Seht, da kommt der Winter…

Bei sehr ungemütlichem Wetter und an einem weniger schönen Tag denke ich an Jean Richepin, einen völlig zu Unrecht vergessenen Dichter. Hier ein besonders eindrucksvolles Gedicht in meiner Übertragung.

Bettlerlied – Erster Frost

Seht, da kommt der Winter, Mörder armer Leute.

Wie einem harten Herrn die Büttel vorausgehn,
so laufen vor ihm her durch die Straßen der Frost
mit weißen Fingern und der mürrische Nordwind.

Die Bengel fliehn, man hört ihren Atem keuchen,
sie kleben ihre Hände an den Mund, klopfen
die trockne Erde kräftig mit ihren Füßen.
Der Hund schießt wie ein Blitz vorbei und wittert nichts.
Die Herrn, unter den Hüten zugeknöpft und steif,
buckeln und tauchen die Nase in den Kragen.
Die Frauen halten, wie Traber im vollen Lauf,
den Hals nach vorne, rückwärts die Ellenbogen,
das Kreuz hohl. Ihr Schritt läßt in flotter Bewegung
die Tournüren auf dem Hintern Wellen schlagen.

Oh wie schön, wie wunderschön ist der erste Frost!
Wenn die Kälte von außen an die Scheibe schlägt,
funkelt diese innen von zarten Kristallen
und schillert unter dem perlmuttenen Glimmer
wie von gezeichneten Blumen und Akanthen.
Die Bäume kleiden sich in knisternde Seide,
blass und fein wie altes Silber ist der Himmel.

Seht, da kommt der Winter, Mörder armer Leute.

Seht, da kommt der Winter im Mantel aus Eis.
Platz da! der König kommt und brüllt, Platz da, Platz da!
Nordwind schlägt dem Bengel, daß er läuft, die Knute
hart auf die Waden. Der Wind stopft hundert Nadeln
den zugeknöpften Herren in den Kragen.
Der Hund trägt hinten am Rücken eine Stange,
und die Frauen fühlen freche kleine Finger
tückisch unter ihre letzten Röcke kriechen,
klemmen die Knie zusammen, das schließt die Schenkel.
Die Häuser qualmen zum Himmel wie die Schweizer.

An heitre Herde setzen sich die Herrn mit Hut;
die Wärme wird ihnen die Haut entspannen.
Die Frauen raffen ihre Röcke wadenhoch,
schützen die Haut vor den flammenden Scheiten,
strecken die langen Hände mit Rosenfingern
zu ihrem zärtlichen Liebsten, der sie weichküßt.
Auf Glückliche wartet ein schön warmes Zimmer!
Doch der laufende Bengel, der alte streunende Hund,
die Armen, Kleinen, die vielen Bedürftigen…

Seht, da kommt der Winter, Mörder armer Leute.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Antworten zu Seht, da kommt der Winter…

  1. Strabo schreibt:

    Winter:
    Nordwind, Frost, Eis – – –
    aber auch
    heiter schwelende Liebesglut – – -:
    erregende Dichterworte in kongenialer Übersetzung.

  2. Claudia schreibt:

    Dies Gedicht ist meine erste Begegnung mit dem großen Richepin; sie fand vor etwa 25 Jahren in Paris statt. Ich bewohnte dort ein billiges Hotel in der Rue Mouffetard 84. In der Nähe übernachtete ein junger Obdachloser, Hervé. Er schrieb ergreifend schöne Gedichte und schenkte mir einmal einen Stapel Fotokopien aus Richepins Werken. Den Refrain dieses Gedichtes Voici venir l’Hiver, tueur des pauvres gens habe ich nie vergessen.

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