Mein Leben als Rezitatorin

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Die erste Kerze

Sonntag, 29. November 2009 · 7 Kommentare

Allen Lesern wünsche ich eine frohe, stressarme, segensreiche, liebevolle Adventszeit!
Da mein virtueller Adventskalender sich erst am 1. Dezember öffnet, hier einige Photos meines heimischen Adventskalenders – der schon heute sein erstes Türchen öffnet.

Das Bücherregal ist ein guter Ort für einen Adventskalender, in dem es heuer Bibelzitate zu den Themen Weisheit und Liebe gibt.
Adventskalender 1
Adventskalender 2
Adventskalender 3

Auch ein Adventskranz muß sein, wie jedes Jahr. Die erste Kerze steht im Kranz, die anderen warten noch außerhalb.
Erster Advent

Ich liebe den Advent, Zeit zwischen Rummel und Einkehr, Kitsch und Kunst, Süßkram und Fasten, Sentimentalität und Religion – eine sicher nicht einfache Zeit, zumal in winterkalten Gegenden mit kurzen Tagen, aber ich möchte nicht auf diese schöne Zeit verzichten.
Nur angesichts der hausgroßen Plakate, die mit Weihnachtsmännern und Tannenbäumen für den Konsum ohne Sinn und Verstand werben – da könnte ich zuweilen zur Bilderstürmerin werden. Allein, das nützt ja auch nichts – also: tief durchatmen, ein unfreundliches Wort denken und das beworbene Dingsda nicht kaufen.

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carpe diem!

Freitag, 27. November 2009 · 1 Kommentar

Horaz

Vor 2017 Jahren starb der Dichter, dem wir eines der meiststrapazierten Zitate verdanken – und wahrlich noch erheblich mehr an guter Literatur.

Eine märchenhafte Karriere machte der Mann mit den Segelohren (sein Beiname Flaccus, Schlappohr, läßt ausgeprägte Ohrwascheln vermuten). Sein Vater war als Freigelassener wohlhabend genug geworden, seinen klugen Sohn in Athen studieren zu lassen. Die schon berühmten Dichter Vergil und Varius bemerkten sein Talent und stellten ihn dem Kunstförderer Mæcenas vor, der den jungen Mann sehr schätzte und ihm ein Landgut spendierte, in dem Horaz sehr fleißig schrieb.
Das zum geflügelten Wort gewordene Zitat pflücke den Tag stammt aus folgendem reizenden Gedicht, in dem er seine Freundin vor dem abergläubischen Vertrauen auf Horoskope warnt:

tu ne quæsieris – scire nefas -, quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leuconoë, nec Babylonios
temptaris numeros! Ut melius, quidquid erit, pati,
seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
quæ nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum: sapias ! vina liques et spatio brevi
spem longam reseces! Dum loquimur, fugerit invida
ætas: carpe diem, quam minimum credula postero!

zu Deutsch:

Frag nicht, Leukonoë – Wissen ist Frevel -,
was für ein Ende mir oder dir
zugedacht haben die Götter; versuche
auch Babyloniens Sternkunde nicht.
Ist es doch besser, was kommt, zu ertragen,
ob es noch viele Winter sind, ob
Jupiter uns diesen letzten gewähre,
der an dem widerständgen Geklüft
schon bricht die Kraft des Thyrrenischen Meeres.
Weise sei! Klär den Wein und bemiß
auf eine kürzere Spanne die lange
Hoffnung! Es flieht die neidische Zeit,
während wir sprechen: Pflücke den Tag,
traue so wenig als möglich dem Morgen!

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

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Ich bete an die Macht der Liebe

Mittwoch, 25. November 2009 · 3 Kommentare

Vor 312 Jahren wurde Gerhard Tersteegen geboren.
Obwohl sprachlich hochbegabt – er beherrschte neben seiner Muttersprache Deutsch die lateinische, griechische, hebräische, holländische und französische Sprache und lernte auch Spanisch und Italienisch – konnte er mangels Geld nicht studieren. Aber dichten konnte er!

Gott, du bist Licht und wohnst im Licht;
ach mach mich licht und rein,
zu schauen, Herr, dein Angesicht
und dir vereint zu sein.

