Mein Leben als Rezitatorin

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Memento Murnau

Mittwoch, 11. März 2009 · Kommentar schreiben

murnau

Vor 78 Jahren starb der große Cineast Friedrich Wilhelm Murnau. Nosferatu ist wohl sein berühmtestes Werk – eine sehr freie Adaption des Dracula, weniger facettenreich als Bram Stokers Roman, aber von schaurig-schöner Bildgewalt.
Faust – eine deutsche Volkssage mit Emil Jannings als Mephisto ist ebenfalls recht frei gegenüber dem literarischen Vorbild. Virtuos handhabt Murnau das noch neue Medium, und seine für einen modernen Cineasten noch sehr simple Trickkiste leistet an Suggestion im Grunde mehr als die technische Perfektion moderner Filme: Der Zuschauer weiß, daß es sich um Pappmaché, Spiegelung und Feuerwerk handelt, und glaubt es trotzdem.

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Drei Tage voll Gutem

Montag, 3. November 2008 · 5 Kommentare

Meinen lieben Gastgebern einen herzlichen Dank! Es waren wunderbare Tage, geballt voll Kultur – und auch mit mir sehr wichtigen Freundesgesprächen.
Freitag waren wir in Xanten, leider ohne meine Kamera. Der Archäologische Park Xanten auf dem Gelände der Colonia Ulpia Traiana ist sehr sehenswert; man bekommt hier in den behutsam restaurierten Überresten der Römerstadt einen Eindruck von jenem zugleich unserer Zeit unvorstellbar harten und auch luxuriösen Leben. Erheblichen Gruselfaktor hat ein Gang längs den düsteren Tier- und Menschenkäfigen unter der Zuschauertribüne des Amphitheaters. Allerdings kann man auch in den Sand der Arena schreiten und (wenn man zufällig Rezitatorin ist) sich einbilden, vor vollbesetzten Steinstufen die Orpheussage zu erzählen… wer weiß, vielleicht wird es ja mal was.
Auf dem Grundriß der riesenhaften Thermen hinter den Mauern der Colonia ist das Römermuseum errichtet, eine Glas- und Stahlkonstruktion, die ohne jeden Tinnef, ganz unprätentiös, hell und groß die alte Architektur nicht so sehr nachahmt wie ganz zart in den Umrissen andeutet. Hier kann man im Erdgeschoß die Überreste der Thermen besichtigen. Über drei Stockwerke wird man durch didaktisch hervorragend angeordnete und in gut verständlichen Texten erläuterte Funde von Militaria über Haushalts- und Handwerksbedarf bis zu Schmuck und Spielzeug in die Zeit vor gut 2000 Jahren geführt. Die verschiedenen Ebenen sind durch Rampen verbunden. Überhaupt ist das Museum rollstuhlfreundlich mit viel Raum zwischen den Vitrinen und einem geräumigen gläsernen Aufzug.
Nach diesem schönen Erlebnis sahen wir noch den Dom zu Xanten. Der graue Tag ließ leider die schönen Fenster nicht recht wirken – aber ein herrlicher Bau ist es, von mir aus müßte es nur romanische Kirchen geben (und vielleicht noch die von Le Corbusier).

In Münster wurde ich etwas sentimental in Erinnerung an meine dortige Studienzeit. Weniger sentimental war der Himmel gestimmt, es goß. So wurde leider nur ein einziges Photo ein bißchen ansehbar; im Vorraum des Domes zu Münster sind diese Figuren zu sehen.
Dom zu Münster
Leider kamen die von Georg Meistermann geschaffenen Fenster des Domes durch den trüben Tag kaum zur Geltung, dafür konnten wir aber den Kreuzweg von Bert Gerresheim gut sehen sowie an der Nordseite des Domes seine Kreuzigungsgruppe.
In der Ludgerikirche betrachteten wir den im Krieg zerstörten und auf Beschluß der Gemeinde nicht restaurierten Kruzifix – die Arme fehlen, und ein Granatsplitter hat ein Loch gebohrt, wo das Herz wäre. Auch sahen wir – leider undeutlich in schlechtem Licht – das Gemälde Sacra Conversazione von Gerhard van der Grinten, das Edith Stein und Niels Stensen im Gespräch zeigt.
Im Landesmuseum Münster sahen wir die Ausstellung Orte der Sehnsucht – Künstler auf Reisen. Von Dürer bis Gauguin sind hier auf und nach Reisen gemalte Bilder noch bis zum 11.1.2009 zu sehen – wärmste Empfehlung von mir, eine großartige Ausstellung über den Blick in die Ferne, nach Italien, in die Alpen, in den Orient, nach Tahiti. (Das im Internet gefundene Photo von Leon Bellys Gemälde Pilger auf dem Weg nach Mekka gibt nur einen schwachen Eindruck von dem großartigen Gemälde.)

