Simone de Beauvoir in Spandau

Mit etwa einem Dutzend Hörerinnen und einem Hörer war es zwar nicht brechend voll, aber alle waren hochkonzentriert! Ich las nach einer kurzen Einführung aus Beauvoirs Hauptwerk Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, und zwar zunächst aus dem Teil, der sich mit der mythischen Sicht des Weiblichen beschäftigt und nach einer Pause über die sozialen Möglichkeiten und Wirklichkeiten der Frauen.
Das Buch erschien 1949, und man kann aufatmend sagen, daß vieles besser geworden ist. (Familienplanung ist auch in Frankreich legal, ein uneheliches Kind ist kein Skandal mehr.) Übrigens scheint die Beauvoir, so klug sie war, nicht gesehen zu haben, daß die emanzipatorische Leistung von Arbeitsplätzen für Frauen unmittelbar nach einem Krieg, wenn so viele Männer tot, verkrüppelt oder gefangen sind, so groß nicht ist.
In der sehr angeregten Diskussion nach der Lesung wurde allgemein gefunden, daß die mythische ambivalente Sicht der Frau sehr tief sitzt, obwohl sich sozial so viel geändert hat.
Mich stört an der Beauvoir ernstlich, daß sie Kinder ausschließlich als Hindernis sieht. Auch ist ihre Sicht der Bühnenkünstlerin (der sie immerhin eine Seite einräumt) ein wenig naiv; die meisten Sängerinnen, Schauspielerinnen, Rezitatorinnen usw. führen kein so großartiges oder so eitles Leben, wie sie ihnen vorwirft und zugesteht, sondern beschäftigen sich neben ihrer harten Arbeit mit Banalitäten wie dem Aufbringen von Miete und billigem Einkauf.
Trotzdem ist es ein großes Buch und hat sicher der Emanzipation gute Dienste geleistet.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Simone de Beauvoir in Spandau

  1. Strabo schreibt:

    Vielen Dank für den erbetenen Bericht, Claudia. Leider finde ich das Buch der Beauvoir nicht mehr bei mir zu Hause. Verschollen… Bücherschicksal.

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