Ein Volksdichter mit Tiefgang

Claudius
Matthias Claudius wurde vor 268 Jahren geboren. Es lohnt sich, sein stimmungsvolles Abendlied in voller Länge zu lesen, besser noch: zu singen!
Claudius schrieb volksliedhafte Verse, ohne trivial zu sein. Humorvoll ist er, schreibt hochkomische Verse für seine Kinder und kleine Spottgedichte, ohne dabei allzu verletzend zu werden. Irdische Schönheit und Vergänglichkeit beschäftigen ihn gleichermaßen, alles ist ihm Zeichen, ist Hinweis auf das ersehnte ewige Leben, dessen Erwartung den Tod nicht immer zum Freund macht, aber doch erträglich.

Der Eine

Der Mensch lebt und bestehet
Nur eine kleine Zeit;
Und alle Welt vergehet
Mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur Einer ewig und an allen Enden,
Und wir in Seinen Händen.

Sein feines Gewissen läßt ihn Krieg und Sklaverei nicht nur verurteilen – mit Grausen sucht er nach eigener Verantwortung und Schuld. Mir geht das folgende Gedicht immer wieder durch den Kopf, wenn ich von deutschen Truppen höre, deren Anwesenheit die Welt seit Jahrzehnten nicht friedlicher macht, oder auch von deutschen Waffen, mit denen irgendwo auf der Welt gemordet wird.

Kriegslied
1778

’s ist Krieg! ’s ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?

Wenn Hunger, böse Seuch‘ und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron‘ und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
’s ist leider Krieg – und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Zuletzt noch eines meiner Lieblingsgedichte über die Sehnsucht:

Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern‘ am Himmel an.

Sie gehn da, hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereih’t
Wie Perlen an der Schnur;

Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
Und kann mich satt nicht sehn…

Dann saget, unterm Himmelszelt,
Mein Herz mir in der Brust:
„Es gibt was Bessers in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust.“

Ich werf mich auf mein Lager hin,
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn,
Und sehne mich darnach.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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