Mein Leben als Rezitatorin

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Hohe Nacht der morschen Knochen

Samstag, 19. Dezember 2009 · 5 Kommentare

Über die keinesfalls immer segensreiche musikalische Tradition habe ich bereits vor einem Jahr berichtet.
Zu meinem fassungslosen Entsetzen ist in diesem Jahr eine CD mit dem Titel Hohe Nacht der klaren Sterne im Handel.
1936 verfaßte der damalige Referent der Reichsjugendführung, Hans Baumann, neben dem unsäglichen Marschlied Es zittern die morschen Knochen auch dies Lied:

Hohe Nacht der klaren Sterne,
Die wie weite Brücken stehn
Über einer tiefen Ferne,
D’rüber unsre Herzen geh’n,

Hohe Nacht mit großen Feuern,
Die auf allen Bergen sind,
Heut’ muß sich die Erd’ erneuern,
Wie ein junggeboren Kind!

Mütter, euch sind alle Feuer,
Alle Sterne aufgestellt;
Mütter, tief in euren Herzen
Schlägt das Herz der weiten Welt!

Hoch, weit, tief, groß – Adjektive erheblicher Ausdehnung prägen dies Lied; wer sich die bildende Kunst und Architektur der Nazizeit zu Gemüte führt, sieht schnell, daß der Blick auf das Zarte, Kleine ihr fremd war. Klar - in seiner ganzen Bedeutungsspanne von fleckenlos, rein, hell, unverfälscht – werden die Sterne genannt, aber die Verbindung (die Brücke!) zu den Herzen wird unmittelbar und überdeutlich geschlagen; sie werden klar gedacht wie die Sterne.
Die zweite Strophe beginnt mit dem in der Naziliteratur häufigen Bild des Feuers; der urtümliche Brauch der Sonnenwendfeuer wird assoziiert. (Tatsächlich brannten solche Feuer natürlich viel eher in den Ebenen als auf den Bergen, wo sowohl Menschen als auch Brennholz knapp waren. Aber Berge wirken halt mehr.) Der naturreligiöse Gedanke der Erneuerung der Erde in der längsten Nacht des Jahres wird mit dem der Geburt eines Kindes verknüpft; das Fest der Christgeburt mit seiner Lichtmetaphorik wird ersetzt durch ein unmittelbar den natürlichen Jahreskreis illustrierendes Fest. Mit der Wortschöpfung junggeboren (als ginge das Geborenwerden auch anders als jung) wird zugleich der in der Nazizeit starke Jugendwahn und die Idee der „Verjüngung des Volkes“ bedient.
In der dritten Strophe werden die Mütter geradezu heiliggesprochen. Hier werden verschiedene Bilder, durch die die Mutter Jesu beschrieben und verehrt wird (Sternenkrone, Herz Mariae, Maria auf der Weltkugel), in pervertierter Weise auf „die Mütter“ angewandt – und man ahnt schon, daß bei diesem Bild nicht an eine Jüdin gedacht wird.
Das Lied beschreibt nicht die Bewunderung und Ehrfurcht vor dem bestirnten Himmel, sondern erhebt den Sänger oder Zuhörer, entrückt ihn scheinbar zu den Sternen (in seiner Eigensicht weit über das neugeborene Kind, um das es den Sängern anderer Lieder zu dieser Zeit geht), läßt ihn sich als Übermenschen fühlen.
Kurz, in diesem Machwerk wird mit künstlich-volkstümlichem Geschwurbel ein erhabenes und selbsterhebendes Gefühl beschworen, Naturverbundenheit, mystisches Gewaber und Mutterkult werden verwoben in einem den Verstand mißachtenden und vernebelnden Lied.

Was aber steht in den bei einem großen Buchversand abrufbaren Kritiken zu der CD?