Am Sonntag war das Wetter ungewöhnlich mild und hell. In Düsseldorf gelangen dann auch tatsächlich einige Photos.
In einem stillgelegten Hafen an einer Bastion liegt ein Schiff fest.
Düsseldorf - stillgelegter Hafen

Ein Blick über den Rhein
Düsseldorf - Blick über den Rhein

Schloßturm
Türme in Düsseldorf

Häuser in Rheinnähe
Düsseldorfer Häuser

Denkmal des Kunstsammlers und Mäzen der Pinakothek, des Kurfürsten Johann Wilhelm
Johann-Wilhelm-Denkmal Düsseldorf 2
Johann-Wilhelm-Denkmal Düsseldorf 1

Justitia
Justitia in Düsseldorf

das Heine-Haus, in dem der Dichter geboren wurde
Heine-Haus in Düsseldorf 1
Heine-Haus in Düsseldorf 2

Heinrich Heine
Zur Notiz

Die Philister, die Beschränkten,
Diese geistig Eingeengten,
Darf man nie und nimmer necken.
Aber weite, kluge Herzen
Wissen stets in unsren Scherzen
Lieb und Freundschaft zu entdecken.

Bert Gerresheim hat auch hier gewirkt und das eindrucksvolle Stadterhebungsmonument geschaffen. Auch im Goethe-Museum waren wir – und waren überwältigt von der Fülle der Exponate. Bilder, Schriftstücke aller Art, Gerätschaften zu Goethes naturwissenschaftlichen Untersuchungen. Man wird auf zwei Stockwerken ganz in die Goethezeit hineingenommen.

Zuletzt wurde ich noch durch die überraschend schöne Garnisonsstadt Krefeld geführt, die in rechtwinkliger Perfektion um einen Rest mittelalterlich krummer Gassen gebaut wurde. Einst fanden die Mennoniten hier Zuflucht; eine Tafel vor der Mennonitenkirche gibt hierüber sehr klare Auskunft. – In Krefeld gibt es noch eine ganze Reihe schöner gründerzeitlicher Gebäude. Eine hübsche, stille Stadt und ein guter Ausklang dieses intensiven Kulturprogrammes!

Johann Wolfgang von Goethe
Den Freunden

Des Menschen Tage sind verflochten,
Die schönsten Güter angefochten,
Es trübt sich auch der freiste Blick;
Du wandelst einsam und verdrossen,
Der Tag verschwindet ungenossen
In abgesondertem Geschick.

Wenn Freundes Antlitz dir begegnet,
So bist du gleich befreit, gesegnet,
Gemeinsam freust du dich der That.
Ein zweiter kommt, sich anzuschließen,
Mitwirken will er, mitgenießen,
Verdreifacht so sich Kraft und Rath.

Von äußerm Drang unangefochten,
Bleibt, Freunde, so in Eins verflochten,
Dem Tage gönnet heitern Blick!
Das Beste schaffet unverdrossen;
Wohlwollen unsrer Zeitgenossen
Das bleibt zuletzt erprobtes Glück.

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Stirb und werde

Samstag, 25. Oktober 2008 · 6 Kommentare

Die größte Masse Laub ist schon herunter; jetzt fällt es noch in Maßen. Der Rasen wird weiter freigeharkt, auf den Beeten bleibt nun das letzte Laub des Jahres als Schutzschicht vor Winterkälte liegen.
Zur Strecke gebrachtes Laub

Für die eindrucksvoll schönen Rottöne im Herbst braucht Weinlaub Sonnenlicht, und das ist in diesem Garten Mangelware. Daher bleibt der Wein meist auf der durch den Wald und die große Eiche im Garten verschatteten Südseite grün – der erlesen sonnige Oktober in diesem Jahr hat die Blätter aber immerhin zu einem satten Goldgelb gefärbt. Unentschieden zwischen verschiedenen Purpurtönen und Grün ist er auf der etwas helleren Ostseite.
Weinlaub 1
Weinlaub 2

