Mit den Tags ‘Bedrohung’ versehene Einträge
… macht mir eine neue Verordnung, derzufolge ein Schornsteinfeger prüfen muß, ob die Gastherme sich automatisch abschaltet, wenn der Schornstein verstopft ist. Das geht so:
Mit einem kleinen Metallfächer verstopft der Schornsteinfeger das Rohr, das Therme und Schornstein verbindet. Dadurch strömen die Abgase nicht mehr nach oben, sondern zurück in die Wohnung. Der Vorschrift nach müßte der Mann das bei geschlossenem Fenster machen, aber das wollte ich ihm und mir nicht zumuten (was er begrüßte). Meine Therme funktioniert, d.h. der Schornsteinfeger lebt noch.
Ich fragte ihn, ob das nicht gefährlich für ihn sei – ich muß diese Belastung ja nur einmal im Jahr ertragen, und auch nur, wenn ich daneben stehe – ich könnte aber auch in ein anderes Zimmer gehen. Er aber muß täglich mehrere Gasthermen auf diese Weise prüfen. Das ist erst seit Anfang dieses Jahres so; man kann also noch nicht wissen, welche Berufskrankheit bei Schornsteinfegern in der Folge dieser Verordnung zu erwarten ist.
Das Leben der Mieter wird geschützt – und was ist mit dem Leben der Schornsteinfeger? Ist ein Beruf mit ständiger Belastung durch Feinstaub nicht gefährlich genug?

Eine Zeitlang gab es in Deutschland hervorragende Sozialgesetze. Immer noch gibt es in Deutschland bessere Sozialgesetze als in den meisten anderen Weltgegenden. Aber es entwickeln sich Zustände, die mir ein ganz bestimmtes Lied in Erinnerung rufen.
Georg Herwegh
Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
1863
You are many, they are few.
(Eurer sind viele, ihrer sind wenige.)
Bet und arbeit! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not –
Bete kurz! denn Zeit ist Brot.
Und du ackerst, und du säst,
Und du nietest, und du nähst,
Und du, hämmerst, und du spinnst -
Sag, o Volk, was du gewinnst!
Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn -
Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?
Alles ist dein Werk! o sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?
Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt – o Volk. das ist dein Lohn.
Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht,
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst – ins bunte Tuch.
Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat’s für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Übermut.
Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?
Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.
Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!
Brecht das Doppelloch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!
Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Arbeit, Bedrohung, Georg Herwegh, Gerechtigkeit, Literatur, Lyrik, Wirtschaft, Zorn
Sonntag, 9. November 2008 · 7 Kommentare

Vor 230 Jahren starb Giovanni Battista Piranesi, der geniale Zeichner und Kupferstecher. Mit höchster Genauigkeit stellte er Gebäude dar, auch ruinöse Aquädukte samt von ihnen beschatteten winzig scheinenden Menschen.

Ein weiteres großes Thema waren seine Architekturphantasien düsterer Gefängnisgewölbe – steingewordene Angstträume, aber großartig sind sie doch!

Alp
Schreckenskammer meiner Träume,
die mir vorführt, was an Finsterm
meiner Seele innewohnt.
Wieviel Grauen ist gesammelt
unter meines Schädels Wölbung?
Was mir vor geschlossne Augen
Träume führen, wag ich wachend
dem Papier nicht zu vertrauen,
voller Angst und Scham verschweig ich
meine Finsternis mir selbst.
© Claudia Sperlich
Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Architektur, Bedrohung, Eigene Werke, Giovanni Battista Piranesi, Kultur, Kunst, Literatur, Lyrik
Freitag, 7. November 2008 · 7 Kommentare
In Nachbars Mehlbeeren sitzen die Spatzen. So niedlich das wirkt: was für ein hartes Leben! Jedes ängstliche Aufflattern verbraucht erheblich Energie, die Nächte sind kalt, und wenn der Baum abgeweidet ist, hat die Natur nicht mehr viel Nahrhaftes zu bieten.

