Gertraud auf der Brücke

Heute morgen hatte ich einen Termin in eher reizloser Gegend, d.h. nahe am Alexanderplatz. Belohnt wurde ich auf dem Rückweg dadurch, daß mein Blick auf die Gertraudenbrücke fiel. Für sie hat Rudolf Siemering 1896 eine Statue der Heiligen Gertraud geschaffen.
Heilige Gertraud 1
Heilige Gertraud 2Heilige Gertraud 3
Die hochadlige Dame lebte im 7. Jahrhundert und entschied sich gegen eine standesgemäße Ehe und für das Klosterleben, wurde Äbtissin und setzte sich für die Bildung von Mädchen und für die Armenpflege ein. Trotz ihrer hohen Bildung ist ihr ikonographisches Kennzeichen nicht ein Bücherstapel, sondern ein Spinnrocken. Die Legende will außerdem, daß diese praktisch denkende Frau einmal die Ratten und Mäuse aus der Gegend fortgebetet habe, daher (oder eigentlich: trotzdem) finden sich zu ihren Füßen zahlreiche niedliche Nager.
Eine andere Gertraudenlegende, etwas im Gegensatz zu der letztgenannten, behauptet, eine Maus habe die in meditative Arbeit versunkene Heilige einst auf den Frühling aufmerksam gemacht.

Gertraud saß und Gertraud spann
schon seit Winters Kommen,
spann und betete und sann
voll Gedanken, frommen.

Gertraud hört die Engel schon,
hört das Wort des Herren,
aber nicht der Amsel Ton,
nicht Jungvogels Sperren.

Plötzlich aus des Rockens Flausch
hört sie etwas pfeifen!
Gertraud fühlt sich wie im Rausch,
spürt die Lüfte streifen

sanft ihr liebes Angesicht,
lächelt fast verwegen:
Herr, mein Leben und mein Licht,
laß mich niederlegen

nun den Rocken, und die Maus
mag ihr Nest drin bauen!
Frühling schickst Du mir ins Haus,
nun will ich ihn schauen!

Gertraud mit der Heilgenkron
hilft, so will die Sage,
gegen Dummheit, Stumpfsinn, Fron,
gegen Rattenplage.

© Claudia Sperlich

Dieser blankgestreichelte Nager sieht tatsächlich etwas schuldbewußt aus – sei es, weil er die Heilige beim Spinnen gestört hat, oder weil sie ihn aus den Getreidekammern vertreiben mußte.
Heilige Gertraud 7
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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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7 Antworten zu Gertraud auf der Brücke

  1. Strabo schreibt:

    Ein Mäusekopf ist so schön blank, Claudia —Las gerade, warum. Wenn man ihn anfasst und sich dabei etwas wünscht, ohne es allerdings zu sagen, dann darf man der Wünscherfüllung sicher sein. Nun denn ……..!:)

  2. Claudia schreibt:

    Danke für den Tip, Strabo mi. Allerdings klappt so was bei mir nie – auch nicht mit Sternschnuppen, in der Johannisnacht gepflücktem Rainfarn u.ä.

  3. Sammelmappe schreibt:

    Bei mir auch nicht – aber frau kann es ja weiterhin ausprobieren. In meinem Fall denke ich mir oft, es liegt an dem Wunsch.

    Dabei wünsche ich mir nur das, was so naheliegend ist: Friede auf Erden.

  4. Claudia schreibt:

    Das darf man laut wünschen! Und immer wieder!

  5. piri schreibt:

    Von der Gertraude habe ich gelesen, doch ist mir mein heimischer Rattenfänger (der von Hameln) näher!

    Und, für meine Wünsche nehme ich mir dann doch lieber was, was näher dran ist. – Berlin ist so weit weg, leider!

  6. Claudia schreibt:

    Aber Gertraude hat keine kleinen Kinder geklaut!

  7. Traudl schreibt:

    Der Hinweis freut mich sehr, danke! Da werd ich hingehn und das Mäuslein streicheln, wenn ich wieder mal in Berlin bin!

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