in memoriam Hans Scholl, Sophie Scholl, Christoph Probst

Weiße Rose
Vor 65 Jahren wurden sie ermordet, weil sie die Wahrheit gesagt hatten. Alexander Schmorell, Prof. Kurt Huber und Willi Graf wurden im selben Jahr hingerichtet, im Folgejahr Hans Leipelt, der die Arbeit der Weißen Rose fortgesetzt hatte. Weitere Mitglieder der Weißen Rose und Kommilitonen, die sich nicht zur Denunziation hergegeben hatten, wurden eingesperrt; einige wurden von den Alliierten befreit, andere starben in (vielmehr an) der Haft.
Die Geschwister Scholl hatten sich zunächst vom Gemeinschaftsideal der Nazis faszinieren lassen, aber bald gemerkt, welcher Ungeist dahinter steckte. Man kann sich mit dem Nationalsozialismus geistig nicht auseinandersetzen, weil er ungeistig ist, lautet der erste Satz des zweiten Flugblattes.
Die Eltern der Geschwister Scholl waren gebildete und liberale Menschen, die ihre Kinder in christlich-humanistischem Geist erzogen. Trotzdem fielen die Geschwister zunächst auf die Lügen der Nazis herein, wie so viele junge Menschen. Als sie begriffen, daß die Naziherrschaft weder mit Christentum und Menschenliebe noch mit Bildung vereinbar war, zogen sie ihre Konsequenz.
Nach Maßstäben der Kosten-Nutzen-Rechnung war das unsinnig. Vielleicht wurde der Krieg dadurch um keinen Tag verkürzt. Vielleicht hätte die Weiße Rose mit größerer Umsicht und weniger Leichtsinn mehr ausrichten können – aber die Aufklärung ist zu allen Zeiten gefährlich und unsicher gewesen, erlebt immer Rückschläge und erreicht doch immer wieder Menschen; geschäftliches Rechnen hat deshalb in diesem Zusammenhang keinen Sinn.
Tyrannis ist keine Erfindung der Nationalsozialisten, wie übrigens auch die Flugblätter I, II, III und IV mit Zitaten von Schiller, Goethe, Laotse, Aristoteles, Novalis und aus den Sprüchen Salomonis belegen, und sie wurde nicht 1945 ein für alle mal besiegt. Die Versuchung der Willkür ist zu allen Zeiten groß, und damit auch die Notwendigkeit von Anstand, Klugheit, Bildung und Liebe, die den Einzelnen vielleicht Kopf und Kragen kosten, aber endlich unschlagbar bleiben.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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9 Antworten zu in memoriam Hans Scholl, Sophie Scholl, Christoph Probst

  1. anitz schreibt:

    Eine sehr aktuelle Thema, finde ich. Ob wir in der heutigen Gesellschaft noch Hans‘, Sophies und Christophs haben?

    Eine Frage habe ich: woher haben sie diese selbstständiges Denken und Urteilsvermögen?

    Ich frage mich, weil es in der Presse (und in den Blogs) eine Diskussion scheinbar gibt, die sich mit Engagment für die Zivilgesellschaft beschäftigt…

  2. loreley schreibt:

    Danke für diesen Beitrag.

  3. Claudia schreibt:

    Alle Mitglieder der Weißen Rose waren literaturliebende und an philosophischen Fragen interessierte Leute. Das hilft schon zum Erwerb von Urteilsvermögen. Zudem hatten die Geschwister Scholl ebenso wie Christoph Probst (und sicher nicht nur sie) sehr liebevolle Eltern, die den Nationalsozialismus ablehnten und den Kindern Kritikfähigkeit vermittelten.
    Engagement in der Zivilgesellschaft ist ein weites Feld, das bei der Hilfe für den gebrechlichen Nachbarn anfängt und in unserer Zeit vielleicht zu sehr an die große Glocke gehängt wird. Es ist auch so ein großartiger Ausdruck. Schöner und einfacher hat es Theodor Storm gesagt: „Ich werde gewiß immer tun, was in meinen Kräften steht.“

  4. Don Farrago schreibt:

    Mut, Klarsicht und Weitblick, gepaart mit missionarischem Eifer und einem gehörigen Schuss Naivität: Das konnte einfach nicht gut gehen. Dennoch sollten die Flugblätter der Weißen Rose als Wegweiser zur bürgerlichen Mündigkeit auch heute noch zur Pflichtlektüre gehören. Deshalb hier noch mal separat der Link zu allen sechs Flugblättern (im Wortlaut und als Faksimile).

    Ich habe mir übrigens am Mittwoch noch mal den Film „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ und die Doku „Sophie Scholl – allen Gewalten zum Trotz“ im TV angeschaut. Wenn man bedenkt, dass der Schauprozess gegen die Mitglieder der Weißen Rose drei Wochen nach dem Supergau von Stalingrad stattfand, packt einen angesichts der Prozessführung durch Roland Freisler, den brüllenden und tobenden Präsidenten des „Volksgerichtshofes“, die kalte Wut…

  5. Pingback: www.weisse-rose.info » Blog Archiv » Pressespiegel gegen Rechtsextremismus 2/08:

  6. piri schreibt:

    Es tut immer gut kritisch zu sein und gerade in Zeiten des Nationalsozialismus waren Menschen wie Sophie und Hans Scholl, Christof Probst und Cato Bontjes van Beek und auch die anderen ungenannten Widerstandskämpfer bewundernswerte Menschen, die meine Hochachtung verdienen. Wie hätte ich reagiert?, das frage ich mich immer wieder!

  7. Claudia schreibt:

    Vielen Dank für den Hinweis auf die mir bisher unbekannte Widerstandskämpferin.
    Niemand kann wissen, wie er in einer Situation gehandelt hätte, in die er nie kam. Wir können nur alle hoffen, daß uns in schwierigen Augenblicken das angemessene Handeln nicht allzu schwer fällt.

  8. piri schreibt:

    http://www.randomhouse.de/author_new/author.jsp?per=175306
    Von Hermann Vinke gibt es eine sehr gute Biografie über Cato, aber auch die, über Fritz Hartnagel werde ich mir besorgen, denn es sind nicht nur Fakten, sondern gelebte Geschichte!

  9. Sabine schreibt:

    Hallo, eben habe ich auf der Homepage von „Die weiße Rose“ den Link zu deinem Beitrag entdeckt und freue mich, auch bei dir einen Hinweis auf den Jahrestag zu finden. Ich habe am MI den Film „Die letzten Tage“ gesehen und obwohl ich mich schon sehr mit dem Thema auseinandergesetzt habe, hat mich der Film sehr mitgenommen. Er hat mich letztlich dazu inspiriert auch in meinem Blog auf den Todestag hinzuweisen. Hermann Vinke hat übrigens auch das Buch geschrieben: „Das kurze Leben der Sophie Scholl“.

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