So lass mich wandeln, wo ich bin,
vor deinem Angesicht;
mein Tun und Lassen, all mein Sinn
sei lauter, rein und licht.

Dein Auge leite meinen Gang,
dass ich nicht irregeh;
ach bleib mir nah mein Leben lang,
bis ich dich ewig seh.

Eigentlich widerstrebt mir der Pietismus. Aber Tersteegens Lieder, die so realistisch von menschlicher Hinfälligkeit sprechen und so überzeugt von Gottes Liebe – die lese, höre und singe ich gern. Tersteegen ging durch Selbstzweifel, Zweifel an Gott und Religion, und fand zu einer überzeugenden kontemplativen Religiosität und tätigen Nächstenliebe. Er sah das eigene Gewissen, die eigene Vernunft als hohe Instanz an, aber er sah zugleich klar die ständige Möglichkeit des Irrtums – und glaubte an eine irrtumslose Instanz über den Fähigkeiten menschlichen Geistes.
Daß er kein Sektierer war, zeigt auch folgender Satz (zu dem ich leider keine genaue Quellenangabe machen kann):

Ich glaube, dass sowohl in der Partei der Römisch-Katholischen als unter den Lutheranern, Reformierten, Mennoniten die Seelen zu dem höchsten Gipfel der Heiligung und Vereinigung mit Gott gelangen können.

Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesu offenbart;
Ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Für Dich sei ganz mein Herz und Leben,
Mein süßer Gott, und all mein Gut!
Für Dich hast Du mir’s nur gegeben;
In Dir es nur und selig ruht.
Hersteller meines schweren Falles,
für Dich sei ewig Herz und alles!

Ich liebt und lebte recht im Zwange,
wie ich mir lebte ohne Dich;
Ich wollte Dich nicht, ach so lange,
doch liebest Du und suchtest mich,
mich böses Kind aus bösem Samen,
im hohen, holden Jesusnamen.

Des Vaterherzens tiefste Triebe
in diesem Namen öffnen sich;
ein Brunn der Freude, Fried und Liebe
quillt nun so nah, so mildiglich.
Mein Gott, wenn’s doch der Sünder wüsste! -
sein Herz alsbald Dich lieben müsste.

Wie bist Du mir so zart gewogen,
und wie verlangt Dein Herz nach mir!
Durch Liebe sanft und tief gezogen,
neigt sich mein Alles auch zu Dir.
Du traute Liebe, gutes Wesen,
Du hast mich und ich Dich erlesen.

Ich fühls, Du bist’s, Dich muss ich haben,
ich fühls, ich muss für Dich nur sein;
Nicht im Geschöpf, nicht in den Gaben,
mein Ruhplatz ist in Dir allein.
Hier ist die Ruh, hier ist Vergnügen;
drum folg ich Deinen selgen Zügen.

Ehr sei dem hohen Jesusnamen,
in dem der Liebe Quell entspringt,
von dem hier alle Bächlein kamen,
aus dem der Selgen Schar dort trinkt.
Wie beugen sie sich ohne Ende!
Wie falten sie die frohen Hände!

O Jesu, dass Dein Name bliebe
im Grunde tief gedrücket ein!
Möcht Deine süße Jesusliebe
in Herz und Sinn gepräget sein!
Im Wort, im Werk, in allem Wesen
sei Jesus und sonst nichts zu lesen.

Eine schöne Vertonung dieses Gedichtes stammt von Dimitrij Bortnjanskij – dafür, daß sie in Deutschland Teil des Zapfenstreichs ist, kann weder der Komponist noch der Dichter, und vielleicht muß man sich einfach freuen, wenn selbst im Militär gelegentlich mal etwas Gutes, Wahres und Schönes gesagt wird.

Warum übrigens die schlechte Kopie eines guten Portraits von Ludwig Tieck als Portrait von Tersteegen durch das Netz geistert, weiß Gott allein.

