Mein Leben als Rezitatorin

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Justitias Blindheit

Donnerstag, 26. November 2009 · 8 Kommentare

Im Landgericht in der Turmstraße, Berlin, sitzen Yunus und Rigo auf der Anklagebank. Vorgeworfen wird ihnen ein Mordversuch.
Am 1. Mai 2009 soll Yunus einen Molotov-Cocktail gezündet und Rigo diesen auf eine Passantin geworfen haben, die Brandverletzungen am Rücken erlitt.

Beide sagen aus, daß sie bei der Maidemonstration zugeschaut hatten und eine Weile im Schwarzen Block mitgelaufen waren. Dann hatten sie beschlossen, an einem Bankautomaten Geld zu holen und zu Freunden zu gehen. Dabei wurden sie festgenommen. (Die Aussage wird von Yunus und Rigo übereinstimmend gemacht; eine Absprache wäre ihnen auch nicht möglich gewesen, da sie in unterschiedlichen Haftanstalten sitzen.)

Die für die Festnahme verantwortlichen Polizisten sagen, sie haben die Brandflasche fliegen sehen, und sie behaupten, die Täter an ihrer Kleidung erkannt zu haben. Zunächst behauptete ein Polizist, er habe gesehen, wie Rigo die Flasche warf; diese Behauptung nahm er später zurück.

Zur Tatzeit war es dunkel, die Straße war voll und laut, und selbstverständlich eilten die Polizisten der brennenden Frau zu Hilfe. Bei der eindeutig wiedererkannten Kleidung handelt es sich um ein weißes T-Shirt und ein schwarzes Basecap, nicht gerade einzigartig auffällige Textilien.

Die Tatsache, daß an keinem Kleidungsstück und keiner Hautpartie der Angeklagten Benzinspuren waren, wurde über mehrere Prozeßtage verschwiegen. Ein Polizist sagt aus, beide seien völlig überrascht, aber friedlich mitgekommen. Im Festnahmeprotokoll hat eben dieser Polizist angegeben, sie hätten Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet; auf Befragen der Richterin gibt er an, dies auf Veranlassung seines Kollegen getan zu haben.

Andere Zeugen haben die Tat beobachtet, beschreiben den Täter unabhängig voneinander – und er ist keineswegs einem der beiden Angeklagten ähnlich. Diese Zeugen hatten sofort nach der Tat die Polizei informiert, wurden eine Woche später noch einmal zur Zeugenvernehmung geladen.
Ein Photo zeigt mehrere Demonstranten, keiner davon ist mit einem der Angeklagten identisch. Einer trägt ein weißes T-Shirt und eine schwarze Basecap – wie vermutlich noch einige hundert Leute an jenem Abend. Das Bild wird von zwei neutralen Zeugen als Tätergruppe bezeichnet, ausdrücklich im Zusammenhang mit der Verletzten. (Diese übrigens kann sich zu dem Täter nicht äußern, da sie ja am Rücken getroffen wurde und ihn nicht sah.) Das Photo wurde über mehrere Prozeßtage zurückgehalten. Inzwischen wurden zwei der Abgebildeten identifiziert; gegen sie läuft ein Ermittlungsverfahren.

Ein Einweghandschuh mit Spuren eines Brandverstärkers wurde angeblich in Rigos Hosentasche gefunden. Damit konfrontiert, daß es sich um einen anderen Brandverstärker als den für die Brandflasche benutzten handelte, räumte der Polizist ein, er habe den Handschuh auf dem Boden gefunden.

Entlastendes Beweismaterial wird zurückbehalten, angebliches Beweismaterial wird untergeschoben, widersprüchliche Aussagen von Polizisten werden geglaubt, unwidersprüchliche Aussagen von anderen Leuten, die Rigo und Yunus entlasten könnten, nicht. Der Antrag auf Haftverschonung wurde ohne glaubwürdige Begründung abgelehnt. Zwei Schüler sitzen seit sieben Monaten im Gefängnis; der Prozeß begann erst vier Monate nach der Festnahme.

