Angst um den schwarzen Mann

… macht mir eine neue Verordnung, derzufolge ein Schornsteinfeger prüfen muß, ob die Gastherme sich automatisch abschaltet, wenn der Schornstein verstopft ist. Das geht so:
Mit einem kleinen Metallfächer verstopft der Schornsteinfeger das Rohr, das Therme und Schornstein verbindet. Dadurch strömen die Abgase nicht mehr nach oben, sondern zurück in die Wohnung. Der Vorschrift nach müßte der Mann das bei geschlossenem Fenster machen, aber das wollte ich ihm und mir nicht zumuten (was er begrüßte). Meine Therme funktioniert, d.h. der Schornsteinfeger lebt noch.
Ich fragte ihn, ob das nicht gefährlich für ihn sei – ich muß diese Belastung ja nur einmal im Jahr ertragen, und auch nur, wenn ich daneben stehe – ich könnte aber auch in ein anderes Zimmer gehen. Er aber muß täglich mehrere Gasthermen auf diese Weise prüfen. Das ist erst seit Anfang dieses Jahres so; man kann also noch nicht wissen, welche Berufskrankheit bei Schornsteinfegern in der Folge dieser Verordnung zu erwarten ist.
Das Leben der Mieter wird geschützt – und was ist mit dem Leben der Schornsteinfeger? Ist ein Beruf mit ständiger Belastung durch Feinstaub nicht gefährlich genug?

schornsteinfeger

Eine Zeitlang gab es in Deutschland hervorragende Sozialgesetze. Immer noch gibt es in Deutschland bessere Sozialgesetze als in den meisten anderen Weltgegenden. Aber es entwickeln sich Zustände, die mir ein ganz bestimmtes Lied in Erinnerung rufen.

Georg Herwegh
Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
1863

You are many, they are few.
(Eurer sind viele, ihrer sind wenige.)

Bet und arbeit! ruft die Welt,
Bete kurz! denn Zeit ist Geld.
An die Türe pocht die Not –
Bete kurz! denn Zeit ist Brot.

Und du ackerst, und du säst,
Und du nietest, und du nähst,
Und du, hämmerst, und du spinnst –
Sag, o Volk, was du gewinnst!

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn –

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Alles ist dein Werk! o sprich,
Alles, aber nichts für dich!
Und von allem nur allein,
Die du schmiedst, die Kette, dein?

Kette, die den Leib umstrickt,
Die dem Geist die Flügel knickt,
Die am Fuß des Kindes schon
Klirrt – o Volk. das ist dein Lohn.

Was ihr hebt ans Sonnenlicht,
Schätze sind es für den Wicht,
Was ihr webt, es ist der Fluch
Für euch selbst – ins bunte Tuch.

Was ihr baut, kein schützend Dach
Hat’s für euch und kein Gemach;
Was ihr kleidet und beschuht,
Tritt auf euch voll Übermut.

Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.

Deiner Dränger Schar erblaßt,
Wenn du, müde deiner Last,
In die Ecke lehnst den Pflug,
Wenn du rufst: Es ist genug!

Brecht das Doppelloch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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