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Schwarz und Weiß

Freitag, 20. November 2009 · Kommentar schreiben

Am Wege wachsen weiße Schneebeeren
Schneebeeren

und schwarze Ligusterbeeren.
Ligusterbeeren

Schwarz mit etwas Weiß ist außerdem Lena, meine treue Hausgenossin.
Lena betritt den Balkon
Lena auf dem Balkon 2
Lena auf dem Balkon

Rainer Maria Rilke
Schwarze Katze

Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,
dran dein Blick mit einem Klange stößt;
aber da, an diesem schwarzen Felle
wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:

wie ein Tobender, wenn er in vollster
Raserei ins Schwarze stampft,
jählings am benehmenden Gepolster
einer Zelle aufhört und verdampft.

Alle Blicke, die sie jemals trafen,
scheint sie also an sich zu verhehlen,
um darüber drohend und verdrossen
zuzuschauern und damit zu schlafen.
Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,
ihr Gesicht und mitten in das deine:
und da triffst du deinen Blick im geelen
Amber ihrer runden Augensteine
unerwartet wieder: eingeschlossen
wie ein ausgestorbenes Insekt.

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Hildegard kommt am Wochenende

Dienstag, 17. November 2009 · 14 Kommentare

Nicht zum ersten Male bin ich mit der Erstellung eines Leseprogramms bis kurz vor dem Ernstfall beschäftigt. Keine Jutta von Sponheim, kein Volmar hilft mir dabei – aber das soll mich nicht abhalten, am Samstagabend eine wahrhaft spannende Frau vorzustellen.

Die Frau ist ein Quell der Weisheit und ein Quell der Freudenfülle.

Hildegard von Bingen

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Bald beginnt die Adventszeit

Sonntag, 15. November 2009 · 13 Kommentare

… und wieder habe ich einen literarischen Adventskalender angerichtet, den meine Leser in der Kopfleiste finden. Wie immer ist Mogeln unmöglich; alle Einträge sind auf Termin gelegt – einstweilen müßt Ihr mit dem Engel vorliebnehmen.
Wer einen Kalender basteln möchte, findet dafür zahlreiche Anleitungen im Netz – auch hier.

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Der Denker des Abendlandes

Freitag, 13. November 2009 · 6 Kommentare

Augustinus

Vor 1655 Jahren – 41 Jahre nach der Legalisierung des Christentums – wurde Augustinus von Hippo geboren.

Ich tue mich in mancher Hinsicht schwer mit diesem Menschen. Daran ist nicht sein in jungen Jahren sehr liederlicher Lebenswandel schuld – den er bereute -, sondern seine so felsenfeste wie wirkmächtige Höllenlehre, die ewige Strafe für zeitliche Vergehen annimmt, seine Unterschätzung der Weiblichkeit (der er nur einen biologischen Sinn zugesteht), und in noch größerem Maße sein hochmütiger Antijudaismus.

Nichtsdestoweniger war er ein scharfer Denker, der Glauben und Logik verband und sich zeitlebens um Erkenntnis mühte. Damit ist der Kirchenvater der Kirche ein gutes Vorbild – dies alles soll sie tun, und damit das gelingt, hat sie sich (als Organisation ebenso wie in jedem einzelnen Mitglied) immer wieder diesen augustinischen Rat zu vergegenwärtigen:

dilige et quod vis fac – Liebe und tu, was du willst.

In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8

Also erst einmal lieben – das heißt, den anderen ernst nehmen und sein Bestes wollen -, und dann tun, was man auf dieser Grundlage wollen kann: eine bessere Lebenshaltung ist nicht denkbar.

Zuletzt noch mein Lieblingszitat aus den Confessiones – das mir eine beständige Mahnung ist, wenn ich mich wieder mal nicht danach richte:

optimus minister tuus est, qui non magis intuetur hoc a te audire quod ipse voluerit, sed potius hoc velle quod a te audierit

zu Deutsch:

Dein bester Diener ist nicht, der lieber von dir zu hören begehrt, was er selbst will, sondern der eher das will, was er von dir hört.

Confessiones 10,37

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Neue Ordnung

Donnerstag, 12. November 2009 · Kommentar schreiben

Der Übersichtlichkeit halber habe ich meine Seiten etwas geordnet.