Yunus ist zur Tatzeit 19, Rigo 16 Jahre alt. Beide sitzen seit ihrer Festnahme ununterbrochen im Gefängnis – wegen angeblicher Fluchtgefahr. Yunus hat sein Abitur im Gefängnis gemacht, Rigo den Mittleren Schulabschluß – beide mit guten Noten. (Nebenbei ein Lob an die Lehrer, die im Gefängnis die Prüfungen abnahmen!)
Zwar wurde Yunus wegen eines Flaschenwurfes (ohne schreckliche Folgen) am 1. Mai 2007 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Jedoch scheint dies ein einmaliger Ausrutscher gewesen zu sein; er ist seitdem nie mehr unerfreulich aufgefallen. Daß er sein Abitur unter diesen Umständen bestanden hat, ist ein Zeichen für ein Maß an Disziplin, das sich kaum in einem halben Jahr Knast lernen läßt – das ihm also wohl schon lange eigen ist.
Rigo ist als hilfsbereit, friedliebend und freundlich bekannt. Alle, die ihn kennen, bestätigen, daß die ihm vorgeworfene Tat überhaupt nicht zu seinem Wesen paßt.

Nach allem, was über die Angeklagten und über den Fortgang des Prozesses bekannt ist, ist es äußerst unwahrscheinlich, daß die Richtigen auf der Anklagebank sitzen – ich selbst halte es für vollkommen unmöglich. Sollten sie dennoch verurteilt werden, so erwartet Yunus lebenslängliche Haftstrafe, Rigo zehn Jahre Gefängnis. Das ist genug, um einen Menschen kaputtzumachen, gleich ob er schuldig ist oder nicht.
Mir fällt dazu ein, was mir einst ein Anwalt angesichts der mit Augenbinde dargestellten Justitia sagte:
„Taub ist sie auch.“

Zornig bin ich auch auf den Täter, der nicht den Mumm hat, auszusagen, und andere Leute seine Untat ausbaden läßt.

Eine ausführliche Beschreibung jedes Prozesstages und reichlich Hintergrundinformationen sind hier zu finden. Rigos Schulfreunde haben ein anrührendes Musikvideo ins Netz gestellt.

Ich wünsche Yunus und Rigo von Herzen, daß die Wahrheit bald ans Licht kommt und daß ihnen dann endlich Gerechtigkeit widerfährt.

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Ein Geistesentdecker

Samstag, 31. Oktober 2009 · 2 Kommentare

Bruno Snell

Vor 23 Jahren starb Bruno Snell.
Er war ein außergewöhnlicher Meister der Klassischen Philologie, mit hohem Sprachwitz und Humor ausgestattet und dazu ein politisch wacher Mensch, der dem braunen Ungeist wehrte, wo immer er konnte. Obwohl er die Möglichkeit hatte, nach Amerika auszuwandern, und einige Zeit später die Universität von Salamanca seine Mitarbeit wünschte, blieb er in Hamburg. Das soll wesentlich seiner Mutter zu verdanken sein, die ihn aufforderte: „Bleib du hier, Bruno, sonst sind gar keine Vernünftigen mehr in Deutschland“. Ihr sei an dieser Stelle Dank gesagt!

Snell unterließ es die ganze Nazizeit lang, „pflichtgemäß“ mit erhobener Hand und Diktatorensegenswunsch zu grüßen. Als Hamburg bombardiert wurde, bewahrten er und seine Frau Hertha Snell ihre Töchter vor Kinderlandverschickung und regimekonformem Drill, indem sie sie im Allgäu bei Bauern unterbrachten.

