Sagenhaft klassisch

Gustav Schwab
Vor 216 Jahren wurde dieser Mann geboren, genauer: das Baby, aus dem er sich entwickeln sollte.
Ein Freund des hohen Pathos war er, ohne Blick auf das Mittelmaß – Männer sind Helden oder Schurken, Frauen sind züchtig oder verrucht, edel oder intrigant, gelebt und gestorben wird grundsätzlich mit Blitz und Donner, Pauken und Trompeten.

Der Feiertag
Romanze

Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
In dumpfer Stube beysammen sind;
Es spielet das Kind, die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnet, Urahne gebückt
Sitzt hinter dem Ofen im Pfühl –
Wie wehen die Lüfte so schwül!

Das Kind spricht: „morgen ists Feiertag,
Wie will ich spielen im grünen Hag,
Wie will ich springen durch Thal und Höhn,
Wie will ich pflücken viel Blumen schön;
Dem Anger, dem bin ich hold!“ –
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Die Mutter spricht: „morgen ists Feiertag,
Da halten wir alle fröhlich Gelag,
Ich selber ich rüste mein Feierkleid;
Das Leben es hat auch Lust nach Leid,
Dann scheint die Sonne wie Gold!“ –
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Großmutter spricht: „morgen ists Feiertag,
Großmutter hat keinen Feiertag,
Sie kochet das Mahl, sie spinnet das Kleid,
Das Leben ist Sorg‘ und viel Arbeit;
Wohl dem, der thät, was er sollt‘!“ –
Hört ihrs, wie der Donner grollt?

Urahne spricht: „morgen ists Feiertag,
Am liebsten morgen ich sterben mag:
Ich kann nicht singen und scherzen mehr,
Ich kann nicht sorgen und schaffen schwer,
Was tu ich noch auf der Welt?“ –
Seht ihr, wie der Blitz dort fällt?

Sie hören’s nicht, sie sehen’s nicht,
Es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Vom Strahl miteinander getroffen sind,
Vier Leben endet Ein Schlag –
Und morgen ists Feiertag.

Sein bis heute wirkmächtiges Hauptwerk sind die Sagen des klassischen Altertums. Niemand hatte vor ihm in Angriff genommen, fast die gesamte griechische Sagenwelt Menschen zugänglich zu machen, die weder Griechisch noch Latein beherrschten. Schwab richtete sich nach dem antiken Quellenmaterial, ohne zu übersetzen – er brachte die Sagen in die Sprache seiner Zeit. Dabei floß eine Menge 19. Jahrhundert ein; so ist Herakles bei Schwab nur der große edle Held, auch wenn er am Ende tragisch den Verstand verliert. Die griechische Sage stattet den Zeussohn durchaus mit waldschratähnlichen Zügen aus, die Schwab vornehm verschweigt. Aber auch wenn mir Schwabs fürnehmes Pathos etwas widerstrebt, rechne ich ihm hoch an, daß er die spannende, vielfältige, schöne und brutale Sagenwelt der Griechen auch den Menschen – und besonders Kindern und Jugendlichen – zugänglich gemacht hat, die keine humanistische Bildung genießen – oder erleiden.
Die Rezeptionen der griechischen Sagen durch Herta Snell, Anna Seghers, Franz Fühmann und andere hätten ohne Gustav Schwab vielleicht nicht stattgefunden – oder wären noch weniger zur Kenntnis genommen, als es leider der Fall ist.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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4 Antworten zu Sagenhaft klassisch

  1. piri schreibt:

    Das Ende vom Feiertag kannte ich gar nicht mehr. Gustav Schwab ist aber auch eher das Metier meines Mannes, mir ist der Dichter zu dramatisch …

  2. Strabo schreibt:

    Bekam den Schwab als 10jähriger geschenkt, habe ihn heute noch mit seinen feinen Schwarz-weiß-Zeichnungen nach klassischen Vorbildern. Claudia, du machst dich um die Jugend verdient, wenn du a u c h ihn empfiehlst. Ein bisschen böse gesagt: Er ist besser als gar nichts… 🙂

  3. Claudia schreibt:

    Ich gebe Dir ganz recht, Strabo optime! Es ist ja nicht so, daß ich ihn als Kind nicht gerne gelesen hätte. Aber daß die griechische Sagenwelt ausgesprochen derb-komisch sein kann, habe ich nicht von Schwab gelernt.

  4. Franz schreibt:

    Jedenfalls hat er mich und Millionen anderer in der Jugend in die Sagenwelt eingeführt und dafür gebührt ihm Dank. Ich finde seine Geschichten auch gut lesbar und mir war es eigentlich als Jugendlicher egal, wie Herakles wirklich war. Hauptsache war, in andere Sphären entschwinden zu können, für einige Seiten jeden Tag-

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