Tag der toten Erzähler

gottfried keller
Vor 118 Jahren starb der schweizerische Erzähler Gottfried Keller, der witzige und fromme Realist, der starke Frauen und schwache Männer mit Freude am Detail schildert. Selbst in dem Märchen Spiegel das Kätzchen und in seinen Sieben Legenden herrscht eine Atmosphäre der Aufklärung (bis hin zu der augenzwinkernden Frechheit, daß die Musen nicht in den mittelalterlichen Himmel kommen). Dabei wirkt er niemals trocken und belehrend; seine Gestalten stehen deutlich vor dem Leser und sind – Gute wie Böse – mit einem vollwertigen und glaubwürdigen Charakter ausgestattet.

Spiegel das Kätzchen

… Vor mehreren hundert Jahren, heißt es, wohnte zu Seldwyla eine ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen, welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und niemandem, der es ruhig ließ, etwas zuleide tat. Seine einzige Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel, beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit hinreißen zu lassen. Es fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten Mäuse, welche sich in einem gewissen Umkreise des Hauses betreten ließen, aber diese dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt hatte, über diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit vieler Höflichkeit von den Herren Nachbaren die Erlaubnis, in ihren Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es die Milchtöpfe stehen ließ, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche etwa an den Wänden hingen, sondern seinem Geschäfte still und aufmerksam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem Mäuslein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann und floh nicht vor vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten Spaß gefallen und selbst ein bißchen an den Ohren zupfen, ohne zu kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von welchen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen entweder aus dem Wege oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten. …

tschechow
Vor 104 Jahren starb Anton Pawlowitsch Tschechow, der aus einfachen Verhältnissen kam und zum gefeierten Schriftsteller wurde. Seine Erzählungen beschreiben seine Zeit, zeigen, bald ernst und bald komisch, Lächerlichkeit und Schändlichkeit ebenso wie Güte und Liebe. Immer wieder ist Tschechow auf Seiten der Schwachen, der Benachteiligten – und nicht nur als Literat. Er richtete eine Schule für Bauernkinder – Mädchen wie Jungen – ein, behandelte als Arzt die Bauern kostenlos, berichtete über die Gefangeneninsel Sachalin.
Er starb bei einem Kuraufenthalt in Badenweiler an der Tuberkulose, an der er seit seiner Jugend litt.

Der böse Knabe

… Der Barsch riß sich vom Haken los, begann auf dem Grase umher zu springen und fiel endlich mit einem Platsch in sein heimatliches Element zurück.
Während der Jagd nach dem Fische hatte Lapkin ganz in Versehen, statt des Fisches, Anna Ssemjonownas Hand ergriffen und sie unversehens an die Lippen geführt . . . Das junge Mädchen zog die Hand zwar zurück, aber es war schon zu spät: die Lippen hatten sich in Versehen zu einem Kusse vereinigt. Alles war so ganz unversehens gekommen. Auf den ersten Kuß folgte ein zweiter, dann kamen Schwüre, Beteuerungen . . . Glückliche Augenblicke!
Übrigens ein absolutes Glück giebt es hier auf der Erde nicht. Jedes Glück trägt entweder den Giftkeim in sich selbst, oder wird durch irgend etwas von außen Kommendes vergiftet. So war es auch hier. Während die jungen Leute sich noch küßten, erscholl plötzlich ein Gelächter. Sie sahen nach dem Fluß und erstarrten: dort stand bis zu den Hüften im Wasser ein nackter Knabe. Es war der Gymnasiast Kostja, Anna Ssemjonownas Bruder. Er stand im Wasser, blickte die jungen Leute an und lächelte diabolisch.
»A–a–a . . . Ihr küßt Euch?« sagte er. »Gut! Ich werde es Mama sagen.« …

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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2 Antworten zu Tag der toten Erzähler

  1. Försterliesel schreibt:

    liebe Vorleserin,
    der tägliche klick hierher bringt immer Freuden!
    Die Tschechow-Stelle kannte ich, aber sie nochmal zu lesen ist schön. Beide Texte nehm ich als Lehrfabeln.
    schönen Tag!
    Liesel

  2. Claudia schreibt:

    Liebe Försterliesel, es freut mich, wenn ich mit diesem Tagebuch eine Freude machen kann.

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