Mein Leben als Rezitatorin

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Geschäftsschädigende Viren

Samstag, 28. November 2009 · 10 Kommentare

Heute und morgen sollte ich im Rahmen einer Veranstaltung mehrere Kurzlesungen halten. Leider wurde ich gestern heimtückisch von einer vermummten Bande Rhinoviren überfallen – die Gegenwehr mit Vitamin-C-haltigem Essen und allerhand Hausmitteln war zwecklos.
Es tut mir wirklich Leid für die Leute, die sich auf die Lesungen gefreut haben. Ich habe heute früh versucht, ob es nicht doch geht, mit der Folge von Säuferstimme und Hustenreiz nach zwei Strophen.
Rhinoviren sind Banausen.

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Trostspaziergang

Freitag, 18. September 2009 · 5 Kommentare

Wegen sehr großen Ärgers über sehr törichte Menschen (mich selbst nicht ausgenommen) mußte ich heute unbedingt einen längeren Spaziergang machen. Das half; es ist ein erlesener Herbsttag, und die Vorgärten der Umgebung zeigen sich von ihrer schönsten Seite.

Verwildert ein Garten, sind Hopfen und Disteln unter den erfolgreichsten Besetzern.
Hopfen
Distelsamen

Dahlien zeigen mit besonderer Farbkraft, daß das Leben im Herbst nicht einfach zu Ende geht.
Gelbe Dahlie
Rosa Dahlie

Immer wieder faszinieren mich die im Herbst ergrünenden Hortensien – hier ein besonderes Prachtexemplar.
Hortensie im September

Max Dauthendey
Die gelb’ und roten Dahlien spiegeln sich

Die gelb’ und roten Dahlien spiegeln sich
Im flachen Wasser, das im Parkgrün glänzt;
Die Luft ist wie das Wasser unbewegt.

Die Seele allen Bäumen längst entwich,
Sie stehen nur noch unbewußt bekränzt;
Das Uferbild sich matt zum Spiegel legt.

Schwertlilienkraut fiel um, sein Grün verblich;
Und von metallnen Wolken eng begrenzt
Ein Stückchen Blau sich wie ein Auge regt,

Ein blauer Blick, der sich zum Wasser schlich.
Manch’ Wolke, wie ein Drache wild beschwänzt,
Mit grauem Leib den blauen Fleck durchfegt.

Und unter Wolken treffen Menschen Dich
Denen die Lieb’ den Sommer neu ergänzt,
Daß ihn kein Herbst aus ihrem Auge schlägt,
Denen das Leben dann wie nur ein Tag verstrich.

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Eichenschicksal

Samstag, 22. August 2009 · 1 Kommentar

Ein nicht einmal schwerer Sturm hat in der vergangenen Nacht einen ungeheuren Ast von der jüngeren der beiden Eichen gerissen. Zum Glück blieben Haus und Menschen unbeschädigt – aber der Vorgarten ist zu zwei Dritteln voll Eichenast, und die Eiche steht vollkommen schief und scheint auch irgendwo einen Knick im Stamm zu haben. Das heißt, der arme Baum, den ich seit vierzig Jahren kenne und der früher einmal meine Schaukel trug, wird vermutlich gefällt – und damit wird ein Stück Lebensraum für hunderte kleiner Wesen weggenommen.
Eichenunglück 2
Eichenunglück 3
Eichenunglück 4
Eichenunglück 5
Eichenunglück 6
Eichenunglück 7

Ein Trost: die andere Eiche, die seit Jahren etwas kränkelt, steht trotzdem weiter aufrecht und vollständig.
Eichengarten

Der Efeu wucherte auf dieser Mauer so, daß die Rose weder Licht noch Luft bekam. Nun sieht die Mauer erst einmal etwas kahl aus – aber die Rose kann wachsen (und der Efeu wird wiederkommen, eher als es mir lieb ist).
Vom Efeu befreite Mauer

Der Garten beginnt, herbstlich auszusehen. Ein erstes Frühherbststräußchen schmückt das Buffet.
Habichtskraut und Hagebutten

Friedrich Hölderlin
Die Eichbäume

Aus den Gärten komm ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt’ und erzog, und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,
Untereinander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,
Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt ich die Knechtschaft nur erdulden, ich neidete nimmer
Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd ich unter euch wohnen!

