Mahnung zum Wahlsonntag

Klugheit und Besonnenheit mögen heute den Kugelschreiber in der Wahlkabine führen!
Zur Warnung diene, was Dichter über jene Eigenschaft schreiben, die so häufig zu falschen Entscheidungen führt.

August Kopisch
Dummheit

Wer nur der Weisheit nachgespürt, den halt’ ich noch für keinen Mann:
Doch wer die Dummheit ausstudiert, den seh ich für was Rechtes an!
Der Weisen Tun errät man leicht: man sieht da noch wann, wie, warum;
Bei Dummen kuckt man sich umsonst nach allen diesen Sachen um.
Der Dummheit Weg ist wunderbar; niemals erkennet man den Grund,
Und fänd’ ihn einer richtig aus, so tät er aller Funde Fund!
Denn Dummheit ist die größte Macht, sie führt der Heere stärkstes an;
Ich glaube, dass sie nie ein Held bekämpfen und besiegen kann.

***

Johann Kleinfercher
Die Dummheit

O krieche lieber in ein waldig Tal,
Entzieh‘ dein Haupt des Tages holdem Strahl
Anstatt an Menschen dich heranzudrängen,
Die die Beschränktheit hält in ihren Fängen;
Auf Erden gibt es keine größre Qual,
Als von der Dummheit abzuhängen.

O hungre lieber, pflüge selber wacker,
Statt dich zu nähren von der Dummheit Acker;
Es ist, bei Gott! die häßlichste der Sünden,
Auf Dummheit seines Lebens Glück zu gründen.

Begib dich lieber in des Teufels Rachen,
Statt über Dumme dich zum Herrn zu machen;
Soweit verbrochen wird, gibt’s kein Verbrechen,
Keins, dessen sich die Dummen nicht erfrechen.

Die Dummheit ist’s, die ewigblinde Dirne,
Die Gottes Geißel so zu strafen liebt,
Daß sie ihr Freunde und Gebieter gibt,
Die stets das Dümmste hegen im Gehirne
Und Dummheit üben mit der frechsten Stirne.

***

Peter Hille
Hymnus an die Dummheit

Dummheit, erhabene Göttin,
Unsere Patronin,
Die du auf goldenem Throne,
Auf niedriger Stirne die blitzende Krone,
Stumpfsinnig erhabenes Lächeln
Auf breitem, nichtssagendem Antlitz –
Königlich sitzest:
Siehe herab mit der Milde Miene
Auf deine treuen, dir nach-
Dummenden Kinder,
Verjage aus dem Land
Die Dichter und Künstler und Denker,
Unsere Verächter,
Vernichte die Bücher – Traumbuch und Rechenknecht,
Briefsteller und Lacherbsen verschonend,
Und wir bringen ein Eselchen dir,
Dein Lieblingstier,
Dein mildes, sanftes, ohrenaufsteigendes Lieblingstier.
Eine goldene Krippe dafür
Und ein purpurnes Laken von Disteln.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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6 Antworten zu Mahnung zum Wahlsonntag

  1. nachtopal schreibt:

    Die Gedichte sind alle gut, mir gefällt das erste am besten. Ja Mensch, wie es aussieht hatten nur knapp 42% das Bedürfnis zur Wahl zu gehen, das versteh wer will, ich nicht, lieber Gruß Regina

  2. Claudia schreibt:

    Ich mag ja den Hymnus am liebsten, was vielleicht an meiner theologischen Vorbildung liegt. 😉
    Wer aus genauer und langer Überlegung nicht zur Wahl geht, hat meinen Respekt! Nicht aber, wer der Wahl fernbleibt, weil Demokratie ihn nicht sonderlich interessiert.

  3. stefanolix schreibt:

    Wer der Wahl fernbleibt, kann nicht lange und genau genug überlegt haben;-)

  4. Patricia schreibt:

    Mein Vater sagt immer: „Es gibt nicht nur zuviel Dumme – sie vermehren sich auch schneller als die anderen!“ 😉

  5. Claudia schreibt:

    Teilweise wohl auch durch Infektion…

  6. stefanolix schreibt:

    @Patricia: Damals konnte man vielleicht noch darüber lachen, aber angesichts der Zeitungsmeldungen über die Chancen der Kinder aus bildungsfernen Haushalten ist das leider nicht mehr lustig.

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