Joseph Freiherr von Eichendorff zum 150. Todestag

Aus gegebenem Anlaß ist heute, nur heute, in der Staatsbibliothek Berlin – und zwar in dem schönen Bau von Scharoun, nicht dem wilhelminischen Monster mit den dunklen Sälen! – im Foyer eine kleine Ausstellung von Manuskripten und Büchern. Sehr hübsch die verschiedenen Illustrationen zum Taugenichts, sehr beeindruckend die eng beschriebenen Blätter, z.T. mit zahlreichen Verbesserungen – und sehr beschämend fand ich, wie viel mir völlig unbekannt war. Ich gelobe Besserung.
Eichendorff Manuskript
Eichendorff Manuskript
Das Alter

Hoch mit den Wolken geht der Vögel Reise,
Die Erde schläfert, kaum noch Astern prangen,
Verstummt die Lieder, die so fröhlich klangen,
Und trüber Winter deckt die weiten Kreise.

Die Wanduhr pickt, im Zimmer singet leise
Waldvöglein noch, so du im Herbst gefangen.
Ein Bilderbuch scheint alles, was vergangen,
Du blätterst drin, geschützt vor Sturm und Eise.

So mild ist oft das Alter mir erschienen:
Wart nur, bald taut es von den Dächern wieder
Und über Nacht hat sich die Luft gewendet.

Ans Fenster klopft ein Bot‘ mit frohen Mienen,
Du trittst erstaunt heraus – und kehrst nicht wieder,
Denn endlich kommt der Lenz, der nimmer endet.

Werbeanzeigen

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Joseph Freiherr von Eichendorff zum 150. Todestag

  1. Strabo schreibt:

    Eigenhändig geschriebene Schriftstücke eines Dichters, Claudia, stellen auf faszinierende Weise eine unmittelbare Beziehung zur Persönlichkeit des Künstlers her. Ein solche Wirkung erzielen auch deine Photographien. Am meisten ist auf Blatt 20 erkennbar („Freiheit, Gleichheit…“), nur finde ich diese Gedichte leider nicht in meiner Eichendorff-Ausgabe…
    Kannst du durch einen Hinweis für Abhilfe sorgen?

  2. Claudia schreibt:

    Hätte ich nicht törichterweise versäumt, mir die notwendigen Angaben zu notieren, so hätte mir das einige Stunden Arbeit erspart – andererseits hätte ich dann auch nicht so viele wertvolle Zufallsfunde gemacht. Hier die endliche Erfolgsmeldung; auf dem Manuskript 20 steht:

    Andeutungen. Ahnung und Gegenwart

    1. Freiheit
    Frei, ihr Kanaillen, sag‘ ich, sollt ihr sein,
    Doch nicht, wie ihr es wollt, ihr Dumme, Blinde,
    Versunken in des Aberglaubens Schein,
    Nein, so wie ich‘s heut‘ eben dienlich finde.

    2. Gleichheit
    Wie? Niedrig wir, ihr hoch; wir arm, ihr reich?
    Planierend schwirrt die Schere dieser Zeit;
    Seid niedrig, arm, wie wir, so sind wir gleich
    Und die Misere wird doch etwas breit.

    3. Weltgeschichte
    Inmitten steht die Sonn‘ und wandelt nicht,
    Ringsum sehnsüchtig kreisen die Planeten,
    Die deckt heut Nacht, die will der Morgen töten,
    Doch ewig heiter strahlt das ew‘ge Licht.

    4. Tagesgeschichte
    Es rast der Sturm in der Historie Blättern,
    Und jeder schnappt sich schnell draus sein Fragment.
    Doch deutle nur! Der Herr in Zorneswettern
    Geht über dich hinweg und führt‘s zu End.

    5. Wunder über Wunder
    Du wunderst wunderlich dich über Wunder,
    Verschwendest Witzespfeile, blank geschliffen.
    Was du begreifst, mein Freund, ist doch nur Plunder,
    Und in Begriffen nicht mit einbegriffen
    Ist noch ein unermeßliches Revier,
    Du selber drin das größte Wundertier.

  3. Strabo schreibt:

    Ich freue mich, dass ich durch dich diese schönen Verse kennen gelernt habe.

  4. Pingback: Mein Leben als Rezitatorin und Verlegerin

  5. Pingback: Dieser Dichter taugt was! | Mein Leben als Rezitatorin und Verlegerin

Kommentare sind geschlossen.