Ein Job weniger

Der Stundenlohn für eine Putzfrau liegt zwischen 6,50 und 12,00 €. Das Stundenhonorar eines Nachhilfelehrers bei einem namhaften deutschen Institut beträgt 9,20 €. Nachdem ich in der letzten Novemberwoche krank gewesen war, wurde ein Anruf, daß ich wieder gesund sei, quittiert mit: „Sie sind für den Dezember nicht eingetragen.“ Ich solle mich im neuen Jahr wieder melden. Das tat ich, und seitdem hat sich das Institut nicht wieder gemeldet. Ich werde dort gewiß nicht mehr arbeiten.
Nota bene: Im November hatte ich anstandslos spontan die Vertretung mehrerer kranker Kollegen übernommen. Abgesehen davon habe ich ganz regulär mehreren Schülern einiges Wissen vermitteln können.
Mir tut es leid um die Kinder. Die Arbeit hat Freude gemacht, trotz des langen Weges und der lumpigen Bezahlung.
Rückblickend kann ich sagen, daß es zu viele Eltern gibt, die ihren Kindern einerseits kein selbständiges Lernen und andererseits geniale Leistungen in alten Sprachen zutrauen – gleichzeitig! Kinder, die eine Ausbildung zum Designer oder wenigstens ein Praktikum in einem Manga-Verlag machen wollen, werden zu sprachlichen Höchstleistungen angespornt. Kinder, die den Willen und die Fähigkeit zu einem altsprachlichen Studium haben, bekommen Ärger, wenn die Lateinarbeit mal nur eine 2- war. Kinder, die in der dritten Klasse noch kaum schreiben können, werden in eine fünfköpfige Lerngruppe gesetzt, obwohl sie Einzelunterricht brauchen. Kinder haben zweimal in der Woche zwei Stunden Nachhilfe, einmal Klavierunterricht, einmal Gymnastik, zweimal Sport, und die Eltern haben noch nicht gemerkt, daß ihre Tochter weder ißt noch trinkt und es für normal hält, im Sport manchmal umzukippen – die Familie sitzt zu Hause nie an einem Tisch.
Natürlich waren da auch wunderbare Begegnungen: der angeblich Desinteressierte, der vor mir spielerisch sprachliche Virtuosität an den Tag legt; das Mädchen, das seine Leistungen mit Fleiß und Lust an der Sache ständig verbessert, der Unterrichtsverweigerer, der zu dem von mir gegebenen Aufsatzthema Warum nervt mich die Schule? in klarer Gliederung, nachvollziehbar und fast fehlerfrei schreibt.
Ich glaube, ich hätte hier einiges ausrichten können – aber dieser Arbeitgeber will das nicht.

Karoline Rudolphi
Der verdorrte Baum
Eine Fabel

Ein Gärtner, der mit strenger Hand
An seinen Bäumen schnitt und band,
Und wenn er wilde Zweige fand,
Sogleich von innerm Zorn entbrannt,
Den Bäumchen drohete, den Übermuth zu zwingen,
In eine Hecke sie zu bringen.
Der Gärtner, als er putzt und hieb,
Fand auch ein Bäumchen schlank und zart,
Von schönem Wuchs, und seltner Art,
Das aller Kenner Urtheil nach,
Ihm Frucht und Schatten früh versprach,
Das aber ihm zu hitzig trieb.
Da holt‘ er Binsen sich, und bald
Band er mit grausamer Gewalt
Den wilden Zögling fest an eine Stange.

Das arme Bäumchen, ach! es stand
Betrübt, und schmachtete so lange,
Bis es verdorrt an seiner Stange
Der weise Gärtner fand.

Muß man, der Wildheit vorzubaun,
Die Lebensgeister dann ersticken? – –
So sah ich manch Genie erdrücken,
Das (Gott verzeih’s dem Pädagogen,
Der es zu einem Nichts erzogen!)
Geschaffen ward, mit Schatten zu erfreun,
Mit Früchten süß und rein,
Den müden Wandrer zu erquicken.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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5 Antworten zu Ein Job weniger

  1. The Exit schreibt:

    Lassen Sie den Kopf nicht hängen! Es gibt ja noch andere Nachhilfeinstitute in Berlin!

  2. Claudia schreibt:

    Keine Angst, Herr Exit: mein Kopf bleibt oben, das Rückgrat gerade. (Wenn nicht, liegt es jedenfalls nicht an den oben geschilderten Verhältnissen.)

  3. Tina schreibt:

    Liebe Claudia,
    vielleicht solltest Du die Tür nicht ganz zu machen. Vielleicht gibt es eine Erklärung für dieses Verhalten.
    Wenn Du sie aber tatsächlich gänzlich schließt, öffnet sich dafür eine andere Tür.

  4. Claudia schreibt:

    Ich will lieber auf die andere Tür vertrauen – vielmehr auch etwas dafür tun, sie vielleicht sogar selbst zimmern, aber davon später.

  5. anitz schreibt:

    Ahhh, das selbst Zimmern… na das finde ich prima. Leider empfinde ich es so, daß man in Deutschland es nicht leicht hat, eine selbstständige Arbeit aufzubauen, allerdings in Sache Nachhilfe und Lehrbegleitung dürfte das einfacher sein wie in der Bau branche…

    Was du oben schreibst freut mich für die Kinder, die dich hoffentlich demnächst als Wegbegleiter bekommen. Und ja, manche Eltern haben wirklich wenig Ahnung von das, was im Leben ihrer Kinder abläuft und empfinden dies als völlig normal! Leider!

    Ich wünsche dir alles gute mit dem Zimmern/Ideen/Unternehmertum!

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