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„Geh doch arbeiten!“

Montag, 22. Juni 2009 · 18 Kommentare

Dieser unsagbar dämliche Satz begegnet mir in Abwandlungen immer wieder. Heute las ich eine Variation im Zusammenhang mit Demonstranten. (Vollkommen gleichgültig, wie man zu der ein oder anderen Kundgebung steht, hat dieser Satz mit der Sache durchaus nichts zu tun.)
Hier noch einmal an alle, die glauben, Arbeitslose seien einfach faul: Es gibt auf der ganzen Erde, auch in Deutschland, Arbeitslosigkeit. Sie ist einerseits der Preis dafür, daß viele beschwerliche und umständliche Arbeiten heute durch Maschinen besser und schonender verrichtet werden können, und andererseits die Konsequenz aus jahrzehntelanger Mißwirtschaft und nun überall fehlendem Geld. Selbstverständlich gibt es auch unter Arbeitslosen Faulpelze – wie in allen Menschengruppen, gleich nach welchen Kriterien man sie zusammenstellt -, aber Faulheit ist kein wesentliches Merkmal Arbeitsloser.
Arbeitgeber haben oft unsinnige Erwartungen – der ideale Arbeitnehmer sei bitte jung, aber mit Berufserfahrung – sozial kompetent, aber ohne Familienwunsch – hochgebildet, aber ohne irgendeine Ahnung von seinen Rechten – ewig jung, aber mit mehrjähriger Berufserfahrung, auch im Ausland.
Alten Leuten – zumal alten Frauen, daran hat alle Emanzipation nichts geändert – wird nichts zugetraut. Und der niemals eindeutig definierbare Begriff alt wird immer weiter nach unten korrigiert. Mit 21 Jahren amüsierte ich mich noch, daß das Jugendherbergswerk mich als Senior einstufte. Mit dreißig Jahren wußte ich aus mehrjähriger Erfahrung, daß ich für weite Teile des Arbeitsmarkts bereits „zu alt“ war.
Alt ist zum Schmähwort geworden. Als abfälliges Schimpfwort wird auch „Hartz IV“ zunehmend benutzt und gern mit Alkoholismus in Verbindung gebracht.

Bei meiner derzeitigen MAE-Stelle leiste ich hochqualifizierte Arbeit mit Sachverstand und Interesse. Für mehr Geld würde ich nicht schlechter arbeiten.
Meine öffentliche Bewerbung wird im Schnitt einmal täglich angeklickt. Eine Antwort habe ich noch nicht bekommen. Andere Bewerbungen werden entweder zurückgeschickt oder überhaupt nicht beantwortet.
Bisher habe ich noch niemanden, der mir mit einer Variation von „Geh doch arbeiten“ entgegentrat, verprügelt. Gott helfe mir, daß es so bleibt.

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Ein rotäugiges Gespenst

Dienstag, 26. Mai 2009 · 3 Kommentare

… blickt mir seit Tagen beim Zähneputzen entgegen, macht mich schlapp und hält mich trotz herrlichem Wetter im Hause fest. Es ist mir bei solcher Gesellschaft nicht möglich, Intelligentes zu verfassen – also lasse ich einen anderen zu Wort kommen.

Joachim Ringelnatz
Das Gesellenstück

Mahagoni auf Eiche furniert.
Deckel sauber scharniert.
Alle Bretter gefedert, gespundet.
Die Ecken fein weich gerundet.
Die Seitenwände mit tief geschnitzten
Weintrauben und Schellfischen geziert.
Das war bei Weber in Osnabrück
Mein Gesellenstück.

Selbst Wasmann und Peter sagten 1910:
Solch einen Sarg hätten sie noch nie gesehn.

Ohne mich rühmen. Das soll einer machen.
Und dabei alles selber gemacht.
Die Griffe kupfergeschmiedete Drachen,
Die Füße gedrechselt (((Acht, sacht, Pracht, lacht, gedacht))),
Auf den Deckel in Rundschrift fein säuberlich
Eingebrannt: »Sarg für Frau (Doppelpunkt Strich)«.
Inwendig ein rosshaargepolstertes Bett,
Rosa Pünktchen auf Gelb-Violett.
Ich habe manchmal des Studiums wegen
24 Stunden darin gelegen.
Da war ein durch schöne Bilder verdecktes
Speiseregal zur linken Hand,
Wo Camembert, Zwieback und Butter stand
Und Trockengemüse und Eingewecktes. –

Auf den leisesten Druck mit der Zehe im Schlaf
Löste sich zu Fußende ein Kinematograph
Und zeigte abwechselnd »Brudermord«
Und »Torpedoangriff an Steuerbord«.
Alle zwei Stunden von selbst automatisch
Spielte ein Grammophon ganz zart:
»Ich bin der Doktor Eisenbarth.«

Außerdem roch es dort sehr sympathisch
Nach Moschus, Kampfer und kalter Küche.
Von wegen die Leichengerüche.
Und dann die Technik und das Komfort:
Kalender, das Telefon rechts am Ohr,
Glühbirnen und Klingeln. Ein tolles Gewirr.
Auch ein kleines, versilbertes Nachtgeschirr. –
Und Wasserstandglas und Thermometer.
Kurz herrlich! herrlich! – Wasmann und Peter
Hätten mir glattweg fünftausend Mark
Und doppelt soviel gezahlt für den Sarg.
Und das war damals ein Geld, wenn man’s denkt.

Aber ich hänge nicht so am Golde. –
Und so hab ich ihn dann meiner Tante Isolde
Zum 70. Geburtstag geschenkt.