Ebenfalls schöngefärbt ist das Laub der Hamamelis, die zahlllose Knospen trägt – im Winter wird sie blühen.
Hamamelis 1
Hamamelis 2

Eine Rose entblättert sich in dramatischer Schönheit, eine andere knospt – sehr dekorativ vor der Hamamelis.
Welke Rose
Rose vor Hamamelis

Ein alter Efeu blüht; er wächst wie ein von barocker Gärtnerhand beschnittenes Orangenbäumchen.
Efeu als Bäumchen

Der Geißbart im Hintergarten ist riesig; ich habe ein Stück davon ausgegraben und in den Vordergarten gepflanzt. Dort sieht er zwar etwas gerupft aus, wird sich aber sicher bald erholen; was ein Geißbart ist, kann das! Ein wenig habe ich zum Verschenken abgezweigt.
Geißbart umpflanzen 1
Geißbart umpflanzen 2
Geißbart umpflanzen 3

Die Vogeltränke muß immer noch gefüllt werden: die nur wenige Gramm schweren Vögelchen, Meisen, Rotkehlchen, Kleiber, lieben auch jetzt noch ein Bad darin! Brrrr. Ich frage mich, wie diese Winzlinge das aushalten, ohne sofort zu erfrieren.
Vogeltränke

Seltsam schön sind die modernden Baumstümpfe, einer mit ebenfalls nicht mehr taufrischen Pilzen überwuchert. Ein anderer wirkt von nahem wie eine Skulptur oder vielleicht eine phantastische Landschaft.
Baumstumpf 1
Baumstumpf 3
Baumstumpf 4
Baumstumpf 2

Johann Wolfgang von Goethe
West-Östlicher Divan, Buch des Sängers
Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebendige will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

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Lieblingscafé

Sonntag, 19. Oktober 2008 · 4 Kommentare

Nach einem einzigartig guten Stück Kürbiskuchen und einem ebenso leckeren wie fair gehandelten und ökologisch angebauten Kaffee…
Kaffee und Kuchen

… möchte ich einiges über das Café Engelmann-Tarabichi zum Besten geben – das Café, in dem ich des öfteren Lesungen oder Rezitationsabende habe, das Café, in dem ich ein bißchen zu viel meiner sauer verdienten Euronen wieder umsetze, einfach weil es nah, freundlich und hervorragend ist!
Schaut selbst, Berliner wie Gäste:
Bei Sonnenschein sagt es selbst der Schatten!
Schatten im Café 1
Schatten im Café 2

Frank Engelmann und einige seiner Werke. Übrigens bekommt man hier auch hervorragende Salate und Suppen.
Frank Engelmann und seine Kuchen

Ein großzügiger Raum kann geschlossenen Gesellschaften dienen – oder auch einfach so als Rückzug in die orientalisch anmutende Polsterecke. Übrigens gibt es hier auch eine Spielecke und – hinter einem diskreten Wandschirm – einen Wickeltisch. Ein knapp dreijähriges Puz lief vorhin sehr selbständig in diesen Raum und sagte zu seiner liebevoll folgenden Mutter: Geh weg, Mama, ich komm gleich wieder.
Im Café Engelmann-Tarabichi

Noch stehen die Tische für draußen bereit – aber heute war es schon recht kühl, dann dienen sie eben als Blumenetageren!
Fenster im Café

Immer wieder werden die Werke zeitgenössischer Künstler hier ausgestellt, zur Zeit Stilleben von Grietje Willms, die wunderbar zum südlichen Flair des Cafés passen.
Fisch und Tomaten

Ein Regal bietet Olivenöl, unglaublich leckere Brotaufstriche und handgefertigte Olivenseife – alles von einem feinen Betrieb auf Kreta.
Griechische Spezialitäten 1
Griechische Spezialitäten 2Griechische Spezialitäten 3

Auch ein Bücherregal gibt es; man darf schmökern, kann auch für wenig Geld Bücher erstehen.
Bücherregal

