Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist zum Geburtstag

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen.
H.v.K., Über die allmähliche 
Verfertigung der Gedanken
beim Reden


Heute (nach seiner eigenen Angabe; offiziell erst in acht Tagen) vor 230 Jahren wurde er geboren. Begraben liegt er neben seiner Freundin Henriette Vogel auf einem Wassergrundstück in Wannsee.
Früher stand hier ein Stein mit der Inschrift:
Er lebte, sang und litt in trüber, schwerer Zeit,
Er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit.

Das Grab und diese Verse erwähnt auch Theodor Fontane. – Als die Nazis feststellten, daß der Bildhauer nicht „arisch“ war, wurde der Stein entfernt und durch diesen mit dem Zitat des Prinzen von Homburg ersetzt:
Kleistgrab

Am Zugang zu dem Grab wurde dieses Hinweisschild von einem wohlmeinenden Beamten angebracht:
Kleistgrab - Hinweis
Es hätte ein Distichon werden sollen, ist aber keines, da das, was ein Hexameter sein sollte, nur fünf Hebungen hat. Eine Bekannte hat das bereits vor Jahren verbessert – leider nicht schriftlich – in: Frieden hier suchte erfolgreich des Dichters ruhlose Seele… Durch den Zusatz erfolgreich ist das Versmaß gerettet, und das Distichon hat an Aussagekraft gewonnen.
Ein Grabstein für Henriette Vogel wurde in unseren Tagen gesetzt.
Grabstein Henriette Vogel

Von Martin Sperlich stammt folgendes Gedicht:

Sackgasse in Wannsee

In diesem Grab – es brauchte keinen Stein
NUN O UNSTERBLICHKEIT BIST DU GANZ MEIN -,
in diesem Grundstück, das wir ihm vergeuden –
ein Wassergrundstück zwischen Clubgebäuden -,
liegt, glauben wir, mit Schußloch, ein Skelett –
nein, liegen zwei in Dichters Doppelbett.
Längst hat das Volk vergessen und verziehn
und eingeplant ins öffentliche Grün.

Auch ich habe versucht, den beiden ein Denkmal zu setzen:

Sackgasse in Wannsee

Spätlicht im jungen Farn, und an den Eichen
der alte Efeu. Jüngrer deckt den Boden,
in dem sich gläsern Fäden spannen,
Fallen der kleinen Räuber. Im Geviert
verwelkte Blumen hinter Steinklotz, Sinngrün,
vergilbte Spitzen, junge Ebereschen,
und eine Eiche mit der Nummer Fünfzig,
ein rundes Schildchen mit der Nummer Fünfzig,
das ihr ein deutscher Forstbeamte anhing.

Und um Euch Farn und Efeu, Eichen, Eschen
und Spinnenfäden, Amselsang und Wasser,
und in den schrägen Sonnenbalken Staub…

Ein ordentliches Gitter, einen glatten Stein
und ein Geviert mit ordentlichen Bänken
und welke Blumen und die Nummer Fünfzig
bekommt Ihr, Dichter, Muse, wo man sich bemüht.

Wo man es nicht tut, wachsen Farn und Efeu,
Gespinste glänzen, Amsellieder klingen
Heinrich von Kleist und Henriette Vogel.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist zum Geburtstag

  1. Strabo schreibt:

    Werde auf unübertrefflich schöne Weise an den Besuch der Gräber am vergangenen Pfingstmontag erinnert…
    In Dankbarkeit
    S.

  2. Pingback: Sommermorgen in Wannsee « Mein Leben als Rezitatorin

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