„Alte, teils heute nur noch wenig bekannte Winter- und Weihnachtslieder, die das Wesen der deutschen Weihnacht so eindrucksvoll widerspiegeln, werden in traditioneller Art dargeboten und damit aufkommender Vergessenheit entrissen…“
„In der neuzeitlichen, vorweihnachtlichen Reizüberflutung á la „Jingle Bells“ und „White Christmas“ führt diese Sammlung sowohl bekannter als auch beinahe vergessener deutscher Weihnachtslieder zurück in die ersehnte Besinnlichkeit der schönsten Zeit im Jahre.“
„Das ist wirklich Volksmusik und nicht dieses „Volkstümliche“ getue. Und auch nicht diese Lieder, die man im Radio nur noch in ihrer verfremdeten englischen Version höhrt. Sehr empfehlenswert für Jung und alt kann ich da nur sagen. Und Außerdem auch eine Weihnachts CD, die auch nicht-Christen ohne bedenken bestellen können.“ [Orthographie wie im Originaltext]
„Ich habe die CD für meine Oma erworben, da sie sich noch aus ihrer Kindheit an das Lied „Hohe Nacht der klaren Sterne“ erinnern konnte, es aber seitdem nicht mehr gehört hat.“
„Generell sind die musikalischen Qualitäten hier im unteren Bereich angesiedelt, hier waren anscheinend Laien am Werk.
Schade um die schönen, alten Lieder…“
„Wie kann man sich trauen, diese schönen, alten Weihnachtslieder in einer solch diletantischen Art und Weise zu singen und dafür auch noch Geld zu kassieren.“

(Hervorhebungen von mir)

Keine der Kritiken zeigt auch nur einen Anhauch von Einsicht, daß es sich zumindest bei dem titelgebenden Lied um schlechte Literatur handelt.
Meine Leser wird es nicht erstaunen, daß ich mich über die beklagte schlechte Gesangsqualität der CD ingrimmig freue.

In einem Artikel des Historisch-kritischen Liederlexikons heißt es:


III. Der Erfolg des Liedes beruhte darauf, dass hier Schüsselbegriffe des Nationalsozialismus wie „Naturmystik, Mutterkult und Neugeburt“ (Esther Gajek) zusammengebracht wurden. Der Rezeptionshorizont war sogar für Christen offen, weil das Lied seine Ideologie nicht kämpferisch, sondern sublim vortrug. Der „Schein des Bekannten“ ermöglichte eine Aufnahme auch bei denjenigen, die nicht aktiv für die nationalsozialistische Weltanschauung eintraten. Das gilt auch für die formal durchaus gelungene Melodie, die ebenfalls von Baumann geschaffen wurde.

V. Nach 1945 riss die Rezeption des Liedes nicht ab: In der Deutschen Demokratischen Republik fand es als Kindergartenlied Verwendung, weil dort christliche Weihnachtslieder verpönt waren. Im Westen wurde das Lied in verschiedenen Liederbüchern abgedruckt, etwa in der Sammlung „Unser fröhlicher Gesell“ (Wolfenbüttel 1956). Selbst in einem Liederbuch des Deutschen Gewerkschaftsbundes (Essen 1948) ist „Hohe Nacht der klaren Sterne“ enthalten.

Hans Baumann schrieb auch einige ganz niedlich und harmlos klingende Liedtexte, die ich in der Grundschule lernte. Als Jugendbuchautor war er nach Kriegsende sehr produktiv.
Man kann argumentieren, er war sehr jung, als er die genannten Unsäglichkeiten veröffentlichte. Auch ich habe im jugendlichen Alter schlechte Gedichte geschrieben (die aber, Gott sei Dank, nicht veröffentlicht wurden und auch keine Diktatur unterstützten). Aber es wird mir nicht mehr möglich sein, jene niedlichen Frühlingslieder zu hören, ohne an die hohe Nacht und die morschen Knochen zu denken. Eine eindeutige Abkehr des Autors von seinem Jugendwerk ist mir nicht bekannt.

Ich habe kurze Zeit damit verbracht, nach einigen anderen Liedtexten besagter CD (die ich nicht erwerben und nicht hören will) zu forschen. Diese Arbeit mußte ich wegen lektürebedingter akuter Übelkeit aufgeben.

