Heinzelmännchen und Önnerbänkissen

Der fröhlichste Geisterseher der deutschen Romantik wurde vor 209 Jahren geboren.
Kopisch
Die Heinzelmännchen zu Köln kennen wohl alle; weniger bekannt sind ihre Cousins:

Die Önnerbänkissen

Die Önnerbänkischen sind kleine Leut
Und wohnten sonst vom Strande nicht weit
In grünen Dünen.
Sie kamen hervor, wenn das Wetter klar,
Bald sichtbar und bald unsichtbar,
In Sternennächten.
Sie planschten und wuschen im Wässerlein
Und bleichten die Wäsche wie Schnee so rein
Im Mondenscheine.
Man sah sie nicht kochen, doch blauen Rauch,
Und hört im Berg ihre Stimmchen auch,
Musik und Singen.
Oft klangen die Fideln und sang ein Chor:
Wipp, schlüpften sie aus dem Berg hervor
Zu Ringeltänzchen,
Und ringelten hin und ringelten her,
Als ob hier lustige Hochzeit wär,
Am grünen Strande.
Sie nannten den Himmel Tropfensaal
Und flohn vor dem Donner allzumal
Wie weggestoben! –
Im Winter, wenn frisches Eis im Teich,
So kamen sie auf Schlittschuhn gleich,
Und schoben Kegel:
Purr! schnurrte die Kugel, und fiel was um,
So blieb das kleine Volk nicht stumm,
Schrie: Alle Neune!
Die Kegel, die Kugel, die sah man dort,
Doch nicht die Leutchen am selben Ort;
Nur Schlittschuhblinken.
Man sah das Blinken und Spur hingehn,
Manch zierliche Eisfigur entstehn:
Die konnten Künste!
Fiel einer und fiel sein Käppchen vom Kopf,
Da sah man liegen den armen Tropf
Und hört ein Lachen!
Rings, rings klein kleine Stapfen im Schnee.
Im Sommer tropfte der Tau vom Klee,
Worauf sie gingen.
Die Blümchen aber bogen sich kaum:
Sie traten auf so leicht wie ein Traum,
Mit Geisterfüßchen.
Sie buken Kuchen mit süßem Kern:
Da riefen die Kinder – sie aßen sie gern –
Gebt Kuchen, Kuchen!
Das Önnerbänkischen keiner sah;
Doch lag auf einmal ein Kuchen da
Mit süßem Kerne.
Auch Teller und Schüsselchen liehn sie aus
Zur Kindtauf oder zum Hochzeitsschmaus
Von blankem Golde:
Man ging nur und klopfte und fing davon an,
So schleppten die kleinen Leute schon an:
Man brachts dann wieder,
Und legt ein kleines Geschenk dazu
Und drehte sich um, da verschwands im Nu,
Recht wie ein Wunder. –
Man sagt, um Mittag schlafen sie fest,
Da krochen einst hinein in ihr Nest
Zwei kleine Kinder:
Die fanden dort eine glitzernde Pracht,
Die Kammern von Edelstein gemacht
Und Betten von Seide.
Die fühlten sich an wie Flaum so weich:
Das Volk lag drauf wie im Himmelreich
Und schlief so selig!
Ihr König der Alte, der schnarcht so fest,
Daß einer der Knaben sich locken läßt,
Nimmt einen Becher,
Und läuft mit dem Becher stracks hinaus,
Läuft und läuft und kommt nach Haus
Und zeigt das Wunder.
Der Becher von Golde war so schön,
Die ganze Welt war drauf zu sehn
In bunten Spiegeln:
Man sah da hundert Fabelein,
Meermänner, Riesen, Nixen und Fein,
Mit Feuerdrachen.
Und Ritterkampf und Ritterpreis
Und Liebeshistörchen tausendweis,
Ganz allerliebste!
Kurz, aller bunten Zeiten Lauf,
Ja selbst Unmögliches war darauf,
Schön wie Karfunkel.
Da gabs ein Kucken, ein Wenden und Drehn,
Ein jeder wollte was andres sehn,
Und alle sprachen:
Kind, wahre den Becher, der bringt dir Glück!
Nein! sprach das Kind, ich trag ihn zurück
Zur grünen Düne;
Und lief schnurstracks in den Berg hinein
Und setzt auf das Tischchen von Marmelstein
Ihn wieder nieder:
Und wollte davon in vollem Lauf;
Da wachten die Önnerbänkischen auf
Und sahn das Kindchen:
Was laufst du, lieb ehrlich Bübelein?
Weil noch in unserm Hübelein,
Laß dir was schenken! –
Da gaben dem Kinde sie tausendviel,
Zuletzt ein wunderlich Saitenspiel,
Das klang gar eigen!
Und als das Kind das Klimpern verstand,
Klimpimperten immer in seine Hand
Blitzblanke Taler. –
Die Önnerbänkischen sind wahrlich gut;
Doch leiden sie keinen Übermut,
Von keinem Menschen;
Auch selbst im Spaß kein kleines Geneck:
Beim Spiel nahm jemand ein Kegelchen weg
Und hielts in die Höhe –