Daß man auch mit subversivem Witz (den kein Zensor verstand) gegen die herrschende Unkultur sprechen konnte, zeigt Snells kurzer Artikel „Über das I-ah des goldenen Esels“. Snell erläuterte 1935 (also im Jahr nach der unseligen Volksabstimmung) an literarischen Quellen, daß im Griechischen der Eselslaut mit οὐ = nein wiedergegeben wird und schließt den Artikel:

Es stellt sich also heraus, daß das einzige wirkliche Wort, das ein griechischer Esel sprechen konnte, das Wort für ‘nein’ war, während kurioserweise die deutschen Esel gerade umgekehrt immer nur ‘ja’ sagen.

Gesammelte Schriften, Vandenhoeck und Ruprecht, S. 201

Seinen Kollegen Paul Maas überzeugte Snell, daß er auswandern müsse – Maas hatte trotz seiner großen Klugheit die Gefährlichkeit der Nazibande zunächst nicht ernst genommen. Auf Snells Drängen ging er nach Oxford und blieb am Leben.

Als Dekan der Philosophischen Fakultät in Hamburg half Snell in den ersten Nachkriegsjahren dem klaren Denken wieder auf. Den Dialog mit Kollegen, die vorher keine eindeutige Position gegen die Nazis bezogen hatten, verweigerte er lebenslang.

Sein 1946 erschienenes Hauptwerk Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen erscheint in diesem Jahr in der 9. Auflage; es gehört immer noch zur Standardlektüre junger Philosophen. Trotz der zahlreichen griechischen Zitate ist es auch für Menschen, die kein Griechisch verstehen, ein wenn auch nicht ganz einfaches, doch höchst lesenswertes Buch.

In der zweiten Hälfte des 5. Jahrh. [v. Chr.] kommt es zur ersten Auseinandersetzung zwischen Theorie und Praxis in einer uns verloren gegangenen Tragödie des Euripides, der Antiope. Aus der großen Diskussion, die zwei Brüder, Zethos, der Krieger, und Amphion, der Sänger, führten, ist durch Zitate so viel erhalten, daß wir erkennen, mit welchen Argumenten jeder seine Lebensform verteidigt, – es sind solche, die bis in die Gegenwart immer wieder auftauchen, obwohl Euripides in seiner Tragödie als Vertreter des theoretischen Lebens keinen Philosophen oder wissenschaftlichen Forscher auftreten lassen kann: er muß sich an die Figuren der Sage halten und da steht ihm nur ein Dichter zur Verfügung. Zethos spricht, wie noch heute ein solider und besorgter Vater spricht, wenn sein Sohn bedenkliche Neigungen zu Kunst und Wissenschaft zeigt: Solch unnütz-weibisches Leben taugt nicht für die harte Wirklichkeit, es führt zu Trägheit und Lotterei, es hilft nicht für ein wohlgegründetes Hauswesen und erst recht nicht für den Staat. Ähnliche Vorwürfe äußert die gleichzeitige Komödie gegen die, die sich mit den Sophisten einlassen.
Amphion macht dagegen zweierlei geltend: Das musische Leben ist in Wahrheit viel nützlicher, außerdem macht es den Menschen glücklicher. Der größere Nutzen liegt darin, daß die Vernunft hilfreicher ist als ein starker Arm, denn sie nützt dem Haus und dem Staat viel mehr; selbst im Krieg ist sie mehr wert als rohe Kraft. Hier ist besonders deutlich, daß Amphion nicht nur die Dichtkunst und die Musik verteidigt, sondern das Geistige als solches. Das größere Glück besteht aber darin, daß geistige Tätigkeit frei ist von der Unruhe und Gefahr der politischen Kämpfe, daß sie in einer sicheren und bescheidenen Existenz beständigere und höhere Freuden gewinnen kann.

Entdeckung des Geistes, Vandenhoeck und Ruprecht, S. 278

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Die deutsche Sappho

Montag, 12. Oktober 2009 · 3 Kommentare

Karschin_bild[1]

Vor 218 Jahren starb Anna Louisa Karsch, genannt die Karschin.