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Alter Schwede

Freitag, 18. Dezember 2009 · Kommentar schreiben

Viktor Rydberg

Vor 181 Jahren wurde Viktor Rydberg geboren. Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, verlor schon als kleiner Junge die Mutter und wurde bei Pflegeeltern erzogen, weil sein Vater vor Kummer begann, zu saufen.
Das Gymnasium beendete er ohne Abschluß, holte den Abschluß später nach und studierte Jura, aber auch das nicht bis zum Examen.
Eine gescheiterte Existenz? Nein – ein Professor für Kulturgeschichte an der Schwedischen Akademie. Denn dort wurde man auf den klugen, sprachgewandten Publizisten aufmerksam.
Rydberg schrieb viel, setzte sich mutig und kritisch mit dem Christentum und mit philosophischen Ideen auseinander und hatte einen beachtlichen schriftstellerischen Erfolg, auch als romantischer Dichter. Von ihm stammt ein Gedicht über einen dem großen Weltgeheimnis nachgrübelnden Wichtel; in Deutschland ist es nur in der Prosafassung von Astrid Lindgren bekannt, das heißt als sehr erfolgreiches Bilderbuch. Ich finde die Lindgrensche Fassung arg sentimental und ziehe das Original vor.

Tomte

Mittwinternacht ist bitter kalt,
die Sterne schimmern, funkeln.
Im Einödhof schläft Jung und Alt
um Mitternacht im Dunkeln.
Der Mond zieht seine Bahn ganz leis,
auf Ficht’ und Tannen leuchtets weiß,
weiß leuchtet Schnee vom Dache.
Der Tomte nur hält Wache.

Da steht er grau am Scheunentor,
grau vor dem weißen Gleiten,
und schaut zum vollen Mond empor
schon manche Winterszeiten,
schaut nach dem Wald, dem dunklen Wall
von Ficht’ und Tann vor Hof und Stall.
Seltsamen Rätsels Frage
ist seinem Sinnen Plage.

Er streicht die Hand durch Bart und Haar,
er schüttelt Kopf und Mütze —
„Dies Rätsel ist zu sonderbar,
bin nicht zum Raten nütze“ —
doch, wie gewohnt, in kurzer Zeit
verschwindet die Unsicherheit,
er geht, zu schaffen, sichten,
geht, Arbeit zu verrichten.

In Schuppen und in Speicher geht
er hin und prüft die Schlösser alle —
im Mondlicht träumen Kühe spät
des Sommers Träume in dem Stalle;
frei von Geschirr und Peitschenknall
und Zügel, Pålle träumt im Stall,
träumt in die Krippe gerne
sich duftende Luzerne.

Zum Stall von Lamm und Schaf sodann
geht er, die schlummern lange;
geht zu den Hühnern, wo der Hahn
stolz steht auf höchster Stange.
Und in der Hundehütte Stroh
Karo erwacht und wedelt froh,
es kennen sich die beiden
und mögen sich gut leiden.

Tomte schleicht sich endlich leis
zu des Hauses lieben Herren,
weiß schon lang, daß seinen Fleiß
alle hier im Hause ehren.
Dem Kinderzimmer naht auf Zeh’n
er sich, die Süßen anzusehn,
das darf ihm keiner stehlen,
sein größtes Glück nicht fehlen.

Den Vater wie den Sohn sah er
in den Geschlechtern allen
wie Kinder schlafen; doch woher
sind sie herabgefallen?
Geschlecht folgt auf Geschlecht, sie ziehn,
sie blühen, altern, gehn – wohin?
Das Rätsel kam zurücke
in ungelöster Tücke.

Zum Scheunenboden Tomte geht,
zum Heim, zu seiner Veste,
die oben hoch im Heuduft steht,
ganz nah dem Schwalbenneste;
zwar ist der Schwalbe Wohnung leer,
doch kommt sie frühlings wieder her,
wenn Blatt und Blume sprossen,
gefolgt vom lieb Genossen.

Dann zwitschert sie zu jeder Zeit
vom Wege, der sie führte,
doch nichts vom Rätsel, das von weit
an Tomtes Sinnen rührte.
Durch einen Spalt der Scheunenwand
Mondschein auf Männleins Bart sich bahnt,
der Strahl auf seinem Barte blitzt,
und Tomte grübelnd, sinnend sitzt.

Der Wald, die Gegend still zumal,
das Leben ist gefroren,
nur fernher braust der Wasserfall
ganz sachte in den Ohren.
Tomte lauscht, halb träumend. Weit
hört rauschen er den Strom der Zeit,
fragt, wohin er schnelle,
fragt, wo wohl die Quelle.

