Mann, bist du fähig, gerecht zu sein?

Olympe de Gouges

Das fragte die vor 261 Jahren geborene Marie-Olympe de Gouges ihre ach so revolutionären männlichen Zeitgenossen, die zwar die Monarchie abgeschafft hatten, aber die Rechte der Frauen fröhlich weiter beschnitten (und die löblichen Ausnahmen ihrer Geschlechtsgenossen beiseite schafften).
Die wichtigsten Forderungen der Frauen waren die Gleichstellung in der Ehe, das Recht auf Ehescheidung und bessere Bildungsmöglichkeiten einschließlich Zulassung der Frauen zu allen Berufen, außerdem Gleichberechtigung im Erbrecht, Verbesserung der Situation lediger Mütter, Bekämpfung der Prostitution. Trotzdem änderte sich die Situation der Frauen zunächst nicht und mit der Verfassung vom 3. September 1791 zum Schlechteren: hatten im Ancien Régime privilegierte Frauen noch einige feudale Rechte genossen, wurden sie ihnen nun genommen. Frauen wurden im Kap. II Abschn. II der Verfassung vom 3. September 1791 von der Regentschaft ausgeschlossen. Damit waren sie nicht mehr Aktivbürgerinnen und verloren so das indirekte Wahlrecht. Nur Steuern durften sie noch zahlen, und auch das Strafrecht galt weiterhin vollständig für sie! Der politische Status der Frau blieb undefiniert: auch Passivbürgerin war sie nicht, konnte damit nicht zur Aktivbürgerin aufsteigen. So hatten Frauen keine politischen Rechte mehr und waren Bürgerinnen nur noch, weil ihre Väter und Ehemänner Bürger waren.
Marie-Olympe de Gouges veröffentlichte kurz nach Verabschiedung der Verfassung die Frauen- und Bürgerinnenrechtserklärung als feministische Antwort auf die Menschenrechtserklärung (droits de l’homme läßt sich fatalerweise auch mit Männerrechtserklärung übersetzen).

Im Vorwort geht sie mit den Männern hart ins Gericht:

Mann, bist du fähig, gerecht zu sein? … Sag mir, wer hat dir das Herrscherrecht gegeben, mein Geschlecht zu unterdrücken? … Wunderlich, blind, voll Wissenschaftsdünkel und in diesem Jahrhundert des Lichtes und des Wissens in tiefste Unwissenheit zurückgeworfen, will [der Mann] als Tyrann über ein Geschlecht befehlen, das alle intellektuellen Fähigkeiten erhalten hat…

und an anderer Stelle:

Frau, erwache, die Sturmglocke der Vernunft ist im ganzen Universum zu hören, erkenne deine Rechte… Der versklavte Mann hat seine Kräfte vervielfacht, er mußte die deinen zu Hilfe nehmen, um seine Ketten zu sprengen. Befreit ist er ungerecht gegen seine Freundin geworden. O Frauen! Frauen, wann legt ihr eure Blindheit ab? Was für Vorteile habt ihr durch die Revolution erhalten? Eine stärkeres Mißtrauen, eine deutlichere Verachtung.

Am 3. November 1793 wurde Marie-Olympe de Gouges guillotiniert.

In meinem Arbeitsumkreis – und nicht nur dort – erlebe ich Formen weiblicher Stiefelleckerei und Bildungsferne, die jene revoluzzenden Mannsbilder gern gesehen hätten. Die Sturmglocke der Vernunft bimmelt nur noch ganz leise, und mein derzeitiger Pessimismus läßt mich auch hier nicht auf große Hörbereitschaft hoffen.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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3 Antworten zu Mann, bist du fähig, gerecht zu sein?

  1. Foersterliesel schreibt:

    gut gezürnt! Danke fürs Erinnern an O-M d G

  2. Bettina schreibt:

    Eine gute Geburtstagsgabe, an sie zu erinnern Claudia.
    Diese Frau gehört für mich zu den ganz besonderen, die nicht vergessen werden dürfen und doch immer wieder vergessen werden.
    Da muss man Erinnerung anstoßen
    Danke

  3. Pingback: Für modernen Feminismus bin ich zu emanzipiert. | Mein Leben als Rezitatorin und Dichterin

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