Die kluge und sensible Frau mit den scharfen Zügen hatte kein leichtes Leben! Nach unglücklicher Kindheit wurde die Jugendliche einem brutalen Menschen verheiratet, der sie als Arbeitssklavin ausnutzte und die Hochschwangere verstieß, weil sie dichtete; kurz darauf zwang ihre Mutter sie zur Ehe mit einem Säufer und Schläger; nach der Trennung von diesem verliebte sich die schon Gefeierte höchst unglücklich in Johann Wilhelm Ludwig Gleim – der ihr den Namen jener antiken Dichterin als Ehrentitel verliehen hatte, aber über die kollegiale Bewunderung hinaus keine Gefühle für sie hegte. Zu alledem kam die Erfahrung von großem Mangel und dadurch begründeter Kränklichkeit, ehe sie zu einigem Geld kam.

Unter diesen kunstwidrigen Umständen fand sie zu einem anerkannten und erfüllten Leben als Dichterin. Zwei Gedichte aus ihrem vielfältigen Werk seien hier vorgestellt.

Ihr Leiden an ihrem zweiten Mann beschreibt sie so:

Verwünschte Heiligkeit der Ehe!
Ich zittre, wenn ich noch im Geist zurücke sehe,
Abscheulich war der Sclavenstand,
Ein nur mit Menschenhaut bezogner Höllenbrand

Trat herrisch vor mir hin und brüllte meine Klage
Mit bitterm Spotte nach, und war geborne Plage
Für mein so sanftes Herz; mein ewig Einerlei
Blieb er zehn volle Jahr, riß oft ein Blatt entzwei,
Ganz von Gedanken voll, denn dieser Mann, kein Denker,

War fehlbar durch den Rausch, war meines Lebens Henker,
Sein Gang, sein Wort, sein Blick, war alles meine Qual,
O Gott! behüte mich für eine Mannes-Wahl.

Der Krieg brachte sie auf einen wirklich guten Rat an den Kriegsgott – Make love, not war, wie man es viel später ausdrücken sollte:

Ein Gebet an den Mars.
1762.

Du Gott des Krieges, laß die Erde!
Die Schritt, mit Blut bemerkt, ist fürchterlich, ist schwer,
Verändre doch die schreckliche Gebärde,
Und schüttle länger nicht den Speer.

Dein wartet der Olymp, und Amor mit dem Bogen
Lauscht an der Mutter Fuß. Steig von des Mordens Bahn
Zur Göttin; dann betrüg’ den schlafenden Vulkan,
Wie er vor Zeiten ward betrogen.
Von Waffenschmieden ist er matt,

Wie Venus, die nach dir sechs Jahr geschmachtet hat.
Wie reizend liegt sie da im Elisäer Lenze!
Die Nymphe windet dir und Venus Mirtenkränze,
Mit Blumen untermengt. Schon gießt sie Nectartrank
In goldne Schaalen ein; und wenn auch Götter krank

Zur heißer Sehnsucht sind, so ist’s gewiß Cythere,
Horch im Getümmel auf, sie seufzet göttlich, höre!
Begieb vom Kampfplatz dich zurück,
Geharnischt wie du bist, an Haupt, an Arm und Fuße.
Cupido zieht dich aus, und deinem ersten Kusse

Dankt unsre ganze Welt ihr Glück.
Der Zorn in einer Frau rief, Mavors, dich hernieder,
Die Sehnsucht einer Frau hol’ dich den Göttern wieder,
Und ewig komm’ uns nicht zurück.

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Ein Freund der Armen im Geiste

Samstag, 10. Oktober 2009 · 5 Kommentare

Johann Heinrich Peter Beising

Vor 204 Jahren wurde Johann Heinrich Peter Beising geboren.
Er studierte Theologie und schrieb seine Dissertation zum Thema „Die Bildung des Menschen ist allenthalben durch Raum- und Zeitverhältnisse bedingt“ – wie ich finde, ein bedenkenswerter Satz, da es immer wieder die Neigung gibt, Menschen gering zu achten, weil sie in einem anderen Umfeld oder zu einer anderen Zeit denken lernten.

