Kirchengeschichte zum Martinstag

Martin wurde 316 als Sohn eines römischen Offiziers in Ungarn geboren. Er wurde zwar von Benediktinern erzogen, aber zunächst nicht getauft. Während seines Dienstes in der römischen Armee wuchs sein Interesse für das Christentum. Er bat um vorzeitige Entlassung aus dem Dienst, da er die Vergottung des Kaisers ablehnte, mußte aber 24 Dienstjahre ableisten. Nach seiner Militärzeit ließ er sich taufen und trat bald darauf, als 40jähriger, in einen Orden in Poitiers ein. 371 wurde er zum Bischof von Tours geweiht. Als 385 Priscillian, Haupt einer asketischen Bewegung, als Ketzer zum Tode verurteilt wurde, protestierten Ambrosius von Mailand und Martin von Tours vergeblich.
Martin von Tours war ein strenger Asket, verlangte diese Haltung jedoch nicht von anderen.
Der 11. November ist zunächst eine Zäsur im bäuerlichen Arbeitsjahr, dann der Vorabend der adventlichen Fastenzeit. Zunächst vierzigtägig, wurde sie später zum „Weihnachtsfasten“ mit dem 24. Dezember als letztem Tag gewandelt.
Das zeremonielle Kosten des neuen Weines am 11. November bezeugen vor allem bischöfliche Scheltbriefe, wenn es sich mal wieder zum Besäufnis entwickelt hatte.
Das Schlachten der Martinsgans war zunächst eine ökonomische Notwendigkeit, da ein Durchfüttern bis zum Frühjahr schwierig und zu teuer gewesen wäre, man außerdem die Federn im Winter gut brauchen konnte. Später entstand die Legende, daß Martin vor dem Ansinnen, ihn zum Bischof zu machen, floh, sein Versteck aber von den Gänsen verraten wurde.
Der Martinstag war auch ein Karnevalsauftakt wie der Fastnachtsdienstag; die Martinsgans wurde analog zum Fastnachtshuhn verstanden. (Eine ähnliche Entsprechung ist übrigens das Fastnachtsbetteln an beiden Tagen.)
In der Zahlensymbolik galt die Elf – eines mehr als die Gebote, eins weniger als die Apostel – als Inbegriff der Sünde; viele Fastnachtsbräuche sind daher wohl apotropäisch. Im Mittelalter kam die Sitte des Martinifeuers auf (das immer wieder obrigkeitlich verboten wurde). Um der Sicherheit willen ging man zu transportablen Lichtquellen (Kienspäne und Laternen) über; wahrscheinlich wurde hier die kirchliche Leseordnung durch die Volksfrömmigkeit interpretiert: Bis ins 19. Jh. las man an Martini Matth. 5,14-16.
Im 19. Jh. entstand eine Brauchtumübernahme in katechetischer Absicht: Lichtzüge wurden von Erwachsenen für Kinder organisiert; Martin wurde zum sozialen Heiligen. Gleichzeitig deutete die evangelische Kirche den 11. November (ein Tag nach Luthers Geburtstag) zur Martin-Luther-Feier um, wohl mit gleichen Intentionen.
Martin war ein Asket – und er war ein sozial denkender Mensch. Aber die Martinsbräuche haben mit ihm etwa soviel zu tun wie der Weihnachtsmann mit Jesus.
Daß ich dies weiß, verdanke ich Professor Hubert Wolf und seiner sehr lebendigen Art, Wissen zu vermitteln.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Kirchengeschichte zum Martinstag

  1. Fischer schreibt:

    Woher weiß man das eigentlich alles? Die biographischen Daten, mein ich.

    Ich erinnere mich, mal gelesen zu haben, dass es zwischen später Kaiserzeit und Frühmittelalter ne Überlieferungslücke gab. Oder war das später?

    Zu Martins Lebzeiten dürften doch jedenfalls schon die ganzen Neben- Unter- und Gegenkaiser durch die römische Geschichte gegeistert sein, und danach ist m.W. alles mehr oder weniger den Bach runtergegangen…

  2. Claudia schreibt:

    Dankenswerterweise war Martins Biograph Sulpicius Severus (*ca. 363, †zw. 420 u. 425) nur ungefähr 20 Jahre jünger als der Beschriebene. Hier steht noch einiges zu sicheren und unsicheren Lebensdaten.

  3. Fischer schreibt:

    Cool, Danke. 🙂

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