Justitias Blindheit

Im Landgericht in der Turmstraße, Berlin, sitzen Yunus und Rigo auf der Anklagebank. Vorgeworfen wird ihnen ein Mordversuch.
Am 1. Mai 2009 soll Yunus einen Molotov-Cocktail gezündet und Rigo diesen auf eine Passantin geworfen haben, die Brandverletzungen am Rücken erlitt.

Beide sagen aus, daß sie bei der Maidemonstration zugeschaut hatten und eine Weile im Schwarzen Block mitgelaufen waren. Dann hatten sie beschlossen, an einem Bankautomaten Geld zu holen und zu Freunden zu gehen. Dabei wurden sie festgenommen. (Die Aussage wird von Yunus und Rigo übereinstimmend gemacht; eine Absprache wäre ihnen auch nicht möglich gewesen, da sie in unterschiedlichen Haftanstalten sitzen.)

Die für die Festnahme verantwortlichen Polizisten sagen, sie haben die Brandflasche fliegen sehen, und sie behaupten, die Täter an ihrer Kleidung erkannt zu haben. Zunächst behauptete ein Polizist, er habe gesehen, wie Rigo die Flasche warf; diese Behauptung nahm er später zurück.

Zur Tatzeit war es dunkel, die Straße war voll und laut, und selbstverständlich eilten die Polizisten der brennenden Frau zu Hilfe. Bei der eindeutig wiedererkannten Kleidung handelt es sich um ein weißes T-Shirt und ein schwarzes Basecap, nicht gerade einzigartig auffällige Textilien.

Die Tatsache, daß an keinem Kleidungsstück und keiner Hautpartie der Angeklagten Benzinspuren waren, wurde über mehrere Prozeßtage verschwiegen. Ein Polizist sagt aus, beide seien völlig überrascht, aber friedlich mitgekommen. Im Festnahmeprotokoll hat eben dieser Polizist angegeben, sie hätten Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet; auf Befragen der Richterin gibt er an, dies auf Veranlassung seines Kollegen getan zu haben.

Andere Zeugen haben die Tat beobachtet, beschreiben den Täter unabhängig voneinander – und er ist keineswegs einem der beiden Angeklagten ähnlich. Diese Zeugen hatten sofort nach der Tat die Polizei informiert, wurden eine Woche später noch einmal zur Zeugenvernehmung geladen.
Ein Photo zeigt mehrere Demonstranten, keiner davon ist mit einem der Angeklagten identisch. Einer trägt ein weißes T-Shirt und eine schwarze Basecap – wie vermutlich noch einige hundert Leute an jenem Abend. Das Bild wird von zwei neutralen Zeugen als Tätergruppe bezeichnet, ausdrücklich im Zusammenhang mit der Verletzten. (Diese übrigens kann sich zu dem Täter nicht äußern, da sie ja am Rücken getroffen wurde und ihn nicht sah.) Das Photo wurde über mehrere Prozeßtage zurückgehalten. Inzwischen wurden zwei der Abgebildeten identifiziert; gegen sie läuft ein Ermittlungsverfahren.

Ein Einweghandschuh mit Spuren eines Brandverstärkers wurde angeblich in Rigos Hosentasche gefunden. Damit konfrontiert, daß es sich um einen anderen Brandverstärker als den für die Brandflasche benutzten handelte, räumte der Polizist ein, er habe den Handschuh auf dem Boden gefunden.

Entlastendes Beweismaterial wird zurückbehalten, angebliches Beweismaterial wird untergeschoben, widersprüchliche Aussagen von Polizisten werden geglaubt, unwidersprüchliche Aussagen von anderen Leuten, die Rigo und Yunus entlasten könnten, nicht. Der Antrag auf Haftverschonung wurde ohne glaubwürdige Begründung abgelehnt. Zwei Schüler sitzen seit sieben Monaten im Gefängnis; der Prozeß begann erst vier Monate nach der Festnahme.

Yunus ist zur Tatzeit 19, Rigo 16 Jahre alt. Beide sitzen seit ihrer Festnahme ununterbrochen im Gefängnis – wegen angeblicher Fluchtgefahr. Yunus hat sein Abitur im Gefängnis gemacht, Rigo den Mittleren Schulabschluß – beide mit guten Noten. (Nebenbei ein Lob an die Lehrer, die im Gefängnis die Prüfungen abnahmen!)
Zwar wurde Yunus wegen eines Flaschenwurfes (ohne schreckliche Folgen) am 1. Mai 2007 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Jedoch scheint dies ein einmaliger Ausrutscher gewesen zu sein; er ist seitdem nie mehr unerfreulich aufgefallen. Daß er sein Abitur unter diesen Umständen bestanden hat, ist ein Zeichen für ein Maß an Disziplin, das sich kaum in einem halben Jahr Knast lernen läßt – das ihm also wohl schon lange eigen ist.
Rigo ist als hilfsbereit, friedliebend und freundlich bekannt. Alle, die ihn kennen, bestätigen, daß die ihm vorgeworfene Tat überhaupt nicht zu seinem Wesen paßt.