Johann Wolfgang von Goethe
An den Kuchenbäcker Händel

O Händel, dessen Ruhm vom Süd zum Norden reicht,
Vernimm den Päan, der zu deinen Ohren steigt!
Du bäckst, was Gallier und Britten emsig suchen,
Mit schöpfrichem Genie, originelle Kuchen.
Des Kaffees Ocean, der sich vor dir ergießt,
Ist süßer als der Saft, der vom Hymettus fließt.
Dein Haus, ein Monument, wie wir den Künsten lohnen,
Umhangen mit Trophä’n, erzählt den Nationen:
Auch ohne Diadem fand Händel hier sein Glück,
Und raubte dem Cothurn gar manch Achtgroschenstück.
Glänzt deine Urn’ dereinst im majestät’schen Pompe,
Dann weint der Patriot an deiner Katakombe.
Doch leb’! dein Torus sei von edler Brut ein Nest,
Steh hoch wie der Olymp, wie der Parnassus fest!
Kein Phalanx Griechenlands mit römischen Ballisten
Vermög Germanien und Händeln zu verwüsten.
Dein Wohl ist unser Stolz, dein Leiden unser Schmerz,
Und Händels Tempel ist der Musensöhne Herz.

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Bücherparade

Samstag, 20. September 2008 · 4 Kommentare

Don Farrago warf mir ein Stöckchen zu – zehn Bücher soll ich nennen, die man meiner Ansicht nach unbedingt gelesen haben muß. Nun mache ich ungerne Vorschriften, und ich spreche niemandem ein vollgültiges und wertvolles Leben ab, der meine Favoriten nicht liest. Andererseits ist da die innere Stimme, die mir bei wesentlich mehr als zehn, ja mehr als hundert Büchern sagt, ich müsse sie unbedingt noch lesen, und zwar angesichts der Kürze des Lebens und der Ungewißheit des Schicksals ein bißchen flott.
Dies vorausgeschickt, wage ich dennoch einen Hinweis auf zehn meiner Favoriten – und sogar eine dringende Leseempfehlung:

1. Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft: Deudsch / Auffs new zugericht. D. Martin Luther.
(Es kann auch eine andere Übersetzung sein, ganz großartig wäre natürlich das heilige Original Hebräisch und Griechisch!)
2. Homer, Ilias und Odyssee (gerne in der Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt)
3. William Shakespeare, Complete Works (daraus mindestens eine Tragödie, eine Komödie und das 18. Sonnett)
4. Johann Wolfgang von Goethe, Faust I und II
5. Annette von Droste-Hülshoff, Gesammelte Werke (daraus wenigstens zehn Gedichte, Die Judenbuche und Der Spiritus Familiaris des Roßtäuschers)
6. Victor Hugo, Les Misérables / Die Elenden
7. Anton Tschechow, Erzählungen
8. Joseph Roth, Radetzkymarsch
9. Bruno Snell, Die Entdeckung des Geistes
10. Franz Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh

Wer mag, kann das Stöckchen aufheben.

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Libelle

Sonntag, 31. August 2008 · 4 Kommentare

Beim sonntäglichen Kaffee begegnete ich einem kleinen Flugdrachen.
Libelle 1
Libelle 2
Libelle 3

Annette von Droste Hülshoff beschrieb die Libelle in

Westfälische Schilderungen aus einer westfälischen Feder

… Die wüsten Steppen haben sich in mäßige, mit einer Heidenblumendecke farbig überhauchte Weidestrecken zusammengezogen, aus denen jeder Schritt Schwärme blauer, gelber und milchweißer Schmetterlinge aufstäuben läßt. – Fast jeder dieser Weidegründe enthält einen Wasserspiegel, von Schwertlilien umkränzt, an denen Tausende kleiner Libellen wie bunte Stäbchen hängen, während die der größeren Art bis auf die Mitte des Weihers schnurren, wo sie in die Blätter der gelben Nymphäen wie goldene Schmucknadeln in emaillierte Schalen niederfallen und dort auf die Wasserinsekten lauern, von denen sie sich nähren.

Und auch jener Weimarer, der die Droste, enge Freundin seiner Schwiegertochter Ottilie, mit keinem Wort je erwähnte (so klein konnte er sein), besang die Libelle:

Die Freuden

Es flattert um die Quelle
Die wechselnde Libelle,
Mich freut sie lange schon;
Bald dunkel und bald helle,
Wie das Chamäleon,
Bald rot, bald blau,
Bald blau, bald grün.
O daß ich in der Nähe
Doch ihre Farben sähe!

Sie schwirrt und schwebet, rastet nie!
Doch still, sie setzt sich an die Weiden.
Da hab ich sie! Da hab ich sie!
Und nun betracht ich sie genau,
Und seh ein traurig dunkles Blau –

So geht es dir, Zergliedrer deiner Freuden!

