Emanzipation und Abtreibung

Für eine Abtreibung stehen folgende Möglichkeiten zur Verfügung:

1. Absaugen oder Ausschaben. Dabei wird mit einem metallenen Gegenstand im Körper der Frau gewühlt; das Kind wird buchstäblich zerstückelt.
2. Medikamentöse Einleitung der Geburt. Dabei wird mit für die Frau übelkeiterregenden Hormongaben der Muttermund erweitert. Die Prozedur dauert mehrere Tage. In seltenen Fällen überlebt das Kind und wird dann auf andere Weise entfernt.

Ich halte es nicht für eine emanzipatorische Errungenschaft, das Herumwühlen mit Metallgegenständen im Uterus sowie die medikamentöse Induzierung von Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen – beides ohne therapeutische Notwendigkeit – zu erleichtern. Natürlich geht es dabei zwar nicht um das Ziel, sondern den Weg (und ich bin nicht der Meinung, der Weg sei das Ziel). Aber wenn das Ziel die Entfernung eines Menschen ist und der Weg das Piesacken seiner Mutter, hat das für mich immer noch nicht erkennbar mit Emanzipation zu tun.

In der Diskussion wird leider von Seiten der Lebensschützer immer wieder mit Komplikationen und psychischen Folgen argumentiert – und von der Gegenseite damit, daß es solche Folgen bei fachmännisch durchgeführten Abtreibungen fast nie gibt. Beide Seiten argumentieren ohne genaue Statistiken, und ich habe den Verdacht, es gibt die behaupteten unerwünschten Folgen seltener als von vielen Lebensschützern behauptet und häufiger als von vielen Abtreibungsbefürwortern angenommen. Für die logische und ethische Beurteilung des embryonalen und fötalen Lebensrechts ist das allerdings nicht von besonderer Relevanz.

Wenn tatsächlich keine andere Wahl bestünde als das Kind entweder von einem erfahrenen Mediziner oder von einer Engelmacherin entfernen zu lassen, wäre selbstverständlich der Mediziner die sinnvolle Wahl. Aber es besteht ja noch die Möglichkeit, das Kind leben zu lassen. Nur in sehr seltenen Fällen ist das Leben der Mutter in einer Weise gefährdet, daß der Tod des Kindes als traurige Folge einer Behandlung der Mutter in Kauf genommen werden muß.

Tatsächlich ist eine fachmännisch durchgeführte Abtreibung fast immer für die Mutter weit weniger gefährlich als Schwangerschaft und Geburt – und im Fall einer Lebendgeburt wäre Abtreibung immer die kostengünstigere Alternative gewesen, auch wenn das Kind unmittelbar nach der Geburt stirbt. Aber nur ein völlig gefühlskalter Mensch wird daraus schließen, daß aus gesundheitlichen und finanziellen Gründen die Abtreibung dem Austragen des Kindes vorzuziehen sei.

Der Emanzipation des Kindes steht seine Tötung eindeutig im Wege. Es hat lange gedauert, bis man über Kinderrechte überhaupt ernsthaft nachgedacht hat. Allerdings gelten die Kinderrechte erst von der Geburt an. Der § 218 wird immer wieder als Eingriff in die Rechte der Frau gesehen; tatsächlich ist er eine wichtige Erweiterung der Rechte des Kindes.

Über Claudia Sperlich

Vorleserin, Dichterin, Übersetzerin, Lektorin, Scholasängerin, Katholikin.
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12 Antworten zu Emanzipation und Abtreibung

  1. Monika schreibt:

    Guten Morgen,

    das sind sehr gute Gedanken. Ich bin der Überzeugung, dass die Rechte des Kindes nicht mit der Geburt anfangen, sondern mit der Zeugung. Dort entsteht nämlich schon der Mensch. Er muss sich nur entwickeln. Früher dachte man, dass Kinder den Eltern gehörten. Sie mussten sich ihnen also unterordnen. Im alten Rom hatte der Vater das Recht über Leben und Tod des neugeborenen Kindes zu entscheiden. Heute würde man zu Recht entsetzt dagegen die Stimme erheben. Bei einem ungeboreren Kind allerdings nicht oder nur ganz selten. Dort sehe ich noch Entwicklungsbedarf, dass auch hier das ungeborene Kind wie ein neugeborenes Kind in der heutigen Zeit behandelt werden muss.

    Viele Grüße und vielen Dank für den aufschlussreichen Artikel

    Monika

  2. cassandra_mmviii schreibt:

    Ich habe 3 Abtreibungen miterlebt.
    In einem Fall waren es die Eltern, die die Entscheidung getroffen haben. Sie war 17, stand kurz vor dem Abi und die Eltern hatten beschlossen, dass das nicht ginge.
    Im zweiten Fall war es die Frau als ihr Partner mit völliger Hilflosigkeit reagierte. Er war sehr erleichtert als sie die Dinge in die Hand nahm.
    Beide Frauen hatten grob ein Jahr später ernsthafte Depressionen (tat dem Abi auch nicht gut). Beide stellten einen Zusammenhang zwischen dem Beginn der Depression und dem Geburtstermin ihres Kindes fest.

