Räume der Stille

Heute gibt es etwas mehr als sonst zu lesen. Denn gestern durfte ich einen Vortrag hören: Die junge Theologin Jorien Holsappel (Groningen) sprach – in sehr gutem Deutsch! – über Wertvolle Orte – Räume der Stille in den Niederlanden – sie arbeitet gerade an ihrer Dissertation zu diesem Thema. Eingeladen war sie vom Förderkreis Raum der Stille, der sein vierzehnjähriges Bestehen feierte. Die Schirmherrin Hanna-Renate Laurien war anwesend als aufrechter Schutzgeist des Vereins. Dabei sein durfte ich als „Vertretung“ eines lieben Menschen, der leider an diesem Tag verhindert war. Ich kam mir zuerst etwas seltsam vor unter all den Wohlsituierten – aber das legte sich schnell durch die freundliche Atmosphäre.
Ich hoffe, meine Mitschrift wird Frau Holsappel einigermaßen gerecht.

Dies ist ein Raum, gewidmet dem Frieden und denen, die ihr Leben für den Frieden geben. Es ist ein Raum für Stille, wo nur der Gedanken Kraft sprechen soll.
Das sagte Dag Hammarskjöld über den ältesten Raum der Stille, den Meditationsraum im UNO-Hauptgebäude in New York.

In den letzten Jahrzehnten entstanden in den Niederlanden viele Räume der Stille, zunächst – in den 70ern – als kirchliche Initiativen, als Versuch, den verlorengegangenen Kontakt mit der Gesellschaft neu zu schaffen, als Ausdruck kirchlicher Präsenz. Auf dem Flughafen Schiphol entstand ein solcher Raum 1975; er wurde vom Flughafenmanagement religiös neutral gewünscht, aber dann doch vom Flughafenpfarrer mit Kreuz und Altar ausgestattet. Heute verfügt er wie viele andere über eine Windrose, um Moslems die Richtung nach Mekka zu weisen, ist aber sonst in schlichter Neutralität gehalten.
Im selben Jahr entstand im bahnhofsnahen Einkaufzentrum in Utrecht ein kapellenartiger Raum mit Kreuz und Tabernakel.

Die 80er Jahre standen für die Räume der Stille mehr unter dem Motto der Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, die christliche Symbolik nahm ab oder wurde mit Symbolen anderer Glaubensrichtungen vereint. Dies geschah vor allem in Krankenhäusern, in denen ja sowohl Patienten als auch Personal aller Konfessionen sind. Der vormals rein christlich ausgestattete Raum der Stille in einem Krankenhaus in Haag zeigt heute auch muslimische und buddhistische Symbole. Die Uniklinik in Utrecht hatte einen religiös vollkommen neutralen Ort der Stille geplant. Jedoch wurden später die fünf Ecken des Raumes mit Symbolen der Hauptreligionen – Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus – sowie mit einem Tisch mit Stuhl und Schreibgelegenheit und einer kleinen Bilderausstellung versehen, letzteres als „Symbol des Humanismus“.

Seit 1996 muß in den Niederlanden Seelsorge in Krankenhäusern auf die religiöse (oder humanistische) Einstellung der Patienten abgestimmt sein.
Einerseits wurden die Bitten von Moslems um eigene Gebetsräume realisiert, zum Teil direkt neben Räumen der Stille, andererseits entstanden multi- und interreligiöse Räume ebenso wie solche, denen keine religiöse Prägung innewohnte. Künstler sahen sich vor der Aufgabe, religiöse Elemente abzulösen durch solche, die spirituell interpretierbar, aber nicht an bestimmte Religionen gebunden waren. Abstrakte Kunst, Glasmalerei, Licht und Elemente der Natur wurden wichtige Gestaltungsmomente. Populäre architektonische und ausstatterische Formen sind Kreis und Schneckenhausform, die Geborgenheit assoziieren lassen. Räume werden gerne möglichst karg – ablenkungsarm – ausgestattet.

Die Uniklinik Leiden hat neben einem Gebetsraum für Muslime den religiös neutralen Raum der Stille mit einem Glaskunstwerk an der Decke: von einem kleinen Kreis gehen unregelmäßige Schlängellinien aus. Man kann interpretieren: von einem ruhigen Zentrum aus ist eine freie Suche in alle Richtungen möglich, oder: hier gelangt alles unruhig und wirr von außen Kommende zu einer ruhenden Mitte. Ähnlich vielfältig interpretierbar sind die meisten Kunstwerke in religiös neutralen Räumen der Stille.
Auch Kerzen können hier entzündet werden, und es gibt – ebenfalls häufig in solchen Räumen – ein Besuchsbuch, in das man seine Gedanken schreiben kann. Diese Üblichkeit in den Niederlanden wurde in der Diskussion kritisch gesehen; im Berliner Raum der Stille liegt das Besuchsbuch im Vorraum, und die meisten Anwesenden waren eher der Meinung, ein Besuchsbuch im Raum der Stille selbst wirkt störend, da der Schreibakt Unruhe bringt. Allerdings sagte die Referentin, daß es in den Niederlanden durchaus beide Modelle gibt und erfahrungsgemäß in die Bücher innerhalb solcher Räume weit mehr und ausführlicher geschrieben wird als in solche, die in Vorräume verbannt sind.