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Was ich besonders mag

Mittwoch, 25. Juni 2008 · 1 Kommentar

fragt Piri. Zehn Dinge, nicht Menschen, sollen es sein. Die Reihenfolge sagt nichts über das Maß an Wertschätzung!

1. Schreiben

Friedrich von Logau
Poetinnen.

OB Weiber mügen Verse schreiben?
Diß Ding zu fragen lasse bleiben
Wer Sinnen hat: Dann/ solten Sinnen
Nicht auch die Weiber brauchen künnen?

Poetinnen.

Wann Weiber Reime schreiben/ ist dupelt ihre Zier/
Dann ihres Mundes Rose bringt nichts als Rosen für.

2. Photographieren

Peter Altenberg
Revolutionär

Beim Photographen roch es nach «Photographen». Die Tapeten waren japanisch und Alles war wie bei einem genialen Tapezirer.
«Wir gehören doch zur Kunst, doch und doch -» schrieen diese überladenen Räume. Sie mussten eben ein Übriges thun und vor künstlerischem Geschmacke strotzen.

3. Rezitieren

William Shakespeare
As You Like It (II,7)

All the world’s a stage,
And all the men and women merely players:
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts,
His acts being seven ages.

4. Lesen

Friedrich von Logau
Bücher=Glücke.

Bücher haben auch jhr Glücke: Wann sie nicht gesaltzen seyn/
Fasst man dennoch gute Würtze/ Pfeffer oder Saffran drein:
Kümmt es dir/ ich bin zu friede/ liebes Buch/ nur auch so gut/
Wann mit dir nur in geheime/ niemand was verschämtes thut.

5. Garten

Arno Holz

Kleine, sonnenüberströmte Gärten
mit bunten Lauben, Kürbissen und Schnittlauch.
Noch blitzt der Thau.
Über den nahen Häuserhorizont ragen Thürme.
Durch das monotone Geräusch der Neubauten,
ab und zu,
pfeifen Fabriken,
schlagen Glocken an.
Auf einer Hopfenstange sitzt ein Spatz.
Ich stehe gegen einen alten Drahtzaun gelehnt
und sehe zu, wie über einem Asternbeet
zwei Kohlweißlinge taumeln.

6. Kaffee

Arabischer Anonymus (um 1511)

O Kaffee! Du verscheuchst jeden Kummer, das Ziel aller Wünsche des Gelehrten bist du.
Er ist das Getränk der Gottesfreunde; er gibt denen Gesundheit, die in seinem Dienst nach Weisheit streben.
Bereitet aus der einfachen Schale der Beere, hat er den Duft von Moschus und die Farbe der Tinte.
Der verständige Mann, der Tassen voll schäumenden Kaffees leert, er allein kennt die Wahrheit.
Möge Gott dem Wahnwitzigen dieses Getränk entziehen, der es mit unverbesserlichem Eigensinn verdammt.
Kaffee ist unser Gold. Wo immer er aufgetragen wird, erfreut man sich der Gesellschaft der trefflichsten und edelsten Männer.
O Trank! Harmlos wie reine Milch, von der du dich nur durch deine Schwärze unterscheidest.

7. Katze

Johann Wolfgang von Goethe
Italienische Reise

Rom 1786, den 25. Dezember.

… was für eine Freude bringt es, zu einem Gipsgießer hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus der Form hervorgehen sieht und dadurch ganz neue Ansichten der Gestalten gewinnt… Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber wohl beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann, und der uns, bei aller seiner Großheit und Würde, das lustigste Geschichtchen veranlaßt hat.
Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig, gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Türe und ruft mich, eilig zu kommen und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage: was es sei, erwiderte sie, die Katze bete Gott Vater an. Sie habe diesem Tiere wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses sei aber doch ein großes Wunder. Ich eilte mit eigenen Augen zu sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt und reichte mit der Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte und sich weder durch die Interjektion der Wirtin, noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht dadurch, daß dieses scharf riechende Tier wohl das Fett möchte gespürt haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten hatte.

8. Wandern

Joseph Freiherr von Eichendorff
Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht. -

9. Musik

Martin Luther

Wer sich die Musik erkiest,
hat ein himmlisch Werk gewonnen;
denn ihr erster Ursprung ist
von dem Himmel selbst gekommen,
weil die lieben Engelein
selber Musikanten sein.

10. Laudes

iam lucis orto sidere,
Deum precemur supplices,
ut in diurnis actibus
nos servet a nocentibus.

