Verwunderlich ist mir mein Sein

Vor fünf Jahren starb der Kunsthistoriker Martin Sperlich.

Martin Sperlich
Das Portrait schuf Joachim Dunkel im Jahre 1966.

Er war nicht nur ein energischer Hüter der Kunst, sondern auch ein Dichter.

Verwunderlich ist mir mein Sein
und seltsam, daß ich Dieser bin
und daß ich bin und daß mein Sinn
und Leben ist nur mir allein –

(und bin doch nicht, wenn nicht umher
die Lieben sind von meiner Art
und Freundschaft, die sich um mich schart,
sonst wär ich blind und taub und leer)

– und daß das Leid und daß der Glanz
abfordert unsre Tageswerke
und unsre Trauer, Lust und Stärke
im Lebensschritt und Totentanz.

Es war nicht immer einfach, ihn zum Vater zu haben. Vererbt hat er mir unter anderem einen Anteil seines ostpreußischen Dickschädels und Bollerkopps – der Dialog zwischen zwei so ausgestatteten Menschen verlief manchmal heftig. Aber er war ein sehr liebevoller und herzlicher Mensch, und er hat mir die Freude an und Leidenschaft für Kunst und Literatur vermittelt – zu diesen und zu ihm bleibt mir auch in trübsten Zeiten eine große Liebe.

Immer mehr mache ich mir dies Gedicht meines Vaters zu eigen, das er mehr als ein Jahrzehnt vor seinem Tode schrieb:

Wer hat die gezählten Tage gezählt,
wer hat die gefälschte Waage gewählt,
wer zinkte die Karten?
Dies Leben ist noch nicht zuende gelebt,
wo soll ich stehn, wenn der Vorhang sich hebt
vor den Genarrten?

Ich will noch den nächsten Wind überm Schnee,
ich will noch die spritzenden Tropfen vom See
in meine Poren,
ich will noch dies Jahr und dieses Jahrzehnt
mit dem Rücken fest an die Wand gelehnt,
ein Tor unter Toren.

© der Gedichte: Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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