1830 wurde er in Köln zum Priester geweiht. Siebzehn Jahre später wurde er Pfarrer in Essen. Die Industrialisierung hatte ein starkes Wachstum der Gemeinde zur Folge, und durch kluge Verhandlungen gelang es Beising – trotz der staatlichen ablehnenden Haltung gegenüber der katholischen Kirche – mehrere Kirchenbauten durchzusetzen.

Die Armenfürsorge lag ihm am Herzen; er war fast fünfzig Jahre lang Mitglied der Armendeputation.
Als Gründungs- und Vorstandsmitglied des „Verein zur Erziehung und Pflege katholischer Schwachsinniger Kinder in der Rheinprovinz“ setzte Beising – wiederum gegen starke Widerstände von staatlicher Seite – die Gründung eines Heimes durch. (Das Franz Sales Haus in Essen besteht auch heute noch.) Bildung war ihm überhaupt ein Anliegen; lange Zeit war er nicht nur als Kurator im Königlichen Gymnasium, sondern sorgte auch als Kreisschulinspektor für den sinnvollen Unterrichtsablauf in Volksschulen – bis die Kulturkampfgesetze ihm diese Form der Bildungsarbeit im Namen der Aufklärung unmöglich machten. Das, obwohl Beising durchaus staatstreu war, Politik und Religion nicht vermengte (wenn man von der durch Nächstenliebe bewegten und nicht völlig unpolitischen Aktion einer Schulgründung für Behinderte mal absieht) und sich hitzigen Diskussionen fernhielt; Bismarcks Politik war hier überhaupt nicht aufklärerisch, sondern bildungshemmend.

Fünfzig Jahre lang war Beising im Dienst Behinderter tätig und sorgte für Bildung und Erziehung von Menschen, denen man zu seiner Zeit in der Regel dergleichen nicht gewährte, nicht einmal zutraute.

Beising wurde von Welt und Kirche hoch dekoriert. An seinem Begräbnis nahmen die Honoratioren der Stadt, der evangelischen und katholischen Kirche sowie der Synagoge teil – beinahe schon ein Zeichen von Ökumene. In Essen wird sein Andenken wach gehalten.

Das Wort behindert wird heute immer wieder als Schimpfwort mißbraucht. Diese sprachliche Verwahrlosung geht Hand in Hand mit einer kulturellen und spirituellen Verwahrlosung, die Menschen mit seelischen und geistigen Störungen nur noch als lächerlich und unangenehm empfindet. Das Gedenken an Menschen wie Peter Beising kann helfen, solcher Dumpfheit zu begegnen.

Den Mitarbeitern des Franz Sales Hauses danke ich herzlich für die unbürokratische und schnelle Art, mir Informationen über Beising zukommen zu lassen.

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Vom Zocker zum Krankenpfleger

Dienstag, 14. Juli 2009 · 1 Kommentar

Camillo de Lellis

Vor 395 Jahren starb Camillo de Lellis.

Früh verwaist, war er als Jugendlicher seelisch verwahrlost, lernte mit dem Kriegshandwerk das Saufen und Zocken und muß ein recht unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein. Erst als er völlig heruntergekommen war, veranlaßte ein inneres Erleben ihn zu einer radikalen Kehrtwende – er erlernte Freundlichkeit und Liebe und äußerte dies in hingebungsvoller Krankenpflege. Und nicht zuletzt lernte er als Erwachsener Latein.

Sollte ich mal wieder einen Mitmenschen für unverbesserlich halten, möchte ich wenigstens versuchen, an Camillo de Lellis zu denken.

