Ein Lied!

Auf der Adventsfeier eines mir grundsätzlich wichtigen Vereins wurde gesungen. Ich singe gerne, und es gibt wundervolle Advents- und Weihnachtslieder. Aber gesungen wurde auch Folgendes:

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
sie bringt uns eine große Freud‘.
Übers schneebeglänzte Feld
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Es schlafen Bächlein und See unterm Eise,
es träumt der Wald einen tiefen Traum.
Durch den Schnee, der leise fällt,
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen
erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt
wandern wir, wandern wir
durch die weite, weiße Welt.

Ich wagte anzumerken, daß dies Lied absolut nichts mit Advent, Weihnachten, Glauben, Kirche oder ähnlich Adventsfeierrelevantem zu tun habe, daß es zudem im BDM gesungen wurde und dadurch für mich diskreditiert sei. Das wurde teils nicht geglaubt, teils beiseite geschoben mit dem Argument, man könne nicht jedes alte Lied ächten, weil es auch in schlimmer Zeit gesungen wurde.

Der Text wurde 1939 von einem gewissen Paul Hermann zur Melodie eines älteren Sternsingerliedes aus der Schweiz gedichtet. Der Ende des 19. Jhs. entstandene volkstümlich religiöse Urtext aus Luzern lautet:

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es ist für uns eine große Gnad‘,
Denn es ist ein Kind geboren
und das der höchste König war,
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

Herodes war so sehr verdrossen,
Weil er dieses nicht leiden mag.
Denn es lag in der harten Krippe
Und die gar noch ein Felsen war:
Zwischen Ochs und Esulein
Liegst du armes Jesulein.

Die Weisen, sie kamen schon zu reisen,
Sie kamen aus dem Morgenland.
Ein Stern, der tät‘ sie schön begleiten
Und führte sie nach Bethlehem.
Sie knieten vor dem Kindolein,
Großes Opfer brachten sie dar.

Eine Variante entstand in Aargau:

Es ist für uns eine Zeit ankommen,
Sie bringt für uns eine große Gnad:
Unser Heiland Jesus Christ,
Der für uns uns, der für uns uns,
Der für uns Mensch worden ist.
Die Hirten of em Feld
Die laufen eso schnell.
Sie laufen und springen
Und mänge hört singen:
Die Ehr Gott in der Höh
Und Friede sei auf Erd!

Jesulein lag in der Krippe
Auf einem harten Felsenstein
Zwischen Ochs und Esulein.
O du armes, o du armes,
O du armes Jesulein. |
Ach Gott, erbarm!
Wie ist die Mueter eso arm!
Sie hat ja kein Pfännelein,
Zu kochen dem Kindelein,
Kein Brot und kein Salz,
Kein Butter und kein Schmalz.

Es kamen drei Könige her zu reisen.
Sie kamen her aus dem Morgenland.
Einen Stern tät sie begleiten
Und führte sie bis, führte sie bis,
Führte sie bis gen Bethlehem.
Im Morgenland,
Dort ist es eso kalt.
’s mueß mänge verfriere
Und ds Läbe verliere.
Doch d‘ Mueter, au no so arm,
Sie haltet d’s Chindli warm.

Über einem Stalle, da hielt der Stern stille.
Sie traten ein in den dunkeln Raum;
Kneuleten vor dem Kindelein her;
Großes Opfer, großes Opfer,
Großes Opfer brachten sie dar.
„Wir kommen hier an,
Das wünschen wir euch an:
Ein guetes glücksäligs,
Gesund und auch fröhlichs,
Ein guetes neues Jahr,
Das wünschen wir euch an.“

1966 erschien das bunte boot. Lieder für Jungen und Mädchen. Hrsg. durch die Hauptstelle der Deutschen Katholischen Jugend; hier findet man eine etwas abgespeckte hochdeutsche Version:

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
die bringt für uns eine große Gnad:
unsern Heiland Jesus Christ,
der für uns Mensch geworden ist.

In einer Krippe der Heiland muß liegen
auf Heu und Stroh in der kalten Nacht.
Zwischen Ochs und Eselein
liegest du, armes Jesulein.

Es kommen Könige, ihn anzubeten,
ein Stern führt sie nach Bethlehem.
Kron und Zepter legen sie ab,
bringen ihm ihre Opfergab.