Da haben Menschen es besser, vor allem wenn ihnen unvermutet jemand zulächelt.

Matthias Claudius
Täglich zu singen
Ich danke Gott, und freue mich
Wie ’s Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe;
Daß ich die Sonne, Berg und Meer,
Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen;
Und daß mir denn zumute ist,
Als wenn wir Kinder kamen,
Und sahen, was der heil’ge Christ
Bescheret hatte, amen!
Ich danke Gott mit Saitenspiel,
Daß ich kein König worden;
Ich wär geschmeichelt worden viel,
Und wär vielleicht verdorben.
Auch bet ich ihn von Herzen an,
Daß ich auf dieser Erde
Nicht bin ein großer reicher Mann,
Und auch wohl keiner werde.
Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht,
Hat mancherlei Gefahren,
Und vielen hat’s das Herz verdreht,
Die weiland wacker waren.
Und all das Geld und all das Gut
Gewährt zwar viele Sachen;
Gesundheit, Schlaf und guten Mut
Kann’s aber doch nicht machen.
Und die sind doch, bei Ja und Nein!
Ein rechter Lohn und Segen!
Drum will ich mich nicht groß kastein
Des vielen Geldes wegen.
Gott gebe mir nur jeden Tag,
Soviel ich darf zum Leben.
Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach;
Wie sollt er’s mir nicht geben!
Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Bedrohung, Gelächter, Literatur, Lyrik, Matthias Claudius, Natur, Religion
Mittwoch, 15. Oktober 2008 · 4 Kommentare
Der tägliche Kaffee, geradezu unverzichtbar für viele, gibt den meisten in Anbau und Produktion Beschäftigten nicht einmal genug Geld, sich ausreichend zu ernähren – geschweige denn sich zu bilden. Mit der Armut geht die Kinderarbeit einher. Zudem erholt sich der Markt erst seit neuestem von einem jahrelangen Preisverfall, der die Kaffeebauern verarmen ließ.
Fairer Handel, bei dem langfristige Kooperationen zwischen Kaffeebauern und Abnehmern garantiert werden sowie ein über dem Weltmarktpreis liegender Preis – der leider trotzdem schwankt – schafft hie und da Abhilfe. Jedoch haben die ausbeuterisch handelnden Großröstereien immer noch bei weitem das Übergewicht auf dem Markt. Dabei unterscheiden sich die Preise für eine selbstgebraute Tasse Kaffee aus ausbeuterischem oder fairem Handel nur um wenige Cent.
Näheres hier und hier und hier.
Ein Rosenstrauß ist ein schönes Geschenk. Sehr unschön sind die Bedingungen, unter denen die meisten in Deutschland verkauften Schnittrosen gezogen wurden. Die Blumenfrauen werden unregelmäßig und schlecht bezahlt und haben überlange, oft pausenlose Arbeitszeiten. Der hemmungslose Pestizideinsatz führt zu Kopf- und Bauchschmerzen und teilweise zu Sterilität.
Hier schafft das Flower Label Program Abhilfe; es ist durchaus möglich, Blumen auf menschenschonende Weise anzubauen!
Mehr dazu hier und hier und hier.
Schokolade versüßt zwar dem Verbraucher das Leben – nicht unbedingt dem Plantagenarbeiter. Auch bei dieser Plackerei ist Kinderarbeit häufig. Man kann inzwischen mühelos gerecht gehandelte Schokolade erstehen – meist in sehr hoher Qualität.
Mehr dazu hier und hier und hier.
Baumwollhemdchen mit Paillettenstickerei werden seit Jahren gerne getragen. Leider kann man einem in Europa gekauften Kleidungsstück nicht ansehen, wo es hergestellt wurde. Denn die Worte made in Germany (oder wo immer) sagen nichts darüber aus, in welchem Land die Pailletten auf das fertige Hemdchen gestickt wurden – und von wem.