Nach allem, was über die Angeklagten und über den Fortgang des Prozesses bekannt ist, ist es äußerst unwahrscheinlich, daß die Richtigen auf der Anklagebank sitzen – ich selbst halte es für vollkommen unmöglich. Sollten sie dennoch verurteilt werden, so erwartet Yunus lebenslängliche Haftstrafe, Rigo zehn Jahre Gefängnis. Das ist genug, um einen Menschen kaputtzumachen, gleich ob er schuldig ist oder nicht.
Mir fällt dazu ein, was mir einst ein Anwalt angesichts der mit Augenbinde dargestellten Justitia sagte:
“Taub ist sie auch.”

Zornig bin ich auch auf den Täter, der nicht den Mumm hat, auszusagen, und andere Leute seine Untat ausbaden läßt.

Eine ausführliche Beschreibung jedes Prozesstages und reichlich Hintergrundinformationen sind hier zu finden. Rigos Schulfreunde haben ein anrührendes Musikvideo ins Netz gestellt.

Ich wünsche Yunus und Rigo von Herzen, daß die Wahrheit bald ans Licht kommt und daß ihnen dann endlich Gerechtigkeit widerfährt.

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Über Claudia Sperlich

Vorleserin, Dichterin, Übersetzerin, Lektorin, Scholasängerin, Katholikin.
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11 Antworten zu Justitias Blindheit

  1. Violine schreibt:

    Ich schliess’ mich Deinen Wünschen an. Oh, hoffentlich löst sich alles auf. So etwas von Böse, das wünscht man niemandem.

    Und ich dachte mal wieder, wie sieht es in unserem Lande nur aus!

  2. Frau Sterntau schreibt:

    Unfassbar!
    Ich bin ja ein Gerechtigkeitsfanatiker und wenn ich sowas lese, werde ich sauer.
    Ich hoffe, dass die Wahrheit bald ans Licht kommt.

  3. strabo schreibt:

    “Zornig bin ich auch auf den Täter, der nicht den Mumm hat, auszusagen, und andere Leute seine Untat ausbaden läßt.” Diesen Worten schließe ich mich an, Claudia. Im Übrigen habe ich aber volles Vertrauen in die Arbeit der drei Berufsrichter der Strafkammer.

  4. Claudia schreibt:

    Strabo, mein Vertrauen gegenüber Richtern war schon mal größer. Die Art und Weise, wie über die offensichtlichen Falschaussagen der Polizei auch von richterlicher Seite hinweggegangen wird, ist nicht besonders vertrauenerweckend. Hoffen wir, daß sie trotzdem am Ende gerecht handeln.

  5. onivido schreibt:

    ich dachte sowas gaebe es nur in Lateinamerika, aber diese Geschichte belehrt mich eines besseren.
    Hoffentlich ist das Vertrauen auf die Richter gerechtfertigt.
    Der oder die wirklichen Taeter werden sich sicherlich nicht melden. Das passt nicht zum Charakter eines Kriminellen.

  6. Claudia schreibt:

    Onivido, ich glaube nicht, daß es “den Charakter eines Kriminellen” gibt. Das hätte ja zur Folge, daß alle Eierdiebe, Serienmörder und Steuerhinterzieher den gleichen Charakter haben.

  7. onivido schreibt:

    Unter den Kriminellen gibt es natuerlich gewaltige Unterschiede. Ein Serienmoerder ist ein Irrer, ein Eierdieb ein Lausejunge oder ein Mensch am Verhungern, ein Steuerhinterzieher ist ein Dieb mit Krawatte. Alle haben, so glaube ich, eine Sache gemeinsam. Sie stellen sich nicht freiwillig der Justiz. Vielleicht irre ich mich.
    Wenn jemand einem Menschen einen Molotow Cocktail in den Ruecken wirft, ist er wohl kaum dazu bereit sich zu melden. Natuerlich ist es moeglich , aber es ist nicht wahrscheinlich.

  8. Claudia schreibt:

    Nun ja – es geschieht immer mal wieder, gerade bei Gewaltverbrechen, daß Täter sich stellen. Allerdings eher sofort nach der Tat als Monate später, und eher nach Affekthandlungen als nach geplanten Untaten. Daher hast Du in diesem Falle wohl recht – wahrscheinlich stellt sich der Täter nicht. Aber ich mag die Hoffnung nicht aufgeben.

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