Mittwinternacht ist bitter kalt,
die Sterne schimmern, funkeln.
Im Einödhof schläft Jung und Alt
frühmorgens, noch im Dunkeln.
Der Mond senkt seine Bahn ganz leis,
auf Ficht’ und Tannen leuchtets weiß,
weiß leuchtet Schnee vom Dache.
Der Tomte nur hält Wache.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

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Morgen wird rezitiert

Mittwoch, 9. Dezember 2009 · 10 Kommentare

Ich kenne Lampenfieber ja nun zur Genüge, aber kennen und überwinden ist zweierlei. Gestern habe ich noch etwas an dem Programm für morgen verbessert. Und jetzt sitze ich mitten in der Nacht herum und habe so unnütze Gedanken wie „Es darf nicht zu routiniert klingen“, „Zweite Strophe von Carmen I unbedingt richtig betonen“, „Husten ist illegal“. Dazwischen sagt mir ein guter Geist (der Rainald von Dassels? oder des Erzpoeten selbst? Oder am Ende Genesius von Rom?) leicht genervt, ich solle mich nicht so anstellen.
Übrigens, so viel sei trotz allen Lampenfiebers mit Sicherheit gesagt: Es wird gut. Der Archipoeta ist ein wundervoller Dichter, meine Nachdichtungen sind keineswegs schlecht, und die Geschichte, die ich um diesen Menschen, von dem wir außer einigen Gedichten nichts kennen, gesponnen habe, hat es in sich.
Schon gut. Ich geh wieder schlafen.

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Kollege des Orpheus

Freitag, 4. Dezember 2009 · 4 Kommentare

Rilke

Vor 134 Jahren wurde Rainer Maria Rilke geboren – ein Dichter, dessen Werk sich mir erst recht spät und zögernd erschlossen hat. Immer wieder scheint mir, er habe um Worte für das nicht mehr Sagbare gerungen, um Bilder für das, was nur in der Seele – und auch da nur selten – begriffen wird.
Auch wenn ich nur einen Bruchteil seines Werkes kenne, glaube ich, er hat sich mit vollem Recht dem großen mythischen Sänger zur Seite gestellt.

Das letzte der Sonette an Orpheus lautet:

Stiller Freund der vielen Fernen, fühle,
wie dein Atem noch den Raum vermehrt.
Im Gebälk der finstern Glockenstühle
laß dich läuten. Das, was an dir zehrt,

wird ein Starkes über dieser Nahrung.
Geh in der Verwandlung aus und ein.
Was ist deine leidendste Erfahrung?
Ist dir Trinken bitter, werde Wein.

Sei in dieser Nacht aus Übermaß
Zauberkraft am Kreuzweg deiner Sinne,
ihrer seltsamen Begegnung Sinn.

Und wenn dich das Irdische vergaß,
zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.

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Wieder naht mein Lieblingsdichter

Montag, 30. November 2009 · 5 Kommentare

Wer immer am 10. Dezember in Berlin ist und ein Faible für Mittelalterliches hat oder einfach nur für spannende Geschichten und schöne Gedichte, mag sich an meiner Rezitation im Anno Domini freuen.
Wir wissen über den Archipoeta zwar nur das, was aus seinen wenigen erhaltenen Gedichten zu schließen ist. Aber wo das akkurate Wissen fehlt, ist die Phantasie gefragt – und so habe ich dem Mann eine Geschichte erdacht. Selbstverständlich kommt auch er selbst zu Wort in meiner Übertragung seiner Gedichte.

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carpe diem!

Freitag, 27. November 2009 · 1 Kommentar

Horaz

Vor 2017 Jahren starb der Dichter, dem wir eines der meiststrapazierten Zitate verdanken – und wahrlich noch erheblich mehr an guter Literatur.