Nicht nur Billigware wird zum Teil von indischen oder pakistanischen Kindersklaven bestickt, die vierzehn Stunden in ungelüfteten Baracken schuften und mißhandelt werden, wenn sie schlappmachen oder versuchen, zu fliehen. Manche armen Familien verkaufen Kinder, um deren Geschwister ernähren zu können – die Käufer, deren Kapital eine Baracke und ein Vertrag mit einem Textilproduzenten ist, zahlen zehn Dollar und behaupten, das Kind werde dann genug verdienen, um der Familie zu helfen. Es geschieht selten, daß die Kinder überhaupt irgendwelches Geld sehen.
Ob es paillettenbestickte Kleidung mit Fair-Trade-Siegel gibt, weiß ich nicht. Man kann auf Paillettenstickerei aber ganz gut verzichten.
Mehr dazu hier und hier und hier.
Beim Kauf von Teppichen kann man heute sicher gehen, keine Kinderarbeit zu finanzieren, wenn man auf dies Siegel achtet. Als ich vor Jahren einen Teppich kaufen wollte, tat ein Händler ohne Rugmark-Siegel die Kinderarbeit in Teppichknüpfereien überlegen lächelnd als urbane Legende ab. Ich verließ das Geschäft ohne Teppich. Meinen Rugmark-Teppich hatte ich wenige Stunden später; ich besitze ihn immer noch.
Mehr dazu hier.
Die bekanntesten Bewegungen zum gerechten Handel sind wohl gepa und Transfair.
Ein Portal für ökologisch sinnvollen und gerechten Handel gibt es hier.
Dieser Artikel ist Teil des Blog Action Day 2008.
Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Bedrohung, Blog Action Day, Computer, Freiheit, Gerechtigkeit, Hoffnung, Kultur, Wirtschaft, Zorn
Montag, 1. September 2008 · 6 Kommentare
Ich bin gerade ziemlich aufgewühlt. An einem Ort, an dem ich dumpfeste Barbarei nicht erwartet hätte, spricht ein Mensch, ein gebildeter Mensch übrigens (vielleicht nicht ganz so gebildet, wie er glaubt zu sein) Inhabern eines deutschen Passes die Zugehörigkeit zu diesem Land ab, sofern ihre Eltern zugewandert sind und sie selbst gewalttätig geworden sind. Ich weise ihn (leider mit zu viel Pathos) darauf hin, daß ich schon mal von blonden blauäugigen Deutschen verprügelt und von durchaus nicht vorderorientalisch anmutenden Neonazis bedroht worden bin. Das ist ein Fehler – das sollte ich dem Mann sagen, der von ausländischen Jugendlichen krankenhausreif geschlagen wurde.
Du lieber Himmel, wird jetzt aufgerechnet? So viele blonde Übeltäter, so viele schwarzhaarige? Ich behaupte keineswegs, daß es Kriminalität bei Zugewanderten nicht gebe, auch nicht, daß dies kein Problem sei. Aber zunächst einmal ist es – anders, als dieser Hochgebildete sagte – keineswegs besonders einfach, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, wenn es nicht durch die Geburt geschieht. Es ist ferner nicht wahr, daß die Mehrheit der Zugewanderten ständig auf gröbste Art mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Auch ist es nicht möglich, einen Deutschen aus Deutschland „auszuweisen“ – was der Betreffende wohl meint, ist „ausbürgern“ und nach derzeitiger Rechtslage ebenfalls ausgeschlossen, wofür ich dankbar bin.
Mir ist es leider nicht gelungen, höflich zu bleiben. Was ich dem Betreffenden gesagt habe, ist justiziabel und tut mir durchaus nicht leid; er beteuert zwar immer wieder, ganz bestimmt kein Nazi zu sein, aber wenn mir jemand eine Neuauflage der damaligen Gesetze als wünschenswert präsentiert, sehe ich keinen wesentlichen Unterschied zu der braunen Bande und rede so, wie es mir einem Barbaren gegenüber angemessen scheint.