Linguam refrenans temperet,
ne litis horror insonet,
visum fovendo contegat,
ne vanitates hauriat.

Sint pura cordis intima,
absistat et vecordia:
carnis terat superbiam
potus cibique parcitas.

Ut cum dies abscesserit,
noctemque sors reduxerit,
mundi per abstinentiam
ipsi canamus gloriam.

Deo Patri sit gloria,
eiusque soli Filio,
cum Spiritu Paraclito,
nunc et per omne saeculum.
Amen.

Zu Deutsch:

Schon zieht herauf des Tages Licht,
wir flehn zu Gott voll Zuversicht:
Bewahre uns an diesem Tag
vor allem, was uns schaden mag.

Bezähme unsrer Zunge Macht,
dass sie nicht Hass und Streit entfacht;
lass unsrer Augen hellen Schein
durch Böses nicht verdunkelt sein.

Rein sei das Herz und unversehrt
und allem Guten zugekehrt.
Und gib uns jeden Tag das Brot
für unsre und der Brüder Not.

Dich, Vater, Sohn und Heil´ger Geist,
voll Freude alle Schöpfung preist,
der jeden neuen Tag uns schenkt
und unser ganzes Leben lenkt.
Amen.

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Meinungen zu neun Fragen

Dienstag, 10. Juni 2008 · 3 Kommentare

… will Piri lesen. Nun denn:

…die schönste Art zu entspannen.

Theodor Fontane
Guter Rat

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.

…der beste Tipp für den Umgang mit der Hausarbeit.

Gotthold Ephraim Lessing
Lob der Faulheit

Faulheit jetzo will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen.-
O — wie — sau — er — wird es mir, –
Dich — nach Würden — zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut, wer Dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben –
Ach! — ich — gähn — ich — werde matt –
Nun — so — magst du — mir’s vergeben,
Daß ich Dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

…die menschenfreundlichste Erfindung aller Zeiten.
Die Waschmaschine! Ohne sie stünden wir immer noch zwei Tage in der Woche am Rubbelbrett.

Christian Morgenstern
Die Unterhose

Heilig ist die Unterhose,
wenn sie sich in Sonn’ und Wind,
frei von ihrem Alltagslose,
auf ihr wahres Selbst besinnt.

Fröhlich ledig der Blamage
steter Souterränität,
wirkt am Seil sie als Staffage,
wie ein Segel leicht gebläht.

Keinen Tropus ihr zum Ruhme
spart des Malers Kompetenz,
preist sie seine treuste Blume
Sommer, Winter, Herbst und Lenz.

…die am dringendsten notwendige Versöhnung.

Angelus Silesius
Der allerlieblichste Thon.

Es kan in Ewigkeit kein Thon so Lieblich seyn /
Als wenn deß Menschen Hertz mit GOtt stimbt überein.

…die wichtigste Veränderung, die du angehen möchtest.

Johann Wolfgang von Goethe
Beherzigung

Feiger Gedanken
Bängliches Schwanken,
Weibisches Zagen,
Aengstliches Klagen
Wendet kein Elend,
Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
Zum Trutz sich erhalten,
Nimmer sich beugen,
Kräftig sich zeigen,
Rufet die Arme
Der Götter herbei.

…der beste Weg, Ruhe in den Alltag einkehren zu lassen.
Sich dies immer wieder klarzumachen:

Teresa von Avila

Nichts ängstige dich, nichts schrecke dich.
Alles vergeht, Gott ändert sich nicht.
Geduld erreicht alles.
Nichts fehlt dem, der Gott hat.
Gott allein genügt.

…die größte Stärke von Männern/Frauen.

Matthias Claudius
Die Liebe

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel,
Und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
Und schlägt sie ewiglich.

…die größte Schwäche von Männern/Frauen.

Andreas Gryphius
Threnen des Vatterlandes/Anno 1636

Wir sind doch numer gantz / ja mehr denn gantz verheret!
Der frechen völker schar / die rasende posaun,
das von blutt fette schwerdt / die donnernde carthaun
hatt aller schweiss / und fleiss / und vorrath aufgezehret.

Die türme stehn in glutt / die Kirche ist umbgekehret
das Rathaus liegt im graus / die starcken sind zerhaun.
Die Jungfraun sind geschändt / und wo wir hin nur schaun
ist fewer / pest und todt der hertz und geist durchfehret.