Räume der Stille in Universitäten und Hochschulen sind religiös neutral, obwohl sie oft vom Studentenpfarrer initiiert wurden. Die Universität Tilburg verfügt über einen architektonisch besonders reizvollen Ort der Stille, ein freistehendes schneckenhausförmiges Gebäude. Der Besucher erlebt das Zu-Sich-Kommen als einen Aufstieg in einer Kreisbewegung – und er kann sich ganz wörtlich in das schützende Zentrum seines „Schneckenhauses“ zurückziehen. Für mich ist dies Haus der Stille nicht nur das schönste Beispiel des Abends gewesen, sondern ein aufregend schönes Stück moderner Architektur.
Ebenfalls sehr gelungen ist eine moderne Turmarchitektur, in der eine Lichtinstallation mit hoher Symbolkraft dem Besucher helfen kann, zur Ruhe zu kommen. Ein langes Strahlenbündel aus Glasfaser durchläuft den Raum schräg von oben nach unten. Am unteren Ende dieser „Lichtstrahlen“ sind kleine zylindrische Kapseln angebracht, in denen man Zettel mit seinen Gedanken einschließen kann. Diese Kapseln werden regelmäßig geleert; die Zettel werden in größeren Kapseln verwahrt und bleiben im Raum – kein Gedanke geht verloren, jeder Gedanke steht weiterhin mit dem Licht in Verbindung.

Moderne, in ihrer Ausstattung sehr zurückhaltende Räume der Stille sind auch in Kirchen zu finden, und keineswegs nur in großstädtischen Gemeinden! In jüngster Zeit verstehen sich niederländische Kirchen mehr denn je als Orte der Gastlichkeit, als „offene Kirche“. Im Diakonissenkrankenhaus Meppen gibt es eine Installation aus Steinen und sprudelndem Wasser – letzteres mußte leider kürzlich abgestellt werden, weil die Technik nicht ganz überschwemmungssicher war. Nun ist es nicht mehr die symbolträchtige Quelle auf den Steinen, aber auch trocken sind die rundgeschliffenen Natursteine ein guter Blickfang und Konzentrationspunkt.
Das Niederländische Krebsinstitut Amsterdam hat es fertiggebracht, die Symbole der Weltreligionen im Raum der Stille auf eine sehr zurückhaltende Weise unterzubringen, man darf sie nach Belieben betrachten oder übersehen. Viel deutlicher sind die allgemeineren Symbole der vier Elemente – Kerzen, Wasser, Steine, selbst Luft ist „dargestellt“.

Die christlich geprägten Räume der Stille aus der Anfangszeit der 70er Jahre haben sich zum Teil zu religiös neutralen Räumen gewandelt – oder zu interreligiösen, überkonfessionellen Orten. Andererseits wandeln sich in neuerer Zeit neutrale Räume der Stille zum Teil zu Räumen mit explizit muslimischer Ausrichtung, besonders in Hochschulen. Denn ein Raum wird durch die hauptsächlichen Nutzer geprägt.

Räume der Stille werden in hohem Maße gesucht. Ziel solcher Räume ist die ständige Aufforderung zu Geschwisterlichkeit und Toleranz, das Angebot einer Freistatt mitten im Gewühl, eine Kultur der Friedfertigkeit. Die Trägerschaft ist heute ein großes Problem; Krankenhäuser, Universitäten und Kirchen leiden unter Geldmangel. Sponsoren sind notwendig, ebenso wie Ehrenamtliche, die in den Vorräumen die Besucher informieren können und teilweise auch eine seelsorgerliche Funktion haben (im Grunde das Besucherbuch ergänzen oder ersetzen).

Hohes Lob hatte die Referentin für den Raum der Stille am Brandenburger Tor, der einzigartig sei durch den geschichtlichen Bezug. In der anschließenden Diskussion kam zur Sprache, daß sehr oft Menschen, deren Eltern oder Großeltern emigrieren mußten, diesen Raum als Ort der Versöhnung wahrnehmen. Größeres kann man nicht wünschen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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9 Antworten zu Räume der Stille

  1. Strabo schreibt:

    Ein guter Bericht, der zu weiterem Nachdenken über Sinn und Zweck einer solchen segensreichen Einrichtung anregt. 🙂

  2. Claudia schreibt:

    Auf meine Bitte informierte mich Frau Holsappel eben per Mail über Ad Roefs, den Architekten des Zwijsen Stiltecentrum (des „Schneckenhauses“) in Tilburg, von Crox&Roefs Architecten. Auf seiner Homepage ist rechts unten das Stiltecentrum anklickbar.
    Die beschriebene Lichtinstallation in dem Turm in Gorinchem hat Corrie van de Vendel entworfen.

  3. Försterliesel schreibt:

    danke für den schönen Bericht und die links

  4. aebby schreibt:

    danke für die Niederschrift – wir haben in unserer offenen Kirche auch eine Raum der Stille an dessen Gestaltung für November ich gerade arbeite

  5. Klaus schreibt:

    Vielen Dank für die gelungene Zusammenfassung. Vielleicht werden ja noch mehr „Berliner“ angeregt, den Raum der Stille im Brandenburger Tor zu besuchen. Der eine oder andere wird sich mit „Stille“ auseinandersetzen und vielleicht auch einmal als Betreuer oder Förderer tätig werden. Vielen Dank auch für die interessante Rückfahrt in der S-Bahn.

  6. Claudia schreibt:

    Es war mir ein Vergnügen!

  7. Koelle Patricia schreibt:

    Als absoluter Stille-Fan hat mir Dein Bericht auch sehr gut gefallen!!

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