Mein Leben als Rezitatorin

Herumstehende Architektur

Freitag, 10. Juli 2009 · 1 Kommentar

Da sind die schönen Wohnhäuser, Gründerzeit, Jugendstil, die der Krieg verschont hat – und deren charmante Türen nun von dummen Leuten, die nur das Glotzen, nicht aber das Schauen gelernt haben, bekritzelt werden, nachdem andere, auch nicht hinschauende Leute, diese unsäglichen Kunststeinkübel davor aufgestellt haben…
Haustür

… und da sind die Gotteshäuser der gleichen Zeit, unbedeutende Backsteingotik zumeist, aber nicht weniger wichtig deswegen und immerhin tapfer zum Himmel weisend, die heute nicht mehr auf großen begrünten Plätzen stehen, sondern sich zwischen die Autostraßen quetschen müssen.
Friedrich-Wilhelm-Kirche

Ich wünsche mir eine Welt, in der das Schauen und die Besinnung das Glotzen und die Raserei ablöst.

Ernst Stadler
An die Schönheit

So sind wir deinen Wundern nachgegangen
wie Kinder, die vom Sonnenleuchten trunken,
ein Lächeln um den Mund, voll süßem Bangen

und ganz im Strudel goldnen Lichts versunken,
aus dämmergrauen Abendtoren liefen.
Fern ist im Rauch die große Stadt ertrunken,

kühl schauernd steigt die Nacht aus braunen Tiefen.
Nun legen zitternd sie die heißen Wangen
an feuchte Blätter, die von Dunkel triefen,

und ihre Hände tasten voll Verlangen
auf zu dem letzten Sommertagsgefunkel,
das hinter roten Wäldern hingegangen – –

ihr leises Weinen schwimmt und stirbt im Dunkel.

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