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αὐτονομία

Sonntag, 5. Juli 2009 · 4 Kommentare

Heute wurde in den Nachrichten von „Autonomen“ in Hamburg berichtet, die sich – mal wieder – eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert haben, nachdem sie mehrere Autos und – das kann ja mal passieren – auch ein Wohnhaus abgefackelt hatten.
Zwar nehme ich nicht an, daß irgendjemand der Anstifter und Mitläufer bei solchen Aktionen dies liest, trotzdem eine kleine Erklärung:
αὐτονομία – Autonomie – von αὐτος, selbst, und νόμος, Gesetz, bedeutet Eigengesetzlichkeit, also Fähigkeit und Willen, sich selbst Gesetze zu geben. Pico della Mirandola bezeichnet als Autonomie die menschliche Fähigkeit, sich in der Welt seinen eigenen Platz zu suchen. Immanuel Kant zitiert Horaz:

dimidium facti qui coepit habet: sapere aude, incipe!

zu Deutsch:

Die Hälfte der Tat hat [vollbracht], wer begann: Wage zu wissen, fang an!

- und interpretiert das sapere aude: Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!

Autonomie heißt also nicht, sich selbst von aller Gesetzlichkeit frei zu machen. Es heißt in weitergehender Interpretation nicht, mit einer grölenden Horde mitzulaufen. Es heißt nicht, sich seiner Bierflasche zu bedienen. Es heißt nicht, das Feuerlegen und Prügeln, sondern, das Wissen zu wagen – ein weit größeres Wagnis, das, wie die Geschichte lehrt, für den Ausübenden viel Schlimmeres als einen Aufenthalt in einem modernen deutschen Knast zur Folge haben kann. Das aber trotzdem lohnt.

Ich weigere mich, Randalierer gleich welcher Couleur als autonom zu bezeichnen. Wenn es denn eines weiteren forschen Fremdwortes für die Bande bedarf, schlage ich vor: αὐτοδουλεία – Selbstknechtung. Vielleicht guckt ja der ein oder andere Autodule doch auf diese Seiten.

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Retter der Mütter

Dienstag, 30. Juni 2009 · 3 Kommentare

Ignaz_Semmelweis_1830[1]

Vor 191 Jahren wurde Ignaz Philipp Semmelweis geboren. 1846 wurde er Assistenzarzt in Wien und mußte mit Entsetzen feststellen, daß die Wöchnerinnen reihenweise am Kindbettfieber starben. Durch genaue Beobachtung und Statistik kam er zu dem Schluß, daß die mangelnde Hygiene, vor allem nach der Arbeit im Anatomiesaal, Grund für diese Katastrophe war, und befahl das Desinfizieren der Hände. (Hinweise gaben ihm die Statistiken: Solange das Wiener Krankenhaus keine Anatomische Abteilung gehabt hatte, waren die Wöchnerinnen fast alle am Leben geblieben. Auch nach der Einrichtung der Anatomie überlebten in der Regel jene Wöchnerinnen, die nicht von Ärzten, sondern von Hebammen versorgt worden waren – und Hebammen hatten selbstverständlich keinen Zutritt zu Anatomiekursen.)

Es kränkte die Eitelkeit vieler Ärzte, daß er ihnen die Schuld am Tod der Wöchnerinnen gab. Selbst kluge Köpfe wie Rudolf Virchow weigerten sich, ihm zuzustimmen – teilweise wohl wider besseres Wissen. Semmelweis war leider schüchtern und wenig sprachgewandt, geriet andererseits in Harnisch über boshafte Kollegenschelte gegenüber seiner leicht nachprüfbaren Theorie.
In einem österreichischen Literaturportal findet man seinen Offenen Brief an sämmtliche Professoren der Geburtshilfe – ein eindrucksvolles Dokument mit einer großen Menge deutlicher Hinweise auf die Gründe der Müttersterblichkeit, nur leider sehr unelegant formuliert.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß es auch heute Forscher gibt, deren kluge und menschenfreundliche Theorien kein Gehör finden – weil sie ungeschickt formulieren, nach nichts aussehen und Dialekt sprechen.

