αὐτονομία

Heute wurde in den Nachrichten von „Autonomen“ in Hamburg berichtet, die sich – mal wieder – eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert haben, nachdem sie mehrere Autos und – das kann ja mal passieren – auch ein Wohnhaus abgefackelt hatten.
Zwar nehme ich nicht an, daß irgendjemand der Anstifter und Mitläufer bei solchen Aktionen dies liest, trotzdem eine kleine Erklärung:
αὐτονομία – Autonomie – von αὐτος, selbst, und νόμος, Gesetz, bedeutet Eigengesetzlichkeit, also Fähigkeit und Willen, sich selbst Gesetze zu geben. Pico della Mirandola bezeichnet als Autonomie die menschliche Fähigkeit, sich in der Welt seinen eigenen Platz zu suchen. Immanuel Kant zitiert Horaz:

dimidium facti qui coepit habet: sapere aude, incipe!

zu Deutsch:

Die Hälfte der Tat hat [vollbracht], wer begann: Wage zu wissen, fang an!

– und interpretiert das sapere aude: Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!

Autonomie heißt also nicht, sich selbst von aller Gesetzlichkeit frei zu machen. Es heißt in weitergehender Interpretation nicht, mit einer grölenden Horde mitzulaufen. Es heißt nicht, sich seiner Bierflasche zu bedienen. Es heißt nicht, das Feuerlegen und Prügeln, sondern, das Wissen zu wagen – ein weit größeres Wagnis, das, wie die Geschichte lehrt, für den Ausübenden viel Schlimmeres als einen Aufenthalt in einem modernen deutschen Knast zur Folge haben kann. Das aber trotzdem lohnt.

Ich weigere mich, Randalierer gleich welcher Couleur als autonom zu bezeichnen. Wenn es denn eines weiteren forschen Fremdwortes für die Bande bedarf, schlage ich vor: αὐτοδουλεία – Selbstknechtung. Vielleicht guckt ja der ein oder andere Autodule doch auf diese Seiten.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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4 Antworten zu αὐτονομία

  1. Barbara schreibt:

    Ich denke nicht, dass sich einer dieser armseligen Asozialen auf deinen Blog verirrt – es sei denn, er hat sich verklickt. Und wenn so jemand schon mal etwas liest, dann bestimmt nichts Vernünftiges!

  2. stefanolix schreibt:

    Eine sehr kluge Argumentation, ich habe mir die Adresse und den Text gespeichert und werde gelegentlich darauf verweisen.

    Was Barbara andeutet, interpretiere ich so: die Krawalltouristen, Mitläufer, Brandsatzzünder und Flaschenwerfer lesen hier sicher nicht mit.

    Allerdings wird Deine Argumentation wohl auch die intelligenten und bewussten »Autonomen« nicht erreichen. Es ist ja gerade ihr eigenes Gesetz, mit dem sie die Gewalt rechtfertigen. Gewalt gegen Autos, gegen rekonstruierte Häuser oder gegen missliebige Menschen ist im Rahmen der »Gesetze« dieser Drahtzieher nicht nur möglich, sondern unbedingt geboten.

  3. learsander schreibt:

    Ich kann nur zustimmen: Sehr kluge Argumentation. (Die muss ich unbedingt mal in die Geschichtsunterricht einfließen lassen. Natürlich mit Verweis auf diese Seite. ^^)

    Andererseits ist man bei der Verurteilung der „Autonomen“ auch oft etwas zu schnell. „Und wenn so jemand schon mal etwas liest, dann bestimmt nichts Vernünftiges!“ – den Satz von Barbara finde ich doch sehr gewagt. Ich kenne einige wenige sog. „Autonome“, die sehr belesen sind. Dummerweise lesen sie nur das (oder interpretieren in die Texte nur das hinein), was sie lesen und verstehen wollen.
    Deswegen nützt da leider auch selten eine Argumentation.

  4. Claudia schreibt:

    Fanatismus jeder Art gibt es auch unter Gebildeten, kein Zweifel! Das macht es kaum besser; allerdings kann man bei dem ein oder anderen doch noch hoffen, daß er irgendwann seinen Kopf für andere Dinge als die gewohnten öffnet.

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