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Rhinoviren und Sprache

Donnerstag, 21. Mai 2009 · 3 Kommentare

Expositionsprophylaxe hätte geholfen, ist aber ein im Grunde überflüssiges Wort! Wer kann diese Form der Prophylaxe denn üben, wenn er nicht gerade ein Eremit ist? Jetz si die asale u auslautede Detale etwas schwierig zu spreche. Aber lesen kann ich noch, wenn auch nicht vor-.

Christian Morgenstern
Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf daß er sich ein Opfer fasse

- und stürzt sich drauf mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.

Paul Schrimm erwidert prompt: „Pitschü!“
und hat ihn drauf bis Montag früh.

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Terminsalat

Freitag, 6. März 2009 · 1 Kommentar

Oh weh, ich und mein Kalender – wir lieben uns nicht mehr, können uns aber der Kinder wegen nicht trennen.
Nicht zum ersten Male geisterte ein von mir selbst falsch aus meinem Taschenkalender abgeschriebener Termin im Netz! Liebe Leser, liebe Hörer – über meinen Lieblingsdichter, den Archipoeta, erzähle ich nicht im Mai, sondern bereits am 29. April (näheres in der Kopfleiste unter Lesungen). Die Qualität der Veranstaltung wird unter diesem Versehen nicht leiden.

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Grübeleien

Donnerstag, 11. Dezember 2008 · 4 Kommentare

Die dunkle kalte Zeit gen Jahresende bringt mich wieder einmal zum Nachdenken über eine Bilanz.
Es gibt reichlich Gründe zur Dankbarkeit. So ist kein mir sehr Nahestehender gestorben; ferner habe ich auch in diesem Jahr unterlassen, die eigene oder eine fremde Kehle aufzuschlitzen, und auch sonst halten sich meine gesetzwidrigen Taten in engen Grenzen.
Mit einem Freund durfte ich wunderbare Tage ganz ohne Angst verbringen – und ich hoffe, daß sie nicht nur für mich erfreulich waren. Einen Verleger für zwei meiner kleinen Geschichten habe ich gefunden, vielleicht auch für einiges Künftige. Ein Hörbuch gibt es aus meiner eigenen Produktion.
Alles in allem, habe ich dennoch wenig – fast nichts – fertiggebracht. Vorgenommen habe ich mir weitere Arbeit in meinem Beruf sowie das Erlernen von Grundbegriffen der Mathematik (das ist ein Stück Allgemeinbildung, das mir völlig fehlt). Ob ich irgendwann in irgendetwas meßbaren Erfolg haben werde, weiß ich nicht.

Mit diesem Herzen, das schlägt
unaufhörlich und mir zum Trotz
mit diesen Augen, die sehn
was versagt ist und wünschenswert
mit diesen Füßen, die gehn
krumme und schwierige Wege entlang
mit dieser Seele, die riss
suche ich, suche, weiß nicht wonach
mein Gott, der Du weißt -
sag mir, was es ist.

© Claudia Sperlich

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Kultur lohnt nicht

Dienstag, 2. Dezember 2008 · 15 Kommentare

… fange ich an zu glauben. Meine Veranstaltungen sind gewöhnlich sehr sparsam besucht, obwohl alle, die hinfinden, mit Begeisterung reagieren (darf ich in realistischer Unbescheidenheit sagen). Besser wenig als keiner, dachte ich und hoffte weiter.
An den letzten beiden Wochenenden hatte ich je zwei Veranstaltungen. Eine einzige fand tatsächlich statt – meine Kollegin Bettina Buske berichtete darüber. Euphemistisch heißt es dort „leider schlecht besucht“ – tatsächlich waren die Bedienung des Cafés, Bettina und ich dort, in der zweiten Hälfte der Veranstaltung noch ein Gast.
Die drei anderen Veranstaltungen fielen aus; es kam niemand. Zu der letzten, einer Lesung von Weihnachtsgeschichten, hatten sich mehrere Menschen angemeldet – aber niemand kam. Sie hätte am verkaufsoffenen Sonntag stattgefunden.
Es gibt zwar bereits einen Terminplan für das nächste Jahr. Aber ich weiß nicht, ob einer der Termine stattfinden wird. Sicher weiß man das zwar grundsätzlich nicht – es könnte vorher die Welt untergehen oder mir ein Ziegelstein aufs ungeschützte Haupt fallen. Aber so unsicher wie jetzt war ich in dieser Hinsicht noch nie. Putzen ist weit lukrativer als Rezitieren.

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Wo sind die Massen?

Samstag, 8. November 2008 · 8 Kommentare

Die, die auf meiner Lesung waren, haben es genossen. Allein – es waren nicht viele! Wo bleiben die Massen?
Ein wenig enttäuscht bin ich, etwas muffelig gestimmt, aber ich lebe eben mit unternehmerischem Risiko. Aber eines tröstet mich wirklich. Ich bekam eine Rose geschenkt, die ich während des Schreibens aus einem Augenwinkel betrachte.
Lachsfarbene Rose

Daß sie neben der Ilias steht, hat mit Hans Christian Andersen zu tun und einer sentimentalen kleinen Geschichte aus seiner Feder. So klingt der Abend ein bißchen wehmütig, aber trotzdem schön aus.

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