Russische Tristia

Mandelstam

Ossip Emiljewitsch Mandelstam wurde vor 118 Jahren geboren.
Der vielseitige und weltläufige Geisteswissenschaftler mag sich in der literarischen Welt vergangener Tage heimischer gefühlt haben als in dem Staatsgebilde, das ihn nur sehr widerwillig – und schließlich nicht mehr – leben ließ. Einen in unsteter Zeit inneren Exils entstandenen Gedichtzyklus nannte er in Anlehnung an Ovid Tristia, Trauriges –

Ich hab die Kunst studiert, Abschied zu nehmen,
Im barhäuptigen Schmerz nächtlicher Klagen.

beginnt das titelgebende Gedicht.
Seine Trauer über die kulturfeindliche Unterdrückung drückte er oft mit Bildern aus der antiken Sagenwelt aus:

Hier sterben wir, Proserpina beherrscht
Petropolis, das durchsichtige Grab.
Wir trinken tote Luft und jeder Seufzer schmerzt,
Denn jede Stunde misst ein Jahr des Todes ab.

Bedrohliche Athene, Herrscherin des Meers,
Den Helm aus Stein, den mächtigen, leg ab.
Hier sterben wir, Proserpina beherrscht
Petropolis und du hast keine Macht.

© der Übersetzung: Eric Boerner

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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