Mein Argonauten-Hörbuch ist nicht in der Versenkung verschwunden, sondern unter Veröffentlichungen zu finden – wie noch einiges andere, was dunkle, gruselige, heimelige, adventliche, vor- und nachweihnachtliche Tage schöner macht.

Meinem erklärten Liebling, dem Archipoeta, bin ich nicht untreu geworden, sondern habe ihn unter Eigene Werke – Übersetzungen einquartiert.

Eine neue Seite ist dazugekommen: Ergänzend zur Hausseite sind die Termine für meine öffentlichen Rezitationen unter der Überschrift Lesungen zu finden.

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Einem Augustiner zu Ehren

Mittwoch, 11. November 2009 · 5 Kommentare

Martin Luther

Vor 526 Jahren – einen Tag nach seiner Geburt – wurde Martin Luther getauft.
Von mir aus hätte man ihn ja heilig sprechen können, schon allein für eines der schönsten, innigsten Weihnachtslieder und für das so tapfere wie ergreifende Lied von der festen Burg. Aber das wird dem Mann, um den sich so schöne Legenden ranken, wohl kaum widerfahren.
Seine Bibelübersetzung ist in ihrer Sprachgewalt und gleichzeitigen Lesbarkeit bis heute unerreicht und hat unsere Sprache geprägt. Ein gemeinsames Hochdeutsch gab es zu Luthers Zeit nicht; Gebildete unterhielten sich auf Latein, und Ungelehrte aus so verschiedenen Gegenden wie Hamburg und München konnten sich – wenn sie sich überhaupt trafen – kaum verständigen. Luthers Übersetzungswerk ist damit auch ein bis heute wirkmächtiges Bildungswerk (und sehr zu hoffen ist, daß innerhalb wie außerhalb der Kirchen sich wieder mehr Menschen um Bildung und Freude an der Sprache bemühen). Bildung war dem Reformator überhaupt eine Herzensangelegenheit, so trat er für eine allgemeine Schulpflicht ein.

Den außergewöhnlichen Erfolg konnte Luthers Übersetzung nur durch den kurz vorher erfundenen Buchdruck haben. Das machte Bücher zwar noch nicht billig: der handwerkliche Aufwand einer Druckerei war groß, Papier war teuer, Buchbinderei aufwendig. Aber erheblich günstiger als in Zeiten der Skriptorien waren die gedruckten Bücher doch, und Auflagen von mehreren hundert, ja von über tausend Stück waren kein Ding der Unmöglichkeit mehr.

Urheberrechte gab es noch nicht, und gegen Raubdrucke war Luther machtlos – es hat sich wohl kaum einer die Warnung an die Buchdrucker zu Herzen genommen.

