Mein Leben als Rezitatorin

Archipoeta


Eine Seite für einen meiner Lieblingsdichter. Er lebte im 12. Jahrhundert, und sein vielleicht berühmtestes Lied, das Carmen VII, die Vagantenbeichte (Estuans intrinsecus), beschäftigt mich, seit ich mit 15 Jahren mit den Carmina Burana in Carl Orffs Vertonung Bekanntschaft machte. Ich habe früh eine sehr freie Nachdichtung einiger Strophen zustande gebracht, später dann folgende texttreuere Übersetzung der meisten Verse.
Mich fasziniert an diesem Lied immer wieder, daß der Archipoeta schonungslos ehrlich mit sich ins Gericht geht und zugleich auch etwas wie Stolz auf genau diese Lebensart durchklingt.
In meiner Verdeutschung:

1
Bis zum Rande angefüllt nur mit Zorn alleine,
schlag ich voller Bitterkeit an mein Herz und weine:
aus zu leichtem Stoff gemacht, kann ich nirgends bleiben,
bin ich wie ein welkes Blatt, das die Winde treiben.

2
Eigen ist dem weisen Mann, klug sein Haus zu bauen;
er stellt es auf Felsengrund, kann dem Grund vertrauen.
Ich, ein Tor, vergleiche mich mit des Flusses Eilen:
unterm gleichen Himmelsstrich kann er nie verweilen.

3
Wie ein steuerloses Schiff lasse ich mich treiben;
wie der Vogel in der Luft kann ich nirgends bleiben;
keine Fessel je mich hielt, Schlüssel nie mich bargen -
meinesgleichen such ich auf, bind mich an den Argen.

4
Schwere Herzen scheinen mir viel zu schwere Sachen;
liebenswert ist mir der Scherz, honigsüß das Lachen!
Überall wo Venus herrscht, ist die Arbeit seiden,
doch in dumpfen Herzen will sie ihr Heim nicht leiden.

5
Gehe ich den breiten Weg eigen meiner Jugend,
werfe mich dem Laster an ungedenk der Tugend,
bin begierig, nur die Lust, nicht das Heil zu erben,
sorge mich um meine Haut, lass die Seele sterben.

6
Weiser Bischof, reuig fleh ich zu dir als Büßer:
leiden will ich guten Tod, Sterben wird mir süßer -
Mädchenschönheit – im Gemüt lässt sie tiefe Spuren,
wo ich sie nicht fassen kann, will mein Herz doch huren.

7
Schwer ist unsre Schuldigkeit, die Natur zu schlagen
und beim Anblick junger Fraun reinen Sinn zu tragen.
In der Jugend können wir kaum nach Regeln trachten,
und der jugendliche Leib ist nicht leicht verachten.

8
Wer ins Feuer hingestellt, wird der nicht verbrennen?
Wer soll in Pavia noch lange keusch sich nennen?
Wo mit ihrem Finger lockt Venus junge Leute,
fallen sie durch ihren Blick, ihrer Schönheit Beute.

9
Stellst du heute Hippolit in Pavias Mauern,
könnt ihm, Hippolit zu sein, nicht zwei Tage dauern.
Im Gemach der Venus muß jeder Weg sich einen,
unter allen Türmen ist kein Turm für die Reinen.

10
Zweitens bin ich angeklagt, dass gespielt ich habe,
da ich aber durch das Spiel kaum noch Kleider habe,
bin ich kalt von außen zwar, doch im Geist voll Hitze,
Verse schreib und Lieder ich so mit größerm Witze.

11
Drittens weiß ich wohl, man sieht mich zur Schenke gehen,
niemals hab ich sie geschmäht, will sie niemals schmähen,
bis einst an mein Totenbett heilge Engel kommen,
deren Lied zuletzt ich hör: Ewge Ruh den Frommen.

12
In der Kneipe möchte ich dermaleinst vergehen,
wo dem mund des Sterbenden nah die Weine stehen!
Singend wird der Engel Chor meine Seele werben:
Laß, o Gott, den Zechkumpan nun dein Reich ererben.