Aber da fällt mir ein süßer Trost ein. Der Knabe wird einmal alt werden. Und dann wird er erleben, daß unter zwanzig Altenpflegerinnen neun Türkinnen und zehn Polinnen sind – und der Rest seit Generationen deutsch. Ihm wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit einst das Essen von einer Türkin oder Polin angereicht werden (es sei denn, die Gerechtigkeit hat sich bis dahin so weit etabliert, daß Menschen, die ihr Leben lang für Deutsche sorgen, auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben), von intimeren Hilfeleistungen ganz zu schweigen. Um die beiden Frauen tut es mir allerdings leid, die hätten ein besseres Schicksal verdient.
Heinrich Heine
Die romantische Schule
Erstes Buch
…sogar die allerhöchsten Personen sprachen jetzt von deutscher Volkstümlichkeit, vom gemeinsamen deutschen Vaterlande, von der Vereinigung der christlich-germanischen Stämme, von der Einheit Deutschlands. Man befahl uns den Patriotismus, und wir wurden Patrioten; denn wir tun alles, was uns unsere Fürsten befehlen. Man muß sich aber unter diesem Patriotismus nicht dasselbe Gefühl denken, das hier in Frankreich diesen Namen führt. Der Patriotismus des Franzosen besteht darin, daß sein Herz erwärmt wird, durch diese Wärme sich ausdehnt, sich erweitert, daß es nicht mehr bloß die nächsten Angehörigen, sondern ganz Frankreich, das ganze Land der Zivilisation, mit seiner Liebe umfaßt; der Patriotismus des Deutschen hingegen besteht darin, daß sein Herz enger wird, daß es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, daß er das Fremdländische haßt, daß er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will. Da sahen wir nun das idealische Flegeltum, das Herr Jahn in System gebracht; es begann die schäbige, plumpe, ungewaschene Opposition gegen eine Gesinnung, die eben das Herrlichste und Heiligste ist, was Deutschland hervorgebracht hat, nämlich gegen jene Humanität, gegen jene allgemeine Menschenverbrüderung, gegen jenen Kosmopolitismus, dem unsere großen Geister, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, Jean Paul, dem alle Gebildeten in Deutschland immer gehuldigt haben.
Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Bedrohung, Gerechtigkeit, Heinrich Heine, Jammer, Lüge, Literatur, Zorn
Freitag, 15. August 2008 · 2 Kommentare
Wie im vergangenen Jahr, gibt das Blog Action Day Team für den 15. Oktober ein Thema, zu dem jeder, der mag, einen Beitrag einstellen kann. 2007 ging es um die Umwelt, ihre Bedrohung und ihren Schutz. In diesem Jahr ist die Armut das Thema – und auch wenn keine Patentrezepte zu ihrer Beseitigung zu erwarten sind, mag es gut sein, wenn viele Menschen ihre Gedanken dazu vorstellen.
Wie wird mit Armut und mit Armen umgegangen? Kann man Armut überhaupt sinnvoll bekämpfen? Mit wie wenig Geld kann man auskommen? Gibt es eine einheitliche Definition von Armut?
Im letzten Jahr war das Ergebnis durchaus interessant, auch wenn ich viele Beiträge banal und lächerlich fand (vor allem Ratschläge, die Umwelt zu schonen, die sich darin erschöpften, man solle ein kleineres Auto fahren). Auch in diesem Jahr sehe ich den Beiträgen mit Spannung entgegen.
Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Bedrohung, Blog Action Day, Computer, Gerechtigkeit, Hoffnung, Kultur, Wirtschaft, Wissen
Mittwoch, 13. August 2008 · 3 Kommentare