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Ἰουλιανὸς ὁ Ἀποστάτης

Freitag, 26. Juni 2009 · 4 Kommentare

Julian Apostata

Vor 1646 Jahren starb Kaiser Julian II., genannt Apostata (der Abtrünnige).
Als arianischer Christ erzogen, hatte er sich bald der neuen Lehre entfremdet, die ihm auch wahrlich nicht befreiend präsentiert worden war: sein Vetter und Vormund hatte ihn ein Dreivierteljahr lang eingesperrt, um den philosophisch und religiös Interessierten dem Christentum zu erhalten.

Die Reaktion auf diese harsche Erziehungsmaßnahme konnte kaum anders ausfallen: Sobald er dazu Gelegenheit hatte, ließ Julian sich in die Eleusischen Mysterien einweihen und tat künftig alles dafür, die Welt der alten Götter Griechenlands wieder zum Leben zu erwecken. Er hatte dabei eine recht romantische und poetische Sicht auf die Götterwelt. Zugleich war er durch seine Liebe zur griechischen Philosophie, durch seine ständige Suche nach Wahrheit durch Bildung sowie durch seine hohe Selbstdisziplin und seine Abscheu vor dem unsinnigen Blutvergießen in der Arena dem Christentum wohl näher, als er wollte.

Klugheit, Ehrgeiz spornten ihn lebenslang an und ließen ihn Zeiten überstehen, in denen sein Onkel, der Kaiser Konstantius, ihn als Marionette zu benutzen suchte.
Im umkämpften Gallien zeigte er sich als kluger und tapferer Feldherr, vermied es, seine Soldaten unnötig zu gefährden, und war von auffälliger Milde gegenüber seinen Gegnern; Kriegsgefangene ließ er anständig behandeln und vermied es, Unterlegene unnötig zu demütigen.

Endlich selbst Kaiser, bekannte er sich öffentlich zum Mithraskult und versuchte verstärkt, die antike Götterwelt wieder aufleben zu lassen. Er muß ein sehr sensibler und phantasiebegabter Mensch gewesen sein; mehrmals erschienen ihm Gottheiten im Traum und sprachen zu ihm.
Er tat viel für die Bildung und verbesserte die Infrastruktur erheblich. Seine Toleranzedikte sahen zwar keine Gleichberechtigung der Religionen vor, aber bei allem Zorn über die Christen ließ er sie nie aktiv verfolgen und lud sogar christliche Gelehrte ein. Die Juden hatten es unter ihm wesentlich leichter als unter den meisten Fürsten vor und nach ihm. Selbst Religionsfrevler – Christen, die heidnische Statuen und Heiligtümer geschändet oder gestohlen hatten – verurteilte er in der Regel nur zu Schadensersatz und sprach sich energisch gegen die von einigen Beamten leider auch praktizierte Lynchjustiz aus.

Julian fiel mit nur 32 Jahren in einem sinnlosen Krieg. Die Renaissance der alten Götter war auch zu seinen Lebzeiten wenig mehr als ein Gedankenspiel gewesen; das Christentum erwies sich als lebenskräftiger.
Vielleicht hätte er mit klügeren und duldsameren Christen in seinem unmittelbaren Umfeld ein Heiliger werden können. Mir scheint, die schon damals so schwierige, uneinige Entwicklung des Christentums und die Entfernung von der befreienden Grundidee, daß es auf nichts so ankommt wie auf die Liebe, ist wenigstens zum Teil Schuld an Julians Aufbegehren und damit auch an seinem schrecklichen Tod.

Julian schrieb vieles, und verschiedene Zeitgenossen schrieben über ihn; daher kann man eine Menge über seine Person erschließen. Seine Geschichte wurde von dem belgischen Altphilologen Joseph Bidez erforscht und in einem sehr gut zu lesenden Werk veröffentlicht: La vie de l’Empereur Julien (dt. Julian der Abtrünnige).