Eine märchenhafte Karriere machte der Mann mit den Segelohren (sein Beiname Flaccus, Schlappohr, läßt ausgeprägte Ohrwascheln vermuten). Sein Vater war als Freigelassener wohlhabend genug geworden, seinen klugen Sohn in Athen studieren zu lassen. Die schon berühmten Dichter Vergil und Varius bemerkten sein Talent und stellten ihn dem Kunstförderer Mæcenas vor, der den jungen Mann sehr schätzte und ihm ein Landgut spendierte, in dem Horaz sehr fleißig schrieb.
Das zum geflügelten Wort gewordene Zitat pflücke den Tag stammt aus folgendem reizenden Gedicht, in dem er seine Freundin vor dem abergläubischen Vertrauen auf Horoskope warnt:

tu ne quæsieris – scire nefas -, quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leuconoë, nec Babylonios
temptaris numeros! Ut melius, quidquid erit, pati,
seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
quæ nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum: sapias ! vina liques et spatio brevi
spem longam reseces! Dum loquimur, fugerit invida
ætas: carpe diem, quam minimum credula postero!

zu Deutsch:

Frag nicht, Leukonoë – Wissen ist Frevel -,
was für ein Ende mir oder dir
zugedacht haben die Götter; versuche
auch Babyloniens Sternkunde nicht.
Ist es doch besser, was kommt, zu ertragen,
ob es noch viele Winter sind, ob
Jupiter uns diesen letzten gewähre,
der an dem widerständgen Geklüft
schon bricht die Kraft des Thyrrenischen Meeres.
Weise sei! Klär den Wein und bemiß
auf eine kürzere Spanne die lange
Hoffnung! Es flieht die neidische Zeit,
während wir sprechen: Pflücke den Tag,
traue so wenig als möglich dem Morgen!

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

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Ich bete an die Macht der Liebe

Mittwoch, 25. November 2009 · 3 Kommentare

Vor 312 Jahren wurde Gerhard Tersteegen geboren.
Obwohl sprachlich hochbegabt – er beherrschte neben seiner Muttersprache Deutsch die lateinische, griechische, hebräische, holländische und französische Sprache und lernte auch Spanisch und Italienisch – konnte er mangels Geld nicht studieren. Aber dichten konnte er!

Gott, du bist Licht und wohnst im Licht;
ach mach mich licht und rein,
zu schauen, Herr, dein Angesicht
und dir vereint zu sein.

So lass mich wandeln, wo ich bin,
vor deinem Angesicht;
mein Tun und Lassen, all mein Sinn
sei lauter, rein und licht.

Dein Auge leite meinen Gang,
dass ich nicht irregeh;
ach bleib mir nah mein Leben lang,
bis ich dich ewig seh.

Eigentlich widerstrebt mir der Pietismus. Aber Tersteegens Lieder, die so realistisch von menschlicher Hinfälligkeit sprechen und so überzeugt von Gottes Liebe – die lese, höre und singe ich gern. Tersteegen ging durch Selbstzweifel, Zweifel an Gott und Religion, und fand zu einer überzeugenden kontemplativen Religiosität und tätigen Nächstenliebe. Er sah das eigene Gewissen, die eigene Vernunft als hohe Instanz an, aber er sah zugleich klar die ständige Möglichkeit des Irrtums – und glaubte an eine irrtumslose Instanz über den Fähigkeiten menschlichen Geistes.
Daß er kein Sektierer war, zeigt auch folgender Satz (zu dem ich leider keine genaue Quellenangabe machen kann):

Ich glaube, dass sowohl in der Partei der Römisch-Katholischen als unter den Lutheranern, Reformierten, Mennoniten die Seelen zu dem höchsten Gipfel der Heiligung und Vereinigung mit Gott gelangen können.

Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesu offenbart;
Ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
Ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Für Dich sei ganz mein Herz und Leben,
Mein süßer Gott, und all mein Gut!
Für Dich hast Du mir’s nur gegeben;
In Dir es nur und selig ruht.
Hersteller meines schweren Falles,
für Dich sei ewig Herz und alles!

Ich liebt und lebte recht im Zwange,
wie ich mir lebte ohne Dich;
Ich wollte Dich nicht, ach so lange,
doch liebest Du und suchtest mich,
mich böses Kind aus bösem Samen,
im hohen, holden Jesusnamen.

Des Vaterherzens tiefste Triebe
in diesem Namen öffnen sich;
ein Brunn der Freude, Fried und Liebe
quillt nun so nah, so mildiglich.
Mein Gott, wenn’s doch der Sünder wüsste! -
sein Herz alsbald Dich lieben müsste.