    Das hat gereicht, um mich zur Abtreibungsgegnerin zu machen.

    Das dritte war eine junge Frau, die grad ein Auslandsjahr machte. Fremd wie sie war, nahm ihr Freund die Dinge in die Hand und vereinbarte den “nötigen” Termin. Am Tag vorher rief sie ihre Eltern an und bat um Hilfe. Wutanfall des Vaters, wie kannst du es wagen schwanger zu werden?
    Die zweite Frau des Vaters sah das Problem nicht.
    Ihre Mutter erreichte sie nicht.
    Auch nicht grad ein Musterbeispiel für Emanzipation.
    Als ich mein erstes Kind zur Welt gebracht habe, hat sie geweint und mir gesagt, was passiert ist.

    Froh ist keine der Frauen mit dem geworden, was passiert ist.

    • Susann schreibt:

      Man könnte nun argumentieren, dass in allen drei Fällen die Frauen – aus welchen Gründen auch immer – die Entscheidung nicht überlegt und selbstbestimmt trafen. Einmal war’s der Partner, einmal waren’s die Eltern, einmal musste die junge Frau wohl recht überstürzt und schlecht beraten entscheiden.
      Ich könnte mir vorstellen, dass eine Frau, die rational abwägt und aus ihrer Situation heraus sinnvoll handelt – und zwar nicht, weil ihr das wer einredet, sondern weil sie selbst es für sinnvoll hält, jetzt kein Kind auszutragen und dann 20 Jahre lang dafür zu sorgen – wesentlich weniger unter einer Abtreibung leidet.
      Diese drei Fälle machen mich definitiv NICHT zur Abtreibungsgegnerin – aber zur Gegnerin von Abtreibungen, in denen Partner und Eltern entscheiden, nicht aber die betroffene Frau.

  3. Bettina schreibt:

    Abtreibung und Emanzipation hat in meinen Augen GARNICHTS gemein. Wie oft sind es die Männer, die keine Verpflichtungen wollen, oder eben nahe Angehörige, die die Schwangere mit: “igitt, komm uns nicht damit” unter Druck setzen.
    Emanzipation der Frau ist für mich eine Frage der gesellschaftlichen Anerkennung der Familienarbeit und nicht , dass sich Frauen wie Männer geben und der Begriff Mutter mit Eltern1 oder Eltern2 (wie in der Schweiz gefordert) ausgetauscht wird.

  4. Pingback: Kultureller Wochenrückblick « Welt der Kultur

  5. Die Pimpfe schreibt:

    Danke für diese guten Überlegungen! Wir Pimpfe sind immer traurig, wenn wir von Abtreibungen hören…

  6. Claudia Sperlich schreibt:

    Dank für die guten Kommentare, die ich teilweise erst heute freischalten konnte, da ich kurz verreist war.
    Ich finde es sehr ermutigend, daß so verschiedene Menschen das Problem nicht unter den Tisch kehren oder banalisieren.

  7. ichwesen schreibt:

    Hallo, ich habe gerade Ihre Internetseite entdeckt. Sehr interessant. Ich teile Ihre Vermutung, dass die unter der der Bezeichnung PAS zusammengefassten psychosomatischen Folgen tatsächlich nur selten vorkommen. Ein medizinisch erwiesenes Faktum mit eigenen Diagnosecode sind sie jedenfalls nicht. Ich teile aber ebenfalls Ihre Auffassung, dass dies letztlich keine große thematische Relevanz hat. Es wird wohl auch von Seiten der Lebensschützer nicht immer seriös argumentiert.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Willkommen, Ichwesen!
      Die Lebensschützer sind ja keine homogene Masse. Es gibt unter ihnen vermutlich den gleichen prozentualen Anteil an unredlich und ungenau Argumentierenden wie in fast jeder beliebigen Gruppe Menschen. Das macht allerdings das Anliegen nicht falsch, wie ja auch zweifellos vorhandene schlechte Ärzte kein Argument gegen die Ausübung der Heilkunst sind.

  8. Gerd schreibt:

    Muss man Statistiken vorweisen, über die Häufigkeit psychosomatischer Folgen einer Abtreibung, um als Lebensschützer ernst genommen zu werden? Kann sich ein gesunder Mensch vorstellen, dass eine Mutter, die ihr Kind freiwillig oder unter Zwang tötet, psychisch gesund weiter leben kann? Diese Mütter möchte ich hören und sehen. Bisher ist mir noch keine untergekommen. Wohl welche, die an ein normales Leben, nach einer Abtreibung nie mehr denken können. Und die sind keine Seltenheit.

    • Claudia Sperlich schreibt:

      Mir sind durchaus Frauen bekannt, die abgetrieben haben und die ich für psychisch gesund halte. Allerdings nicht für unbeeindruckt. Trauer und Reue sind ja keinesfalls krankhafte Reaktionen (das völlige Fehlen von beidem wäre eher krank zu nennen).

Ich freue mich über Kommentare. Erstkommentierer müssen sich ein wenig gedulden. Spammern gleich welcher Couleur gebe ich keine Chance.

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