Was ich besonders mag

fragt Piri. Zehn Dinge, nicht Menschen, sollen es sein. Die Reihenfolge sagt nichts über das Maß an Wertschätzung!

1. Schreiben

Friedrich von Logau
Poetinnen.

OB Weiber mügen Verse schreiben?
Diß Ding zu fragen lasse bleiben
Wer Sinnen hat: Dann/ solten Sinnen
Nicht auch die Weiber brauchen künnen?

Poetinnen.

Wann Weiber Reime schreiben/ ist dupelt ihre Zier/
Dann ihres Mundes Rose bringt nichts als Rosen für.

2. Photographieren

Peter Altenberg
Revolutionär

Beim Photographen roch es nach «Photographen». Die Tapeten waren japanisch und Alles war wie bei einem genialen Tapezirer.
«Wir gehören doch zur Kunst, doch und doch -» schrieen diese überladenen Räume. Sie mussten eben ein Übriges thun und vor künstlerischem Geschmacke strotzen.

3. Rezitieren

William Shakespeare
As You Like It (II,7)

All the world’s a stage,
And all the men and women merely players:
They have their exits and their entrances;
And one man in his time plays many parts,
His acts being seven ages.

4. Lesen

Friedrich von Logau
Bücher=Glücke.

Bücher haben auch jhr Glücke: Wann sie nicht gesaltzen seyn/
Fasst man dennoch gute Würtze/ Pfeffer oder Saffran drein:
Kümmt es dir/ ich bin zu friede/ liebes Buch/ nur auch so gut/
Wann mit dir nur in geheime/ niemand was verschämtes thut.

5. Garten

Arno Holz

Kleine, sonnenüberströmte Gärten
mit bunten Lauben, Kürbissen und Schnittlauch.
Noch blitzt der Thau.
Über den nahen Häuserhorizont ragen Thürme.
Durch das monotone Geräusch der Neubauten,
ab und zu,
pfeifen Fabriken,
schlagen Glocken an.
Auf einer Hopfenstange sitzt ein Spatz.
Ich stehe gegen einen alten Drahtzaun gelehnt
und sehe zu, wie über einem Asternbeet
zwei Kohlweißlinge taumeln.

6. Kaffee

Arabischer Anonymus (um 1511)

O Kaffee! Du verscheuchst jeden Kummer, das Ziel aller Wünsche des Gelehrten bist du.
Er ist das Getränk der Gottesfreunde; er gibt denen Gesundheit, die in seinem Dienst nach Weisheit streben.
Bereitet aus der einfachen Schale der Beere, hat er den Duft von Moschus und die Farbe der Tinte.
Der verständige Mann, der Tassen voll schäumenden Kaffees leert, er allein kennt die Wahrheit.
Möge Gott dem Wahnwitzigen dieses Getränk entziehen, der es mit unverbesserlichem Eigensinn verdammt.
Kaffee ist unser Gold. Wo immer er aufgetragen wird, erfreut man sich der Gesellschaft der trefflichsten und edelsten Männer.
O Trank! Harmlos wie reine Milch, von der du dich nur durch deine Schwärze unterscheidest.

7. Katze

Johann Wolfgang von Goethe
Italienische Reise

Rom 1786, den 25. Dezember.

… was für eine Freude bringt es, zu einem Gipsgießer hineinzutreten, wo man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus der Form hervorgehen sieht und dadurch ganz neue Ansichten der Gestalten gewinnt… Ich habe mich nicht enthalten können, den kolossalen Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenüber wohl beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann, und der uns, bei aller seiner Großheit und Würde, das lustigste Geschichtchen veranlaßt hat.
Unserer alten Wirtin schleicht gewöhnlich, wenn sie das Bett zu machen hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich saß im großen Saale und hörte die Frau drinne ihr Geschäft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig, gegen ihre Gewohnheit, öffnet sie die Türe und ruft mich, eilig zu kommen und ein Wunder zu sehen. Auf meine Frage: was es sei, erwiderte sie, die Katze bete Gott Vater an. Sie habe diesem Tiere wohl längst angemerkt, daß es Verstand habe wie ein Christ, dieses sei aber doch ein großes Wunder. Ich eilte mit eigenen Augen zu sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Büste steht auf einem hohen Fuße, und der Körper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so daß also der Kopf in die Höhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt und reichte mit der Schnauze, indem sie die Glieder möglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit der größten Zierlichkeit beleckte und sich weder durch die Interjektion der Wirtin, noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stören ließ. Der guten Frau ließ ich ihre Verwundrung, erklärte mir aber diese seltsame Katzenandacht dadurch, daß dieses scharf riechende Tier wohl das Fett möchte gespürt haben, das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten hatte.

8. Wandern

Joseph Freiherr von Eichendorff
Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht. –

9. Musik

Martin Luther

Wer sich die Musik erkiest,
hat ein himmlisch Werk gewonnen;
denn ihr erster Ursprung ist
von dem Himmel selbst gekommen,
weil die lieben Engelein
selber Musikanten sein.

10. Laudes

iam lucis orto sidere,
Deum precemur supplices,
ut in diurnis actibus
nos servet a nocentibus.

Linguam refrenans temperet,
ne litis horror insonet,
visum fovendo contegat,
ne vanitates hauriat.

Sint pura cordis intima,
absistat et vecordia:
carnis terat superbiam
potus cibique parcitas.

Ut cum dies abscesserit,
noctemque sors reduxerit,
mundi per abstinentiam
ipsi canamus gloriam.

Deo Patri sit gloria,
eiusque soli Filio,
cum Spiritu Paraclito,
nunc et per omne saeculum.
Amen.

Zu Deutsch:

Schon zieht herauf des Tages Licht,
wir flehn zu Gott voll Zuversicht:
Bewahre uns an diesem Tag
vor allem, was uns schaden mag.

Bezähme unsrer Zunge Macht,
dass sie nicht Hass und Streit entfacht;
lass unsrer Augen hellen Schein
durch Böses nicht verdunkelt sein.

Rein sei das Herz und unversehrt
und allem Guten zugekehrt.
Und gib uns jeden Tag das Brot
für unsre und der Brüder Not.

Dich, Vater, Sohn und Heil´ger Geist,
voll Freude alle Schöpfung preist,
der jeden neuen Tag uns schenkt
und unser ganzes Leben lenkt.
Amen.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu Was ich besonders mag

  1. piri schreibt:

    Wieder wundervoll gelöst – Danke dafür!

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