Hier durch die Schantz und Stadt / rint allzeit frisches Blutt
Dreymall sind schon sechs jahr als unser ströme flutt
von so viel leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich noch von dem was ärger als der todt,
was grimmer als die pest / und glutt und hunger noth
das nun der Selen schatz / so vielen abgezwungen.

…die merkwürdigste Idee, die du hattest.
Das kann ich nicht beantworten. Ich habe fast nur ziemlich merkwürdige Ideen, und das ständig.

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Weißensee adé

Sonntag, 2. März 2008 · 1 Kommentar

Vor fünf Jahren zog ich in eine schöne geräumige Wohnung nach Weißensee. Die Nachbarn waren freundlich, die Gegend hübsch und ruhig, Prenzl’berg nah, die Verkehrsverbindungen hervorragend. Auf der Sollseite stand das geringe literarische Interesse der Umgebung – das ist für eine Rezitatorin keine sehr gute Geschäftsbasis. Trotzdem hatte ich nicht vor, diese Wohnung aufzugeben.
Pfütze
Nun stehe ich doch wieder vor einem Umzug. Ich werde in Berlin bleiben – etwas anderes kommt gar nicht in Frage! -, aber günstiger und weiter südlich wohnen. Ich sehe die lichten Seiten des Wohnungswechsels: Balkon und isolierte Außenwände sowie ein bißchen mehr literarische Bildung in der Gegend. Meiner Lieblingsbuchhandlung und dem schönsten aller Gärten komme ich so auch näher.
Aber Weißensee und Prenzl’berg werden einen Raum in meinem Herzen behalten – wie alle Orte, an denen ich schon gewohnt habe.
Es wird, wie ich hoffe, der letzte vor dem finalen Umzug. Der ja übrigens sehr lohnen soll.
individuelles Wohnen

Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,
Nur mit ein bißchen andern Worten.

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Marthens Garten

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Vor 201 Jahren…

Donnerstag, 10. Januar 2008 · 8 Kommentare

… wurde sie geboren, zwei Monate zu früh, um gesund, und hundert Jahre zu früh, um gebührend beachtet zu sein.
Annette Freiin von Droste-Hülshoff
Zwar erlebte sie hart erarbeiteten und wohlverdienten Ruhm, aber wie verdächtig eine schreibende Frau war und wie schwer sie es hatte, als Dichterin wahrgenommen zu werden, geht aus mehr als einem ihrer Werke hervor – und aus Zitaten wie diesem aus einem Brief Wilhelm Grimms an seinen Bruder Jakob über die sechzehnjährige Droste und ihre Schwester:

… es ist schade, daß sie etwas Vordringliches und Unangenehmes in ihrem Wesen hat; es war nicht gut mit ihr fertig zu werden; sie ist mit 7 Monat auf die Welt gekommen und hat so durchaus etwas Frühreifes bei vielen Anlagen. Sie wollte beständig brillieren und kam vom einem ins andere… Die andere ist ganz das Gegenteil, sanft und still.

Ein Gedicht der Jugendlichen endet:

Fesseln will man uns am eignen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum,
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde,
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Und über 40jährig schrieb sie:

Am Turme

Ich steh’ auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass’ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh’ ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht’ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh’ ich ein Wimpel wehn
So keck wie eine Standarte,
Seh‘ auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen,
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöve streifen.

Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lassen es flattern im Winde!

Bis heute ist ihr Gesamtwerk nur als historisch-kritische Ausgabe erhältlich (etwa so lang wie ein Mittelklassewagen und vermutlich auch etwa so teuer). Es gibt keine andere Edition ihrer unvollendeten Dramen, keine Edition von irgendetwas, was sie als sehr junge Frau schrieb – darunter sind hochinteressante, weit überdurchschnittlich reife und formal erstklassige Werke – keine Edition ihrer umfangreichen Korrespondenz. In den Schulen, auch jenen, die sich mit ihrem Namen schmücken, lernen die Schüler genau zwei ihrer Werke: Der Knabe im Moor und Die Judenbuche. Und das wars mit der Droste, als ob sie nicht unendlich viel mehr geschrieben hätte!
Im Stichwortregister der Weimarer Goethe-Ausgabe kommt die Droste nicht vor. Ich schließe daraus, daß der Herr Geheimrat die enge Freundin seiner Schwiegertochter Ottilie nicht wahrgenommen hat.
Ich will es lieber wie Sarah Kirsch halten.

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