Efeu frißt Mauer

Auf der Bahnseite wachsen Hopfen und Efeu völlig unkontrolliert – besonders der Efeu nicht nur über die Mauer, sondern durch sie hindurch. Mehrere „Sprenglöcher“ sind schon darin, und immer wieder muß ich mehrere Zentimeter dicke Efeuranken aus der Mauer operieren. Heute habe ich stundenlang im dichten Gestrüpp Ranken von der Mauer geschnitten und aus ihr herausgezogen. Dabei mußte ich wegen des Hopfens einen Pullover tragen, der macht nämlich bei Berührung sehr häßliche und bis zu zwei Wochen haltbare Striemen auf die Haut!
Aber die Mühe hat gelohnt: Hier sieht man, was hinter und was vor mir lag.
Mauer mit Efeu 1

Ein Rest von dem, womit ich zu kämpfen hatte.
Mauer mit Efeu 3

Geschafft!
Mauer mit Efeu 2

Nun genehmigte ich mir noch einen kleinen Spaziergang durch den Garten.
Fast unsichtbar und sehr flink: eine Eidechse.
Eidechse

Diese Rose duckt sich auf einem äußerst kurzen Stengel unter die Geranienblätter.
Röschen unter Geranienblättern

Joachim Ringelnatz
Alte Winkelmauer

Alte Mauer, die ich oft benässe,
Weil’s dort dunkel ist.
Himmlisches Gefunkel ist
In deiner Blässe.

Pilz und Feuchtigkeiten
Und der Wetterschliff der Zeiten
Gaben deiner Haut
Wogende Gesichter,
Die nur ein Dichter
Oder ein Künstler
Oder Nureiner schaut.

»Können wir uns wehren?«
Fragt’s aus dir mild.
Ach, kein Buch, kein Bild
Wird mich so belehren.

Was ich an dir schaute,
Etwas davon blieb
Immer. Nie vertraute
Mauer, dich hab‘ ich lieb.

Weil du gar nicht predigst.
Weil du nichts erledigst.
Weil du gar nicht willst sein.
Weil mir deine Flecken
Ahnungen erwecken.
Du, eines Schattens Schein.

Nichts davon wissen
Die, die sonst hier pissen,
Doch mir winkt es: Komm!
Seit ich dich gefunden,
Macht mich für Sekunden
Meine Notdurft an dir fromm.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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11 Antworten zu Efeu frißt Mauer

  1. Violine schreibt:

    Tapfer durchgekämpft!

  2. Försterliesel schreibt:

    ja, tüchtig! Und: eine Eidechse in Berlin!?
    Liesel

  3. Violine schreibt:

    Das ist der Großstadtdschungel! 😉

  4. AF_Blog schreibt:

    Großstadtwildnis trift es und wie schön das es noch was ringelnatziges gab ;o). Das Murmel aus Friedenau

  5. Claudia schreibt:

    Der mütterliche Feengarten, den ich so gerne ablichte, ist in Berlin-Wannsee, direkt am Wald. Da fühlen Eidechsen sich wohl – zumal absolut giftfrei gegärtnert wird!

  6. Strabo schreibt:

    Cave hederam, optima!
    Naturam expellas furca, tamen usque recurret.
    🙂

  7. landgefluester schreibt:

    ich habe aus dem gleichen Grund in der letzten Woche meine alten Stall vom Efeu befreit. Ihre Mauer ist toll, ich liebe altes Gemäuer!

  8. loreley schreibt:

    Den Ringelnatz wollte ich fast schon einklagen 😉

  9. Claudia schreibt:

    Ohne Murmel hätte ich es tatsächlich nicht gemerkt – ich bin eben ein fehlbarer Mensch.

  10. moerdermurmel schreibt:

    @Claudia: Muß nicht nur Ringelnatz sein, Max Herrmann-Neiße ist auch eine Lesereise wert.
    Leider will Efeu sogarnicht an meinem Balkon wachsen, der Wein strengt sich wenigstens an. Mhhhh …

  11. Claudia schreibt:

    Gibt es auch Mauern, wo kein Efeu wächst? bin ich versucht zu fragen, Murmel, es wird mir eng im efeulosen Land.
    Herzlichen Dank für den wahrhaft hinreißenden Literaturtip, ich habe den Namen dieses Dichters noch nie gehört.

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