Eichengedichte

In der griechischen und römischen Mythologie ist jeder Baum von einer Nymphe bewohnt und beseelt. Fällt man den Baum, stirbt die Nymphe. Fällt man frevelhafter Weise in einem heiligen Hain, kann es sein, daß der Baum blutet.
Im Falle dieser schönen Eiche besteht die Gefahr des Sakrilegs nicht; weder rächende Gottheiten noch ergrimmte Germanen muß man fürchten – denn sie bleibt, Demeter sei Dank, stehen. Ein Fachkundiger vom Baumdienst erklärte folgendes: Leidet eine Eiche unter Trockenheit, so ändern sich in den besonders exponierten Ästen die Spannungsverhältnisse, und sie brechen. An dem abgebrochenen Astriesen erkennt der Fachmann, daß genau dieser Fall vorliegt; er ist nicht morsch, sondern trocken. Es lohnt, an trockenen Tagen einige Stunden lang den Boden an der Eiche stetig berieseln zu lassen – einfach einen Gartenschlauch ganz wenig aufdrehen und neben den Baum legen. Daß dieser Baum nun merklich schief steht, können wir uns nur durch den starken Ruck und die veränderten Gewichtsverhältnisse in der Krone erklären; bedrohlich ist es nicht!
Um die tapfere Nymphe der Eiche zu ehren, gibt es heute neben Photos einige Gedichte; die beiden von mir sind noch in der Gewißheit ihres nahen Todes entstanden.
Eiche

Klabund
Ode XI

Eiche,
Du fassest Wurzeln
Und stehst.

Uns aber treibt
Ein Unruh
Und Verlangen
Von hier nach dort.

Mir ruft die Höhe,
Mir ruft die Tiefe,
Der Engel der Mitte
Begnadet mich nicht.

Zerrissen, zerrissen,
Ich fasse am Ende
Die knochigen Hände
Des fraulichen Tods.

*

Aus meinem Grabe
Die Säfte sie steigen
In deine Wurzeln,
Beständige Eiche.
So finde ich Ruhe
Und Stärke
In dir.

Ich räumte die kleineren Äste von Eiche und Efeu aus dem Vorgarten und trug die großen, die mein Bruder verheizen wird, zusammen – nun sieht das Gärtlein nicht mehr so verwüstet aus.
Eiche

quercum vulneravit tempestas
horti mei vetulam nympham
mihi notam ab prima ætate.
olim oscillum tenebat meum,
aquilegiæ floribus dabat
humum petentibus acerbam
obumbrabatque domum candentem.
nunc obliqua domum minatur,
mox cæsura est. lugeo quercum.

© Claudia Sperlich

In dem Efeu, der den abgefallenen Ast umwunden hatte, fand ich eine skelettierte Amsel. Vanitas vanitatum!
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Heinrich von Kleist
Blutende Eiche

Blumen sind hervorgebrochen,
Die zittern voll Blut
Und können nicht sagen,
Was da war…
Klagende Farben…
Blutende Eiche.

Eiche

Quercus robur

Die Eiche vor dem Haus in unserm Garten,
die alte Nymphe hat ein Sturm geschlagen.
Ich kenne sie seit meinen Kindertagen –
ein Ast trug einst von meiner Schaukel Scharten.

Ich war in ihrer Nähe viele Stunden
und glaubte sie für alle Zeit behütet.
Der Kleiber hat dort manches Jahr gebrütet.
Der Efeu hält sie immergrün umwunden.

Den Akeleien gab sie sauren Boden,
den Schatten für das Haus gab sie uns allen,
und niemand dachte, daß es enden werde.

Nun steht sie schief und droht aufs Haus zu fallen.
Man muß sie fällen, dann den Stubben roden.
Ich weine um die Eiche, um die Erde.

© Claudia Sperlich

Eiche

Christian Morgenstern
Palmström

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.

Palmström wagt nicht sich hineinzuschneuzen, —
er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt-nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschneuzt entschreitet.

Gartenabfälle

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Eichengedichte

  1. Frau Sterntau schreibt:

    Oha… so eine skelettierte Amsel sehe ich zum ersten Mal. Schaurig beeindruckend wirkt das auf mich…

  2. Claudia schreibt:

    An dem skelettierten, etwas verdrehten Körper (den ich äußerst pietätlos mit den Gartenabfällen entsorgt habe) waren noch Federn. Ich wollte erst das ganze Skelett photographieren, aber das war mir dann doch zu schauerlich. Meine Sucht nach Vanitasdarstellungen hat auch ihre – weitgesteckten – Grenzen.

  3. Joachim Hantke schreibt:

    Das sind sehr schöne Eichengedichte und dazu die Fotos! Dein Garten schein ein Park zu sein.
    LG Joachim

  4. Claudia schreibt:

    Willkommen, Joachim!
    Der Garten (meiner Mutter, aber ich bin jede Woche dort) ist sehr groß und wirkt noch viel größer durch seine Vielfalt und die verwinkelte Form. Außerdem ist er vom Wald nur durch einen fast unsichtbaren Zaun getrennt – das gibt den Eindruck von Endlosigkeit.

  5. Joachim Hantke schreibt:

    Jetzt sehe ich doch, dass das lateinische Gedicht und das analoge deutsche Deiner Feder entsprungen sind! Meine Hochachtung! Ab und an schreibe ich auch Verse. Ich habe etwas auf meinem Blog zur Birke geschrieben und auch kleine lustige Zungenzerbrecher zur Schrecke.
    Ich schaue bald mal wieder bei Dir vorbei!
    Liebe Grüße
    Joachim

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