
Vor 23 Jahren starb Bruno Snell.
Er war ein außergewöhnlicher Meister der Klassischen Philologie, mit hohem Sprachwitz und Humor ausgestattet und dazu ein politisch wacher Mensch, der dem braunen Ungeist wehrte, wo immer er konnte. Obwohl er die Möglichkeit hatte, nach Amerika auszuwandern, und einige Zeit später die Universität von Salamanca seine Mitarbeit wünschte, blieb er in Hamburg. Das soll wesentlich seiner Mutter zu verdanken sein, die ihn aufforderte: „Bleib du hier, Bruno, sonst sind gar keine Vernünftigen mehr in Deutschland“. Ihr sei an dieser Stelle Dank gesagt!
Snell unterließ es die ganze Nazizeit lang, „pflichtgemäß“ mit erhobener Hand und Diktatorensegenswunsch zu grüßen. Als Hamburg bombardiert wurde, bewahrten er und seine Frau Hertha Snell ihre Töchter vor Kinderlandverschickung und regimekonformem Drill, indem sie sie im Allgäu bei Bauern unterbrachten.
Daß man auch mit subversivem Witz (den kein Zensor verstand) gegen die herrschende Unkultur sprechen konnte, zeigt Snells kurzer Artikel „Über das I-ah des goldenen Esels“. Snell erläuterte 1935 (also im Jahr nach der unseligen Volksabstimmung) an literarischen Quellen, daß im Griechischen der Eselslaut mit οὐ = nein wiedergegeben wird und schließt den Artikel:
Es stellt sich also heraus, daß das einzige wirkliche Wort, das ein griechischer Esel sprechen konnte, das Wort für ‘nein’ war, während kurioserweise die deutschen Esel gerade umgekehrt immer nur ‘ja’ sagen.
Gesammelte Schriften, Vandenhoeck und Ruprecht, S. 201
Seinen Kollegen Paul Maas überzeugte Snell, daß er auswandern müsse – Maas hatte trotz seiner großen Klugheit die Gefährlichkeit der Nazibande zunächst nicht ernst genommen. Auf Snells Drängen ging er nach Oxford und blieb am Leben.
Als Dekan der Philosophischen Fakultät in Hamburg half Snell in den ersten Nachkriegsjahren dem klaren Denken wieder auf. Den Dialog mit Kollegen, die vorher keine eindeutige Position gegen die Nazis bezogen hatten, verweigerte er lebenslang.
Sein 1946 erschienenes Hauptwerk Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen erscheint in diesem Jahr in der 9. Auflage; es gehört immer noch zur Standardlektüre junger Philosophen. Trotz der zahlreichen griechischen Zitate ist es auch für Menschen, die kein Griechisch verstehen, ein wenn auch nicht ganz einfaches, doch höchst lesenswertes Buch.
In der zweiten Hälfte des 5. Jahrh. [v. Chr.] kommt es zur ersten Auseinandersetzung zwischen Theorie und Praxis in einer uns verloren gegangenen Tragödie des Euripides, der Antiope. Aus der großen Diskussion, die zwei Brüder, Zethos, der Krieger, und Amphion, der Sänger, führten, ist durch Zitate so viel erhalten, daß wir erkennen, mit welchen Argumenten jeder seine Lebensform verteidigt, – es sind solche, die bis in die Gegenwart immer wieder auftauchen, obwohl Euripides in seiner Tragödie als Vertreter des theoretischen Lebens keinen Philosophen oder wissenschaftlichen Forscher auftreten lassen kann: er muß sich an die Figuren der Sage halten und da steht ihm nur ein Dichter zur Verfügung. Zethos spricht, wie noch heute ein solider und besorgter Vater spricht, wenn sein Sohn bedenkliche Neigungen zu Kunst und Wissenschaft zeigt: Solch unnütz-weibisches Leben taugt nicht für die harte Wirklichkeit, es führt zu Trägheit und Lotterei, es hilft nicht für ein wohlgegründetes Hauswesen und erst recht nicht für den Staat. Ähnliche Vorwürfe äußert die gleichzeitige Komödie gegen die, die sich mit den Sophisten einlassen.
Amphion macht dagegen zweierlei geltend: Das musische Leben ist in Wahrheit viel nützlicher, außerdem macht es den Menschen glücklicher. Der größere Nutzen liegt darin, daß die Vernunft hilfreicher ist als ein starker Arm, denn sie nützt dem Haus und dem Staat viel mehr; selbst im Krieg ist sie mehr wert als rohe Kraft. Hier ist besonders deutlich, daß Amphion nicht nur die Dichtkunst und die Musik verteidigt, sondern das Geistige als solches. Das größere Glück besteht aber darin, daß geistige Tätigkeit frei ist von der Unruhe und Gefahr der politischen Kämpfe, daß sie in einer sicheren und bescheidenen Existenz beständigere und höhere Freuden gewinnen kann.Entdeckung des Geistes, Vandenhoeck und Ruprecht, S. 278


































































































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