Da kam das Völkchen mit Zeterschrein
Und zwickte den langen Kerl ins Bein;
Da mußt ers lassen.
Er wurde mit Kneifen fast abgepellt,
Bis er den Kegel genau gestellt,
Wie er gestanden!
Ein andrer hörts, zieht Stiefeln an,
Damit ihn das Volk nicht kneifen kann,
Leibhohe Stiefeln.
Dem Manne gehörte das Stückchen Land,
Und nahm nun Spaten und Hacke zur Hand
Und wollte graben,
Will sehn, was da für Wirtschaft ist,
Ob man da wird Jud, Heid oder Christ? –
Er gräbt und hacket,
Und gräbt und hackt schon tiefer hinein –
Da klingt es hohl, da hört er schrein:
»O weh o wehe!
Du hackst ins Dach, es fällt unser Haus!
Es fällt auf uns!« – So geht heraus!
Begann der Bauer. –
»Mensch! Gerne geht wohl keiner heraus,
Wenn lang er gewohnt in einem Haus –
Erklangs da wieder.
Wir wohnten hier schon, eh man Haber gesät,
Wir wohnten hier schon, eh man Gras gemäht;
Laß uns mit Frieden! –
Wir wohnten hier schon, eh man Bier gebraut,
Wir wohnten hier schon, eh man Häuser gebaut;
Laß uns mit Frieden! –
Wir wohnten hier, eh ein Mensch noch kam
Und eine Rübe vom Felde nahm;
Laß uns mit Frieden! –
Und hörst du nicht auf, du Übermut,
So sieh dich um! – Sieh zu wies tut,
Sein Haus verlieren!
Ja, sieh dich um! Sieh zu wies tut!« –
Da sieht er sein Haus in heller Glut,
In lohen Flammen!
Vor Schrecken der Mann sich selbst nicht kennt
Und rennt und rennt und rennt und rennt
Hinein zum Dorfe.
Ihm nach erklingts: »Du Übermut,
Da sieh wies tut! da sieh wies tut!«
Viel tausend Stimmchen.
Der Mann schreit Feuer im Dorf herum,
Doch niemand kümmerte sich darum,
Die Bauern lachten.
Sie sprachen: Wir sehn nicht Rauch, nicht Schein:
Du kommst wohl eben vom süßen Wein?
Du bist betrunken!
Da sprach er: so muß ich löschen allein,
Und schöpft einen Eimer Wasser ein
Und läuft zum Hause.
Da kommt sein Weib aus dem Keller hervor –
Platsch! gießt er den Eimer ihr übers Ohr,
Sie auszulöschen,
Und schöpft aufs neu, Großmutter kommt,
Kein Reden hilft, kein Bitten frommt;
Er gießts ihr über!
Er sieht allein die Flammen nur,
Begießt Tisch, Bett, Stuhl, Bank und Flur,
Stall, Küh und Kälber,
Den Hund an der Kette, die Ziegen im Gras:
Das war für alle Leute ein Spaß
Im ganzen Dorfe!
Und endlich fing man den tollen Hans
Und begoß ihn selber: das war ein Tanz!
Nun ward ihm anders. –
Da stand und glotzt und gaffte der Mann
Und sah das nasse Haus sich an,
Und lachte selber.
Er merkte, das Feuer war Geistertrug,
Und dachte: das war nun Spaß genug,
Und ließ das Graben.
Und verkaufte das Geisteräckerchen gern,
Er gabs für ein Ei und drei Mandelkern,
Und mied die Düne.
Die Önnerbänkissen meiden sie auch,
Man sieht nur selten noch blauen Rauch,
Sie ziehn sich tiefer.
Es rumpelte so die eine Nacht,
Da, sagt man, haben sie weggebracht
Den Drachenkasten.
Noch hat man im Land ein eigen Lied,
Das sich auf der Geister Ziehn bezieht,
Die Kinder singens.
Weiß niemand, wer es die Kinder gelehrt,
Man glaubt, sie habens am Strande gehört,
Dort in der Düne.
Es lautet: »Welt, Welt, Welt entweich!
Zieht ein, zieht ein ins Niederreich,
Da blühn die Felder!
Da tobt nicht Krieg, nicht Sturm, nicht See,
Da tut der Winter mit Schnee nicht weh,
Da fließts von Bächen!
Und Bäume wachsen und Früchte bunt,
So süß wie ein Kuß von Kindesmund,
Und Vöglein singen,
Und Hasen springen und Hirsche im Strauch,
Und Ringeltänzchen tanzen wir auch
Auf grünen Auen.
Was brauchen wir Sonn und Mondenschein?
Uns leuchtet ja der Karfunkelstein
Allmächtig, prächtig. –
Nun trippelt und trappelt hinab, hinab!
Laß keiner keine Nebelkapp
Im Winkel liegen!«
Dies Liedelein, sagt man, sangen sie
Im Ziehn, doch ganz entwichen sie nie:
Es gibt noch welche.
Und manchmal kommt noch eines heraus
Und wohnet bei guten Leuten im Haus:
Sie tun viel Gutes.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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