Keine der drei weihnachtlichen Versionen wird heute noch gesungen, nicht einmal bei kirchlichen Adventsfeiern. Hingegen ist die von Paul Hermann mit ihrem Geschwurbel von leuchtendem Schweigen, die jeden religiösen Bezug außen vor läßt, ein Dauerbrenner.
Das Nazipack wollte keine Erinnerung an Jesus! Aber es war der braunen Bande klar, daß eine eingängige Melodie nicht mehr aus den Köpfen zu bekommen war. Also wurde flugs ein ebenso eingängiger Text ohne Religionsbezug und mit irgendwie feierlicher Atmosphäre erdacht – leider mit Erfolg.
Das Lied erschien u.a. hier:

Deutsche Kriegsweihnacht. Musikbeilage. Hrsg. vom Hauptkulturamt der NSDAP in der Reichspropagandaleitung. Berlin o. J. [1941], S. 19.

Auch in folgenden Liederbüchern ist Paul Hermann vertreten:

Die weiße Trommel, 1933
Die Silberlanze – Neue Jungenlieder, 1934
Liederblatt der Hitlerjugend 1. Jahresband 1935
Soldat ist jeder, 1938
Morgen marschieren wir – Liederbuch der deutschen Soldaten, 1939
Die Singstunde, Nr. 80 – Horch auf, Kamerad – Neue Marschlieder [o.J.]

Ich will nicht, daß dies Lied gesungen wird.

Quelle für die Liedtexte: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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11 Antworten zu Ein Lied!

  1. Liisa schreibt:

    Das ist ja wirklich interessant! Von diesem Hintergrund des Liedes wußte ich bisher nichts. Danke für die Aufklärung!

  2. pentaeder schreibt:

    Danke für die Info, dieses Umdeuten im Dienste einer Ideologie ist etwas ganz perfides, um so wichtiger einzelne Fälle aufzudröseln.

  3. Violine schreibt:

    Heino hat es auch gesungen. Aber ich glaube, nochmal irgendwie anders.
    Ich habe als Kind gerne bei Heino mitgesungen und hatte auch eine Platte von ihm. Da war das drauf. Aber ich kann mich nicht mehr so gut erinnern und die Platte habe ich nicht da.

  4. Donna schreibt:

    Danke für diese Informationen, aber bei uns in Bayern kennt man nur die abgespeckte Version, die wird sogar manchmal in der Kirche gesungen. Und von wem ist die Melodie?

  5. Claudia schreibt:

    Der Komponist ist leider unbekannt. – Daß die abgespeckte christliche Version doch noch gesungen wird, freut mich natürlich!

  6. aebby schreibt:

    *hmpfff ich sehe gerade, dass mir die Browser Cookies eines Streich gespielt haben, der „pentaeder-Kommentar“ ist natürlcih von mir 😉

  7. Pingback: Hohe Nacht der morschen Knochen « Mein Leben als Rezitatorin

  8. Nils Werner schreibt:

    Also wenn die Verwendung (bzw. die Herkunft) während der Nazizeit als Totschlagargument genommen wird, dann müsste man auch die Nutzung der Autobahnen (um nur eines der weitreichensten Beispiele zu nennen) uvm. ablehnen, was wohl niemand ernst meinen würde!
    Der zuoberst aufgeführte Text ist wohl ideologiefreier als alle weiteren aufgeführten Texte!

    Dennoch ist es ohne Frage sinnvoll sich mit der Herkunft von Liedern usw. auseinanderzusetzen!
    Gruss, Nils

  9. Claudia schreibt:

    Ich empfehle genaue stilistische Untersuchung. Es wäre auch spannend, zu erfahren, wie ideologiefrei ein in den zitierten Quellen angegebener Autor sein kann.

  10. Nils Werner schreibt:

    Tja, fragt sich in wie fern die christliche Varaiante die ursprünglich(st)e ist. Dass das Christentum versucht hat bestehenden Traditionen die eigenen überzustülpen ist kein Geheimnis…
    Das in der Quelle heran gezogene Julfest ist jedenfalls weit mehr als einn neuheidnisches Ritual, sondern die skandinavische Auslegung des Weihnachts- bzw. Mittwinterfestes!

    Gruss, Nils

  11. Claudia schreibt:

    Es hilft manchmal, sorgfältig zu lesen. Das gelingt nicht jedem.
    Damit es nicht zu einer bis zur nächsten Weihnacht andauernden Debatte kommt, ob Nazilieder tolerierbar seien oder nicht, schließe ich die Kommentarfunktion.

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