Irgendwie scheinen die Leute nicht zu kapieren, dass man durchaus auch “arbeiten” kann, ohne Geld zu verdienen. Aber darum geht es wohl – ums Geld verdienen, nicht ums Arbeiten!

  9. Claudia schreibt:

    Kari: Das ist wirklich nervig. Es kommt dabei sehr auf den Sachbearbeiter an, ob man das wirklich muß – manche sind da nicht so streng.
    Barbara: Als wären die ehrenamtlichen Arbeiten verzichtbar – und als wäre Geld verdienen eine moralische Qualität.

  10. Foersterliesel schreibt:

    Vielen Leuten die so dumm reden, ist noch nicht klar wie prekär ihre eigene Arbeitssituation ist, die Krise wird zu weitreichenden Strukturbereinigungen führen von denen viele Arbeitnehmer aber auch Selbständige betroffen sein werden. Ich hoffe Deine derzeitige Arbeit ist für Dich ok, die Bezahlung allerdings ist ein Skandal. Bei uns entwickelt sich dieser dritte Sektor auch, leider. Manchen Leuten sagt man besser nichts wenn man keinen Job hat, finde ich, man muß auch ein bißchen mit seinen Energien haushalten und sich vor unverschämten und verständnislosen Leuten schützen.

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  13. René Meyer schreibt:

    @Liisa: Ich glaube nicht, daß das Bild vom saufenden Arbeitslosen in der Gesellschaft fußgefaßt hat. Bei mir und in meinem Umfeld sicher nicht. Was mich hingegen immer wieder wundert, wenn ich arbeitslose Menschen in Deutschland treffe: Daß sie sich so unglaublich für die Arbeitslosigkeit schämen, dann aber, wenn man sein Mitgefühl mit ihrer Situation zeigt und aufmunternd sein will (“das wird schon wieder”), ihnen das auch nicht hilft. Es ist ähnlich wie mit manchen alten Leuten, mit denen man über nichts als über das Alter und ihre Krankheit reden kann – so bin ich ab und an mit arbeitslosen Menschen zusammengetroffen, mit denen man über nichts, aber auch garnichts, als die fehlende Arbeit reden konnte. Kann mir das einer erklären?

  14. Claudia schreibt:

    René, das wird ähnliche Gründe haben wie bei Leuten, die nur über ihre Krankheit reden können – die Unfähigkeit zur Wahrnehmung von anderen als schlechten Dingen und ein großes Maß an Egozentrik. Ich nehme das zwar nicht so häufig wahr – das mag Zufall sein. – Allerdings ist “Das wird schon wieder” oft auch nicht der klügste Satz – wie man sieht, sind ja auch sehr starke und kompetente Bemühungen bei der Suche um Arbeit nicht immer von Erfolg gekrönt.

  15. René Meyer schreibt:

    Claudia, es stimmt, daß Aufmunterung nur dann hilft, wenn wenigstens Hoffnung besteht. Aber was soll man sonst sagen? Garnichts, und schweigt sich an? Das gefällt mir dann auch wieder nicht. Eine schwierige Situation.

  16. Claudia schreibt:

    Natürlich ist das schwierig. Aber manchmal hilft es schon, zu fragen, wie der andere damit umgeht – da mögen ganz überraschende Auskünfte kommen wie “Zum Fahrradschrauben langts immer noch” oder “In den Tierpark komm ich mit Sozialticket ganz günstig” oder was immer Leute gerne tun. Wobei es natürlich immer auch die gibt, die dann mit genervtem Augenaufschlag sagen, “Was soll man schon tun ohne Geld”, weil sie einfach nicht ausreichend Phantasie haben.

  17. Mrs. Mop schreibt:

    Mitgefühl? Aufmunternd sein wollen? Nicht jeder Prekarianer wünscht solche Reaktionen von seinem (noch erwerbstätigen/sich in trügerischer Sicherheit wähnenden) Umfeld. Das schulterklopfende “Das wird schon wieder” sagt viel mehr aus über den hilflos verlegenen So-Sprecher als dass es dem Adressaten in seiner Lebenssituation hilft. Für mich war solch gutmeinender Sozialarbeitersprech ein Grund, weshalb ich das Bloggen angefangen habe. Weil diese gestanzten Sprechblasen mich mehr belastet haben als meine prekäre Lage es je getan hat.

  18. eurojobber schreibt:

    Zitat Claudia: “…die Unfähigkeit zur Wahrnehmung von anderen als schlechten Dingen und ein großes Maß an Egozentrik…”
    Glaube ich nicht. Ich denke, da vermischt sich purer Neid (Lange schlafen! Kein Chef, der einem auf den Wecker fällt usw.) mit Angst (Hauptsache, mich trifft es nicht…). Und beides wird ja in den Medien kräftig angeheizt. Weil unsere Regierenden ebenfalls Angst haben: Wieviele Leute leben mit oder ohne HartzIV in Armut? Wenn die sich mal zusammenrotten, auweia… Also teile und herrsche. Das funktioniert immer.

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