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Bürgerpaläste und eine Mahnung

Mittwoch, 24. Juni 2009 · 3 Kommentare

Die Villen in Schlachtensee präsentieren teilweise eine geradezu hemmungslose Geltungssucht ihrer Bauherren – aber schön sind sie doch!
Ornamentaler Erker
Erker mit Puttenreigen
Villa in Schlachtensee 3
Villa in Schlachtensee 2
Villa in Schlachtensee 1

Auf sachlichere und im Grunde menschlichere Weise schön ist diese zwischen all diesem hochfahrenden 19. Jahrhundert stehende Siedlung von Bruno Taut.
Taut-Siedlung in Schlachtensee 3
Taut-Siedlung in Schlachtensee 2
Taut-Siedlung in Schlachtensee 1

Gut und richtig war es, den von der Spanischen Allee durchschnittenen Platz nach der von den Nazis zerstörten Stadt Guernica zu benennen – dies geschah vor knapp zehn Jahren. Die Spanische Allee erhielt ihren Namen nach der Rückkehr der Legion Condor; die Benennung des kleinen Platzes ist als Mahnung gerade an dieser Stelle sinnvoll.
Guernicaplatz

Leider hat der Platz – lieblos bepflanzt und ohne irgendeine Sitzgelegenheit außer dem Wartehäuschen an der Bushaltestelle – gar keinen Platz-Charakter; damit ist das Gedenken schon wieder beinahe unmöglich gemacht: Wer will hier schon verweilen?
Blick auf den Guernicaplatz

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„Geh doch arbeiten!“

Montag, 22. Juni 2009 · 18 Kommentare

Dieser unsagbar dämliche Satz begegnet mir in Abwandlungen immer wieder. Heute las ich eine Variation im Zusammenhang mit Demonstranten. (Vollkommen gleichgültig, wie man zu der ein oder anderen Kundgebung steht, hat dieser Satz mit der Sache durchaus nichts zu tun.)
Hier noch einmal an alle, die glauben, Arbeitslose seien einfach faul: Es gibt auf der ganzen Erde, auch in Deutschland, Arbeitslosigkeit. Sie ist einerseits der Preis dafür, daß viele beschwerliche und umständliche Arbeiten heute durch Maschinen besser und schonender verrichtet werden können, und andererseits die Konsequenz aus jahrzehntelanger Mißwirtschaft und nun überall fehlendem Geld. Selbstverständlich gibt es auch unter Arbeitslosen Faulpelze – wie in allen Menschengruppen, gleich nach welchen Kriterien man sie zusammenstellt -, aber Faulheit ist kein wesentliches Merkmal Arbeitsloser.
Arbeitgeber haben oft unsinnige Erwartungen – der ideale Arbeitnehmer sei bitte jung, aber mit Berufserfahrung – sozial kompetent, aber ohne Familienwunsch – hochgebildet, aber ohne irgendeine Ahnung von seinen Rechten – ewig jung, aber mit mehrjähriger Berufserfahrung, auch im Ausland.
Alten Leuten – zumal alten Frauen, daran hat alle Emanzipation nichts geändert – wird nichts zugetraut. Und der niemals eindeutig definierbare Begriff alt wird immer weiter nach unten korrigiert. Mit 21 Jahren amüsierte ich mich noch, daß das Jugendherbergswerk mich als Senior einstufte. Mit dreißig Jahren wußte ich aus mehrjähriger Erfahrung, daß ich für weite Teile des Arbeitsmarkts bereits „zu alt“ war.
Alt ist zum Schmähwort geworden. Als abfälliges Schimpfwort wird auch „Hartz IV“ zunehmend benutzt und gern mit Alkoholismus in Verbindung gebracht.

Bei meiner derzeitigen MAE-Stelle leiste ich hochqualifizierte Arbeit mit Sachverstand und Interesse. Für mehr Geld würde ich nicht schlechter arbeiten.
Meine öffentliche Bewerbung wird im Schnitt einmal täglich angeklickt. Eine Antwort habe ich noch nicht bekommen. Andere Bewerbungen werden entweder zurückgeschickt oder überhaupt nicht beantwortet.
Bisher habe ich noch niemanden, der mir mit einer Variation von „Geh doch arbeiten“ entgegentrat, verprügelt. Gott helfe mir, daß es so bleibt.

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