In der Nacht vom 12. zum 13. August 1961 wurde mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen. Ein halbes Jahr später wurde ich in Berlin-Westend geboren. Die ummauerte Stadt war für mich Normalität; ungewöhnlich war, in Westdeutschland oder im Ausland endlose Strecken zu fahren, ohne an eine Grenze zu kommen. Trotzdem empfand ich Zorn und Trauer über die gewaltsame Trennung der Stadt; zwar war unsere Familie nicht betroffen – die Verwandten lebten in Westdeutschland -, aber man bekam die tragischen Fluchtgeschichten mit. An einigen Stellen konnte man vom Westteil über die Mauer schauen – es war für mich ein Blick in eine Tristesse der 50er Jahre, über einen zum freien Schuß kahlrasierten Streifen hinweg, gespenstisch und bedrückend. Eine Zeitlang besuchte ich häufig den Ostteil Berlins, nicht nur um der Sehenswürdigkeiten willen, sondern auch im – nur zu einem winzigen Teil gelingenden – Versuch, die Stadt wirklich kennenzulernen mit ihrer Lebensart und Redeweise. Es war wie eine Reise in ein fremdes Land, und bei aller Kritik an der grellen Konsumsucht (die ich nichtsdestoweniger auch mitmachte) war ich dankbar, auf der in sehr vielem freieren Seite zu leben.
Mein Vater und seine Kollegen „im Osten“ kämpften als Kunsthistoriker mit großen Schwierigkeiten, zu einem wissenschaftlichen Austausch zu kommen – diese Schwierigkeiten wurden übrigens auch und zuweilen besonders hartnäckig von westlicher Seite gemacht!
Am Abend der Maueröffnung stand der Postdamer Kollege meines Vaters vor dessen Tür; die beiden fachsimpelten fast die ganze Nacht lang – das erste Mal ohne Blick auf die Uhr, ohne Sorge, die zugebilligte Zeit zu überschreiten.
Die Abschottung von Grenzen ist wissenschafts- und kunstfeindlich; das gilt nicht nur für die Berliner Mauer.
Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Bedrohung, Dank, Freiheit, Hoffnung, Staunen
Mittwoch, 6. August 2008 · 5 Kommentare
Vor 380 Jahren wurde der Bürgermeister von Bamberg, Johannes Junius, unter dem Fürstbischof von Bamberg Opfer des Hexenwahns. Zuvor war bereits seine Frau als Hexe verbrannt worden. Es gelang ihm, einen Brief an seine Tochter aus dem Gefängnis zu schmuggeln, ein erschütterndes Dokument über die grausame Unsinnigkeit der Folter.
Hunderttausendmal gute Nacht, herzliebe Tochter Veronika! Unschuldig bin ich in das Gefängnis gekommen, unschuldig bin ich gefoltert worden, unschuldig muss ich sterben. Denn wer in dieses Haus kommt, der muss ein Hexer werden, oder er wird so lange gefoltert, bis er etwas erdichten muss und sich erst, Gott erbarme es, etwas ausdenken muss. …
Ich beschwor die Herren, um Gottes willen, Sie hörten [doch], dass das lauter falsche Zeugen wären. Man sollte sie doch vereidigen und richtig befragen. Man hat es aber nicht tun wollen, sondern es wurde gesagt, ich sollte es freiwillig bekennen oder der Henker würde mich wohl
zwingen. Ich gab zur Antwort, ich habe Gott niemals verleugnet, und ich werde es auch nicht tun. … Hierauf kam leider, Gott erbarme es im höchsten Himmel, der Henker und hat mir den Daumenstock angelegt und beide Hände zusammengebunden, bis das Blut zu den Nägeln und überall sonst herausdrang, so dass ich die Hände 4 Wochen nicht habe gebrauchen können, wie du es aus dem Schreiben ersehen kannst. Dann habe ich mich Gott in seine heiligen fünf Wunden befohlen und gesagt, weil es Gottes Ehre und Namen anbelangt, den ich