Andreas Gryphius


Der in diesem Tagebuch schon öfter zitierte Dichter starb vor 344 Jahren.
Von seinem dritten bis zu seinem dreiundreißigsten Lebensjahr herrschte Krieg, seine Heimatstadt Glogau wurde verwüstet. Bruder und Schwester verlor er wenige Jahre später.
Er heiratete nach dem Krieg. Von seinen sieben Kindern sollte nur sein Sohn und späterer Herausgeber Christian den Vater überleben.
In diesem aus einer Reihe von Katastrophen bestehenden Leben hat Gryphius Frankreich, Italien und Holland bereist, ungefähr zehn Sprachen gelernt, in Breslau Griechisch und Latein gelehrt, Dramen und Gedichte verfaßt und mehrere Auszeichnungen als Dichter erhalten.

An die Sternen

Ihr Lichter / die ich nicht auff Erden satt kann schauen /
Ihr Fackeln / die ihr Nacht und schwartze Wolcken trennt
Als Diamante spilt / und ohn Auffhören brennt;
Ihr Blumen / die ihr schmückt des grossen Himmels Auen:

Ihr Wächter / die als Gott die Welt auff-wolte-bauen;
Sein Wort die Weißheit selbst mit rechten Namen nennt
Die Gott allein recht misst / die Gott allein recht kennt.
(Wir blinden Sterblichen! was wollen wir uns trauen!)

Ihr Bürgen meiner Lust / wie manche schöne Nacht
Hab ich / in dem ich euch betrachtete / gewacht?
Herolden diser Zeit / wenn wird es doch geschehen

Daß ich / der euer nicht allhir vergessen kan /
Euch / derer Libe mir steckt Hertz und Geister an
Von andern Sorgen frey werd unter mir besehen?

Der Welt Wollust

WO Lust ist / da ist Angst; wo Freud‘ ist / da sind Klagen.
Wer schöne Rosen siht / siht Dornen nur dabey;
Kein Stand /kein Ort / kein Mensch ist seines Creutzes frey.
Wer lacht; fühlt wenn er lacht im Hertzen tausend Plagen.

Wer hoch in Ehren sitzt / muß hohe Sorgen tragen.
Wer ist / der Reichthumb acht’/ und loß von Kummer sey
Wo Armut ist; ist Noth. Wer kennt wie mancherley
Traur-würmer uns die Seel und matte Sinnen nagen?

Ich red‘ es offenbahr / so lang als Titans Licht
Vom Himmel ab bestralt / mein bleiches Angesicht /
Ist mir noch nie ein Tag / der gantz ohn Angst / bescheret

O Welt du Thränen Thal! recht selig wird geschätzt;
Der eh er einen Fuß / hin auff die Erden setzt /
Bald aus der Mutter Schoß ins Himmels Lusthauß fähret.

Trost fand er in der Religion, die bei ihm eine himmelstürmende Sehnsucht war, in Kunst und Literatur. Vor der Privatbibliothek seines Mäzens empfand er ähnlich begeisterte Ehrfurcht wie vor den Sternen:

In Bibliothecam
Nobiliß. Amplißimique Viri
GEORGII SCHONBORNERI,
De in Schönborn Zissendorff. S. Caes.
Mai. Consiliar. Comitis Palatini,
Fisci per Silesiam Lusatiam Praefecti.
(1)

DIß ist der traute Sitz / den Themis ihr erkohren.
Da Svada sich ergetzt / der hohen Weißheit Zelt
Das aller Künste Schaar in seinen Schrancken hält,
Vnd was berühmte Leut aus ihrem Sinn gebohren!

Hir leß ich / was vorlängst Gott seinem Volck geschworen
Hir sind Gesetz und Recht‘ hir wird die grosse Welt
Beschriben / ja was mehr; gebildet vorgestelt /
Hir ist die Zeit / die sich von anbegin verlohren.

Hir find ich was ich wil / hir lern‘ ich was ein Geist
Hir seh ich was ein Leib / und was man Tugend heist,
Schau aller Städte Weiß‘ und wie sie stehn und fallen.

Hir blüht Natur und Kunst / und was man seltzam nänt
Doch als ich disen Mann / der alhir lebt erkänt /
Fandt ich durch alles ihn / und weit gezihrt vor allen.

—–
(1) Der feierliche Titel heißt übersetzt:
Auf die Bibliothek des edlen und hoch angesehenen Herrn Georg Schönborner, des kurfürstlichen Pfalzgrafen und Ratgebers Seiner kaiserlichen Majestät in Schönborn und Zissendorff, des Steuerpräfekten für Schlesien und Lausitz.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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2 Antworten zu Andreas Gryphius

  1. Försterliesel schreibt:

    Wie gut daß wir hier nicht nur die Werke in Erinnerung gerufen bekommen, sondern auch von den leidvollen Lebenswegen aus früheren Zeiten erfahren!
    Liesel

  2. Fischer schreibt:

    Was für ne Biographie. Kein Wunder, dass er so böse guckt.
    Derartige Lebensgeschichten waren für die damalige Zeit allerdings nicht allzu ungewöhnlich, zumal beim einfachen Volk…

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