Ἰουλιανὸς ὁ Ἀποστάτης

Julian Apostata

Vor 1646 Jahren starb Kaiser Julian II., genannt Apostata (der Abtrünnige).
Als arianischer Christ erzogen, hatte er sich bald der neuen Lehre entfremdet, die ihm auch wahrlich nicht befreiend präsentiert worden war: sein Vetter und Vormund hatte ihn ein Dreivierteljahr lang eingesperrt, um den philosophisch und religiös Interessierten dem Christentum zu erhalten.

Die Reaktion auf diese harsche Erziehungsmaßnahme konnte kaum anders ausfallen: Sobald er dazu Gelegenheit hatte, ließ Julian sich in die Eleusischen Mysterien einweihen und tat künftig alles dafür, die Welt der alten Götter Griechenlands wieder zum Leben zu erwecken. Er hatte dabei eine recht romantische und poetische Sicht auf die Götterwelt. Zugleich war er durch seine Liebe zur griechischen Philosophie, durch seine ständige Suche nach Wahrheit durch Bildung sowie durch seine hohe Selbstdisziplin und seine Abscheu vor dem unsinnigen Blutvergießen in der Arena dem Christentum wohl näher, als er wollte.

Klugheit, Ehrgeiz spornten ihn lebenslang an und ließen ihn Zeiten überstehen, in denen sein Onkel, der Kaiser Konstantius, ihn als Marionette zu benutzen suchte.
Im umkämpften Gallien zeigte er sich als kluger und tapferer Feldherr, vermied es, seine Soldaten unnötig zu gefährden, und war von auffälliger Milde gegenüber seinen Gegnern; Kriegsgefangene ließ er anständig behandeln und vermied es, Unterlegene unnötig zu demütigen.

Endlich selbst Kaiser, bekannte er sich öffentlich zum Mithraskult und versuchte verstärkt, die antike Götterwelt wieder aufleben zu lassen. Er muß ein sehr sensibler und phantasiebegabter Mensch gewesen sein; mehrmals erschienen ihm Gottheiten im Traum und sprachen zu ihm.
Er tat viel für die Bildung und verbesserte die Infrastruktur erheblich. Seine Toleranzedikte sahen zwar keine Gleichberechtigung der Religionen vor, aber bei allem Zorn über die Christen ließ er sie nie aktiv verfolgen und lud sogar christliche Gelehrte ein. Die Juden hatten es unter ihm wesentlich leichter als unter den meisten Fürsten vor und nach ihm. Selbst Religionsfrevler – Christen, die heidnische Statuen und Heiligtümer geschändet oder gestohlen hatten – verurteilte er in der Regel nur zu Schadensersatz und sprach sich energisch gegen die von einigen Beamten leider auch praktizierte Lynchjustiz aus.

Julian fiel mit nur 32 Jahren in einem sinnlosen Krieg. Die Renaissance der alten Götter war auch zu seinen Lebzeiten wenig mehr als ein Gedankenspiel gewesen; das Christentum erwies sich als lebenskräftiger.
Vielleicht hätte er mit klügeren und duldsameren Christen in seinem unmittelbaren Umfeld ein Heiliger werden können. Mir scheint, die schon damals so schwierige, uneinige Entwicklung des Christentums und die Entfernung von der befreienden Grundidee, daß es auf nichts so ankommt wie auf die Liebe, ist wenigstens zum Teil Schuld an Julians Aufbegehren und damit auch an seinem schrecklichen Tod.

Julian schrieb vieles, und verschiedene Zeitgenossen schrieben über ihn; daher kann man eine Menge über seine Person erschließen. Seine Geschichte wurde von dem belgischen Altphilologen Joseph Bidez erforscht und in einem sehr gut zu lesenden Werk veröffentlicht: La vie de l’Empereur Julien (dt. Julian der Abtrünnige).

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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4 Antworten zu Ἰουλιανὸς ὁ Ἀποστάτης

  1. Barbara schreibt:

    Die Entfernung des Christentums von den Inhalten der Bibel – insbesondere von den substanziellen Inhalten (z.B. Johannes 14,6) – und die darauf folgende Degradierung des christlichen Glaubens zu einer Religion, in der man angeblich durch Sakramente und gute Taten zu seiner eigenen Erlösung beitragen kann, hatte und hat schlimmere Auswirkungen als jede Diskreditierung durch Andersgläubige oder Atheisten! Kaiser Julian ist nur ein trauriges Beispiel dafür, wie jemand von falschen „Christen“ enttäuscht wurde, und leider deren Lehre für das echte Christentum gehalten hat – und solche falschen „Christen“ gibt es auch heute leider jede Menge, sei es, dass sie Lehren „an der Bibel vorbei“ verbreiten oder sklavisch dem Zeitgeist verfallen sind!

  2. Claudia schreibt:

    Es wird in jeder irgendwie gearteteten Überzeugung immer auch Leute geben, die diese Überzeugung für eigene Machtspielchen mißbrauchen oder einfach nur so mitschwimmen… das ist nicht ausschließlich im Christentum so.

  3. Sammelmappe schreibt:

    Seltsame Vorstellungen von Erziehung gibt es offensichtlich auf der ganzen Welt und zu allen Zeit. Gemeinsam ist ihnen, dass die Erziehenden sich so sicher sind, dass sie den richtigen und einzig wahren Weg wählen.

  4. learsander schreibt:

    Trotz sog. humanistischer Ausbildung ist mir der Gute vollkommen unbekannt. Danke für diese „Erinnerungen“, die wir hier immer wieder lesen dürfen.

    Ich finde ihn ein wenig tragisch … Er ist einer der Persönlichkeiten, die im Latein-/ und Geschichtsunterricht kaum mehr erwähnt werden.

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