DEr selbige verfluchte Geitz / hat vnter allen andern Vbeln / so er treibt / sich auch an vnsere Erbeit gemacht / darin seine bosheit vnd schaden zu vben. Denn nach dem vns allhie zu Wittemberg / der barmhertzige Gott seine vnaussprechliche gnade gegeben hat / Das wir sein heiliges Wort / vnd die heilige Biblia hell vnd lauter in die deudsche Sprache bracht haben / Daran wir (wie das ein jglicher Vernünfftiger wol dencken kan) treffliche grosse Erbeit (doch alles durch Gottes gnaden) gethan.
SO feret der Geitz zu / vnd thut vnsern Buchdrückern diese schalckheit vnd büberey / Das andere flugs balde hernach drücken / Vnd also der unsern Erbeit vnd Vnkost berauben zu jrem Gewin / Welchs eine rechte grosse öffentliche Reuberey ist / die Gott auch wol straffen wird / vnd keinem ehrlichen Christlichen Menschen wol ansteht. Wiewol meinet halben daran nichts gelegen / Denn ich habs vmb sonst empfangen / vmb sonst hab ichs gegeben / vnd begere auch dafur nichts / Christus mein HErr hat mirs viel hundert tausentfeltig vergolten.
ABer das mus ich klagen vber den Geitz / Das die geitzigen Wenste vnd reubische Nachdrücker mit vnser Erbeit vntrewlich vmbgehen. Denn weil sie allein jren Geitz suchen / fragen sie wenig darnach / wie recht oder falsch sie es hin nachdrücken / Vnd ist mir offt widerfaren / das ich der Nachdrücker druck gelesen / also verfelschet gefunden / das ich meine eigen Erbeit / an vielen Orten nicht gekennet / auffs newe habe müssen bessern. Sie machens hin rips raps / Es gilt gelt. So doch (wo sie anders rechte Drücker weren) wol wissen vnd erfaren solten haben / Das kein vleis gnugsam sein kan in solcher Erbeit / als die Drückerey ist / Des wird mir Zeugnis geben / wer jemals versucht hat / was vleisses hie zugehöret.
DERhalben / ob jemand diese vnser newe gebesserte Biblia fur sich selbs / oder auff eine Librarey begert zu haben / der sey von mir hiemit trewlich gewarnet / das er zusehe / was vnd wo er keuffe / vnd sich anneme vmb diesen Druck der von den vnsern corrigirt wird / vnd hie ausgehet. Denn ich gedencke nicht so lange zu leben / das ich die Biblia noch ein mal müge vberlauffen. Auch ob ich so lange leben müste /bin ich doch nu mehr zu schwach zu solcher Erbeit.
VND wündsche das ein jglicher bedencken wolt /das nicht leichtlich jemand anders solcher ernst sey an der Biblia / als vns allhie zu Wittemberg / als denen zum ersten die gnade gegeben ist / Gottes wort wider an den tag vngefelscht / vnd wol geleutert / zubringen. Hoffen auch / vnser Nachkomen werden in jrem nachdrücken / eben den selben vleis dran wenden / Da mit vnser Erbeit rein vnd völlig erhalten werde.

Ein Jammer, daß dieser kluge und tatkräftige Mann, der zunächst das Judentum so ernst nahm, sich später (vielleicht aus Enttäuschung darüber, daß die Juden nicht reihenweis konvertierten) zu einem so ungezügelten Haß auf die Juden hinreißen ließ. Das ist ein Punkt, den ich durchaus nicht verstehe – und für den ich auch kein Verständnis will. Aber trotz dieses furchtbaren Charakterfehlers kann ich nicht anders, als den Reformator, den Dichter, Musiker und Übersetzer zu achten.

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Einig und recht frei

Montag, 9. November 2009 · 8 Kommentare

Manchmal fällt mir auch ein sehr boshaftes Zitat ein:

Niederträchtig, aber einig,
Und in letzter Hinsicht, mein ich,
Immerhin noch zu verehren;
Doch wie lange wird das währen?
Bösewicht mit Bösewicht –
Auf die Dauer geht es nicht.

Wilhelm Busch, Plisch und Plum

Doch trotz allem Ärger über den real existierenden Kapitalismus, über politische und andere Dummheiten, über Machtgeilheit, Bildungsferne und -feindlichkeit (insbesondere in höheren Etagen) und was mich sonst noch erzürnt – heute will ich mich einfach nur freuen, daß die Mauer, dies Monster, nicht mehr steht und langsam, langsam auch in den Hirnen überwunden wird.

Gestern besuchte ich eine Lesung. Bettina Buske las aus dem Buch Mauerstücke, in dem Schriftsteller aus Ost und West ihre Sicht der Mauer und des Mauerfalls beschreiben. Ein lebendiges Geschichtsbuch ist das, in dem Angst und Unverständnis angesichts des „antifaschistischen Schutzwalls“ ebenso beschrieben sind wie die naive Bewunderung, die ein Kind für einen Soldaten der Volksarmee hegt; die Erfahrung von Ablehnung durch die jeweils „anderen“ und auch Versöhnung und wachsendes Verständnis werden in zahlreichen Geschichen melancholisch und humorvoll, zornig und fröhlich geschildert.

Patricia Koelle und Bettina Buske haben beide nicht nur selbst höchst lesenswerte Geschichten beigetragen, sondern auch die ungeheure Arbeit der Herausgabe geleistet.
Den Anhang des Buches bildet eine bunte und kuriose Photogalerie der Mauer von der Westseite.
Koelle und Buske 3

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