13
Durch die Becher wird mir des Geistes Licht erleuchtet,
und zum Himmel fliegt mein Herz, das der Nektar feuchtet.
Besser als des Bischofs Wein schmeckt mir Wein der Schenke,
da sein Mundschenk Wasser mischt stets zu dem Getränke.

14
Manche Dichter scheuen zwar öffentliche Orte,
wählen sich die Einsamkeit zum verborgnen Horte,
mühn sich eifrig, wachend und im beständgen Ringen -
können endlich doch kaum ein großes Werk vollbringen.

15
Fasten und Enthaltsamkeit übt der Chor der Dichter,
Lärm des Marktes meidet er, Streit mit dem Gelichter,
und daß nur ein Werk gelingt, daß sie ewig blühen,
sterben sie an ihrem Fleiß, Knechte ihrer Mühen.

16
Einem jeden gibt Natur die ihm eigne Gabe:
wenn ich nüchtern war, noch nie ich geschrieben habe;
bin ich nüchtern, so besiegt mich ein kleiner Bube,
Durst und Fasten hasse ich wie die eigne Grube.

17
Einem jeden gibt Natur die ihm eigne Gabe:
wenn ich schreibe, tut auch Not, dass der Wein mich labe,
und vom reinsten steht das Fass immer bei den Schenken,
solche Weine lassen mich Lieder viel erdenken.

18
Meine Verse gleichen stets dem genossnen Weine,
wenn ich nichts genossen hab, schreibe ich auch keine;
was ich nüchtern schreibe, wird besser ganz verschwiegen,
hinterm Kelche aber kann ich Ovid besiegen.

19
Niemals wird der Dichterkunst Geist mir zugemessen,
wenn zuvor der Magen nicht hat genug zu essen;
allsolange Bacchus thront in des Hirnes Veste,
stürzt auch Phoebus auf mich ein, kündet mir aufs Beste.

20
Sieh, nun hab ich vorgebracht meine Missetaten,
die von deinen Treuen schon wurden dir verraten,
unter denen keiner je selber sich verklagte,
wenn er auch dem Spiele hold, nach der Weltlust jagte.

21
Vor dem Angesichte des Bischofs voller Ehren,
nach der Richtschnur, die uns gab das Gebot des Herren,
werfe der den Stein auf mich, schone nicht den Dichter,
dessen Sinn nicht werden mag eigner Sünden Richter.

22
Was mir wider mich bewußt, hab ich ausgesprochen,
und das lang bewahrte Gift habe ich erbrochen.
Bin das alte Leben Leid, neu will ich beginnen,
was vor Augen, sieht der Mensch, Gott kennt unser Sinnen.

23
Tugend hab ich nun erwählt, Lastern abgeschworen,
werde mit erneutem Sinn geistlich neu geboren,
wie ein neu Gebornes soll frische Milch mich nähren,
niemals mehr soll Eitelkeit dieses Herz begehren.

24
Kölns Erwählter, schone mich, alles will ich büßen,
sei barmherzig und vergib, dir fall ich zu Füßen.
Gib mir Buße auf, da ich keine Schuld verhohlen,
und mit frohem Sinne tu ich, was du befohlen.

25
Schont doch auch der Leu, der Fürst ist vor allen Tieren,
seine Knechte, wird den Zorn aus dem Sinn verlieren.
Handelt grade so wie er, Fürsten ihr auf Erden!
Was der Süße mangelt, kann allzu bitter werden.

© Claudia Sperlich

Meine weiteren Übertragungen des Erzpoeten sind hier zu finden:

Carmen I
Carmen II
Carmen III
Carmen IV
Carmen V
Carmen VI
Carmen VIII
Carmen IX
Carmen X

Ein Jammer, daß wir nicht mehr als zehn Gedichte des Archipoeta kennen – und das letzte nicht einmal vollständig! Ich stelle mir vor, im Himmel gibt es einen Vorraum mit verschollenen und auf Erden unvollendeten Büchern und Schriften – mit der Bibliothek von Alexandria, mit dem 2. Band Felix Krull, und mit allen Werken des Archipoeta.
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Die Rechte an den auf dieser Seite vorgestellten Übersetzungen liegen bei mir.

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