nicht verleugnet habe, so will ich meine Unschuld und all diese Marter und Pein in seine 5 Wunden legen. … Als mir nun unser Herrgott geholfen hat, habe ich zu ihnen gesagt, verzeihe Euch Gott, dass Ihr einen ehrlichen Mann so unschuldig quält. Ihr wollt ihn nicht allein um Leib und Seele, sondern auch um Hab und Gut bringen. … Da sagte der Doktor, er wäre nicht vom Teufel angefochten. … Und dieses ist am Freitag, dem 30. Juni geschehen, da habe ich mit Gott[es Hilfe] die Folter ausstehen müssen. Ich habe mich die ganze Zeit über weder anziehen noch die Hände gebrauchen können, ganz abgesehen von den anderen Schmerzen, die ich ganz unschuldig erleiden muss. Als nun der Henker mich wieder in das Gefängnis führte, sagte er zu mir: Herr, ich bitte Euch, um Gottes willen, bekennt etwas, sei es nun wahr oder nicht! Denkt Euch etwas aus, denn Ihr könnt die Marter nicht ausstehen, die man Euch antut. Und wenn Ihr sie auch alle aussteht, so kommt Ihr doch nicht frei, selbst wenn Ihr ein Graf wäret, sondern es folgt eine Folter auf die andere, bis Ihr sagt, Ihr seid ein Hexer, und bis Ihr etwas bekennt. Erst dann lässt man Euch zufrieden, wie aus allen ihren Urteilen zu sehen ist, das eine lautet wie das andere. …
Alles, was jetzt folgt, ist meine Aussage, mit lauter Lügen, die ich angesichts der drohenden großen Folter machen musste und worauf ich sterben muss. …
Folter ist nicht nur in Bananenrepubliken üblich, sondern auch in Weltgegenden, die sich der EU anschließen werden. Die angebliche Rechtmäßigkeit von Lynchjustiz, Folter und Todesstrafe wird in Deutschland meiner Erfahrung nach keineswegs nur an Stammtischen, sondern auch in Schwesternzimmern lebhaft verteidigt. Angesichts dieser Sachverhalte fürchte ich einen Rückfall der Judikative – nicht ins Mittelalter, das bei weitem nicht so schrecklich war wie allgemein angenommen, sondern in die frühe Neuzeit, auch genannt Zeitalter der Aufklärung.
Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Bedrohung, Johannes Junius, Literatur, Religion, Tod, Wissen, Zorn
Samstag, 2. August 2008 · 1 Kommentar
Das obere Schlafzimmerfenster steht seit März offen. Im Prinzip kann das bis zum Oktober so bleiben, aber irgendwann muß ich wohl etwas gegen den Bewuchs meiner Wohnung tun – noch sieht das reizend aus, romantisch, schön, aber spätestens wenn der Wein mir die Bettdecke streitig macht, muß ich ihn abschneiden.

Gegen den Efeu am Küchenfenster muß ich, so schön er ist, schon heute vorgehen. Er hat zerstörerische Kräfte, deren Entfaltung ich nicht abwarten will.

Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Bedrohung, Fensterbrett, Gelächter, Natur
Donnerstag, 24. Juli 2008 · 4 Kommentare
Der Kammerjäger hat den im Rolladenkasten hausenden Wespen den Garaus gemacht (was ich begrüße, nachdem sie mir neulich Anlaß zu diesem Gedicht gaben). Nun ja, requiescant in pace!

Den schon erwähnten Sargbeschlag an der Eiche im Garten ziert nun, um das Vanitas-Bild vollständig zu machen, nebst dem Efeu ein zartes Spinnengewebe.

Lebendig grün ist hingegen der Salbei.

Und der angrenzende Wald, in dem seit Jahrzehnten ein von meinem Vater dort aufgehängter Fledermauskasten alles mögliche beherbergt, manchmal sogar Fledermäuse.

Kategorien: Allgemeines
Mit Tag(s) versehen: Bedrohung, Eigene Werke, Eitelkeit, Fensterbrett, Garten, Kultur, Kunst, Literatur, Lyrik, Natur, Tod