Wie bist Du mir so zart gewogen,
und wie verlangt Dein Herz nach mir!
Durch Liebe sanft und tief gezogen,
neigt sich mein Alles auch zu Dir.
Du traute Liebe, gutes Wesen,
Du hast mich und ich Dich erlesen.

Ich fühls, Du bist’s, Dich muss ich haben,
ich fühls, ich muss für Dich nur sein;
Nicht im Geschöpf, nicht in den Gaben,
mein Ruhplatz ist in Dir allein.
Hier ist die Ruh, hier ist Vergnügen;
drum folg ich Deinen selgen Zügen.

Ehr sei dem hohen Jesusnamen,
in dem der Liebe Quell entspringt,
von dem hier alle Bächlein kamen,
aus dem der Selgen Schar dort trinkt.
Wie beugen sie sich ohne Ende!
Wie falten sie die frohen Hände!

O Jesu, dass Dein Name bliebe
im Grunde tief gedrücket ein!
Möcht Deine süße Jesusliebe
in Herz und Sinn gepräget sein!
Im Wort, im Werk, in allem Wesen
sei Jesus und sonst nichts zu lesen.

Eine schöne Vertonung dieses Gedichtes stammt von Dimitrij Bortnjanskij – dafür, daß sie in Deutschland Teil des Zapfenstreichs ist, kann weder der Komponist noch der Dichter, und vielleicht muß man sich einfach freuen, wenn selbst im Militär gelegentlich mal etwas Gutes, Wahres und Schönes gesagt wird.

Warum übrigens die schlechte Kopie eines guten Portraits von Ludwig Tieck als Portrait von Tersteegen durch das Netz geistert, weiß Gott allein.

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Schwarz und Weiß

Freitag, 20. November 2009 · Kommentar schreiben

Am Wege wachsen weiße Schneebeeren
Schneebeeren

und schwarze Ligusterbeeren.
Ligusterbeeren

Schwarz mit etwas Weiß ist außerdem Lena, meine treue Hausgenossin.
Lena betritt den Balkon
Lena auf dem Balkon 2
Lena auf dem Balkon

Rainer Maria Rilke
Schwarze Katze

Ein Gespenst ist noch wie eine Stelle,
dran dein Blick mit einem Klange stößt;
aber da, an diesem schwarzen Felle
wird dein stärkstes Schauen aufgelöst:

wie ein Tobender, wenn er in vollster
Raserei ins Schwarze stampft,
jählings am benehmenden Gepolster
einer Zelle aufhört und verdampft.

Alle Blicke, die sie jemals trafen,
scheint sie also an sich zu verhehlen,
um darüber drohend und verdrossen
zuzuschauern und damit zu schlafen.
Doch auf einmal kehrt sie, wie geweckt,
ihr Gesicht und mitten in das deine:
und da triffst du deinen Blick im geelen
Amber ihrer runden Augensteine
unerwartet wieder: eingeschlossen
wie ein ausgestorbenes Insekt.

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Bald beginnt die Adventszeit

Sonntag, 15. November 2009 · 13 Kommentare

… und wieder habe ich einen literarischen Adventskalender angerichtet, den meine Leser in der Kopfleiste finden. Wie immer ist Mogeln unmöglich; alle Einträge sind auf Termin gelegt – einstweilen müßt Ihr mit dem Engel vorliebnehmen.
Wer einen Kalender basteln möchte, findet dafür zahlreiche Anleitungen im Netz – auch hier.

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Neue Ordnung

Donnerstag, 12. November 2009 · Kommentar schreiben

Der Übersichtlichkeit halber habe ich meine Seiten etwas geordnet.

Mein Argonauten-Hörbuch ist nicht in der Versenkung verschwunden, sondern unter Veröffentlichungen zu finden – wie noch einiges andere, was dunkle, gruselige, heimelige, adventliche, vor- und nachweihnachtliche Tage schöner macht.

Meinem erklärten Liebling, dem Archipoeta, bin ich nicht untreu geworden, sondern habe ihn unter Eigene Werke – Übersetzungen einquartiert.

Eine neue Seite ist dazugekommen: Ergänzend zur Hausseite sind die Termine für meine öffentlichen Rezitationen unter der Überschrift Lesungen zu finden.

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