Dumpfheit

Ich bin gerade ziemlich aufgewühlt. An einem Ort, an dem ich dumpfeste Barbarei nicht erwartet hätte, spricht ein Mensch, ein gebildeter Mensch übrigens (vielleicht nicht ganz so gebildet, wie er glaubt zu sein) Inhabern eines deutschen Passes die Zugehörigkeit zu diesem Land ab, sofern ihre Eltern zugewandert sind und sie selbst gewalttätig geworden sind. Ich weise ihn (leider mit zu viel Pathos) darauf hin, daß ich schon mal von blonden blauäugigen Deutschen verprügelt und von durchaus nicht vorderorientalisch anmutenden Neonazis bedroht worden bin. Das ist ein Fehler – das sollte ich dem Mann sagen, der von ausländischen Jugendlichen krankenhausreif geschlagen wurde.
Du lieber Himmel, wird jetzt aufgerechnet? So viele blonde Übeltäter, so viele schwarzhaarige? Ich behaupte keineswegs, daß es Kriminalität bei Zugewanderten nicht gebe, auch nicht, daß dies kein Problem sei. Aber zunächst einmal ist es – anders, als dieser Hochgebildete sagte – keineswegs besonders einfach, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben, wenn es nicht durch die Geburt geschieht. Es ist ferner nicht wahr, daß die Mehrheit der Zugewanderten ständig auf gröbste Art mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Auch ist es nicht möglich, einen Deutschen aus Deutschland „auszuweisen“ – was der Betreffende wohl meint, ist „ausbürgern“ und nach derzeitiger Rechtslage ebenfalls ausgeschlossen, wofür ich dankbar bin.
Mir ist es leider nicht gelungen, höflich zu bleiben. Was ich dem Betreffenden gesagt habe, ist justiziabel und tut mir durchaus nicht leid; er beteuert zwar immer wieder, ganz bestimmt kein Nazi zu sein, aber wenn mir jemand eine Neuauflage der damaligen Gesetze als wünschenswert präsentiert, sehe ich keinen wesentlichen Unterschied zu der braunen Bande und rede so, wie es mir einem Barbaren gegenüber angemessen scheint.
Aber da fällt mir ein süßer Trost ein. Der Knabe wird einmal alt werden. Und dann wird er erleben, daß unter zwanzig Altenpflegerinnen neun Türkinnen und zehn Polinnen sind – und der Rest seit Generationen deutsch. Ihm wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit einst das Essen von einer Türkin oder Polin angereicht werden (es sei denn, die Gerechtigkeit hat sich bis dahin so weit etabliert, daß Menschen, die ihr Leben lang für Deutsche sorgen, auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben), von intimeren Hilfeleistungen ganz zu schweigen. Um die beiden Frauen tut es mir allerdings leid, die hätten ein besseres Schicksal verdient.

Heinrich Heine
Die romantische Schule
Erstes Buch

…sogar die allerhöchsten Personen sprachen jetzt von deutscher Volkstümlichkeit, vom gemeinsamen deutschen Vaterlande, von der Vereinigung der christlich-germanischen Stämme, von der Einheit Deutschlands. Man befahl uns den Patriotismus, und wir wurden Patrioten; denn wir tun alles, was uns unsere Fürsten befehlen. Man muß sich aber unter diesem Patriotismus nicht dasselbe Gefühl denken, das hier in Frankreich diesen Namen führt. Der Patriotismus des Franzosen besteht darin, daß sein Herz erwärmt wird, durch diese Wärme sich ausdehnt, sich erweitert, daß es nicht mehr bloß die nächsten Angehörigen, sondern ganz Frankreich, das ganze Land der Zivilisation, mit seiner Liebe umfaßt; der Patriotismus des Deutschen hingegen besteht darin, daß sein Herz enger wird, daß es sich zusammenzieht wie Leder in der Kälte, daß er das Fremdländische haßt, daß er nicht mehr Weltbürger, nicht mehr Europäer, sondern nur ein enger Deutscher sein will. Da sahen wir nun das idealische Flegeltum, das Herr Jahn in System gebracht; es begann die schäbige, plumpe, ungewaschene Opposition gegen eine Gesinnung, die eben das Herrlichste und Heiligste ist, was Deutschland hervorgebracht hat, nämlich gegen jene Humanität, gegen jene allgemeine Menschenverbrüderung, gegen jenen Kosmopolitismus, dem unsere großen Geister, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, Jean Paul, dem alle Gebildeten in Deutschland immer gehuldigt haben.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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6 Antworten zu Dumpfheit

  1. Försterliesel schreibt:

    liebe Claudia,
    Hauptsache Dein Gegenüber macht von der Justiziabilität Deiner Äusserungen keinen Gebrauch. Ausbürgerung, das sind so Desiderate, – außerdem sind Kinder arbeitender Eingebürgerter ohnehin weniger straffällig.

  2. Violine schreibt:

    Oh je, mein Beileid!

    Aber diese Haltung steckt noch tief bei den Deutschen drin, habe ich auch schon festgestellt.

  3. Claudia schreibt:

    @Försterliesel: Ich glaube kaum, daß es zu einer Beleidigungsklage kommen wird. – Vermutlich gibt es ganz allgemein unter den Leuten, die mit Wohlstand und allgemeiner Achtung aufwachsen, weniger Gewaltverbrecher als unter denen, die in finanziellen Schwierigkeiten sind und von einer Masse gleich ihres Aussehens und ihrer Aussprache wegen unter Generalverdacht gestellt wird. Nach den Gründen zu suchen, erinnert an das Problem mit Henne und Ei.
    @Violine: Ich fürchte, es ist ein allgemein menschliches Problem, unabhängig von der Nationalität. Die „anderen“ werden gern von vornherein als die „Bösen“ gesehen, und wenn dann einer der „anderen“ tatsächlich Böses tut, gilt das als Beweis gegen alle. Aber gerade deshalb sollte man sich auch vor Verallgemeinerungen wie „die Deutschen“ hüten – zumal wenn man sich selbst zu dieser Gruppe zählt.

  4. piri schreibt:

    Oh Hilfe!

  5. Christian schreibt:

    Liebe Claudia,
    heute: mit meinen 33 Jahren erfüllt mich für solche
    selbstgerechten, gefährlich brandstiftenden Menschen
    gewachsenermaßen nur Ekel und Mitleid.
    Verurteilen, aburteilen-
    statt die Hand reichen, annehmen, respektieren.
    Solche ernten nur das was sie selber sähen,
    nämlich Unkraut.
    Viele liebe Grüße.

  6. aebby schreibt:

    Zuerst mal sorry, dass ich erst jetzt vorbei schaue, mein Feedreader hat mir mal wieder einen Streich gespielt.

    Die Dumpfheit lauert zur Zeit an vielen Ecken – traurig aber wahr.

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