Spitzbögen und Colleges

Blick vom University Garden auf Oxford 2
Zwei Wochen Oxford waren wundervoll, allerdings auch etwas anstrengend, da ich in dieser Zeit meine Mutter samt Rollstuhl etwa zweihundert Kilometer weit geschoben habe – von dem netten kleinen Vorort, in dem wir wohnten, in die Stadt, durch dieselbe und wieder zurück, und einige Male durch riesige Parks. Erschwerend kam hinzu, daß am ersten Tag ein Reifen des brandneuen Gefährtes platt wurde – und es blieb, da wir nicht wußten, wo in Oxford ein Rollstuhl repariert werden kann. Aber lohnend war es!

Untergebracht waren wir in Old Marston, einem Vorort von Oxford. Der nahe Fluß überflutet jedes Frühjahr die Wiesen – zwischen Old Marston und Oxford kann nicht gebaut werden, ein wundervoller grüner Gürtel bleibt erhalten.
Die Dorfkirche St Nicholas stammt im Kern aus dem 12. Jh. – obwohl sie später erweitert wurde, ist sie von der wuchtigen normannischen Bauweise geprägt. Die Grabsteine, aufrechtstehende Platten, sinken ganz langsam in den Boden – ein poetisches Zeichen für das Vergehen auch der Erinnerung. Wie hier werden auch in Oxford selbst die alten Grabsteine nicht entfernt oder mit Schildchen der Friedhofsverwaltung versehen, sondern sich selbst überlassen.
Old Marston - St Nicholas 2Old Marston - St Nicholas 3Old Marston - St Nicholas 12Old Marston - St Nicholas 11

Oxford ist eine ganz unzerstörte Stadt; die ältesten Kirchen sind im Kern normannisch (12. Jh.). Im 13. Jh. wurde der Spitzbogen erfunden und ist hier fast ohne Unterbrechung bis ins späte 19. Jh. populär geblieben; es ist oft schwer, die Gebäude zu datieren. Gewissermaßen hat hier die Gotik siebenhundert Jahre gewährt – mit gelegentlichen barocken und gründerzeitlichen Einsprengseln.

Die Town Hall – das Rathaus – ist von geradezu hemmungsloser Stuckatur und Ausstattung.
Townhall 1Townhall 5Townhall 7

Oberhaupt der Church of England ist – seit Heinrich VIII. das so einrichtete – die Krone. Auf jeder Münze ist es zu lesen: Elizabeth II D(eo) G(ratia) Reg(ina) F(idei) D(efendrix) – von Gottes Gnaden Königin, Verteidigerin des Glaubens.
Deo Gratia Fidei Defendrix

Studenten und Dozenten leben, lernen und lehren zumeist in einem College. Das älteste und größte gehört zur Christ Church. Jedes andere College hat eine eigene Kapelle.

Christ Church Cathedral und College
Christ Church - AltarChrist Church - Epitaph Philipp BartonChrist Church - Epitaph John CorbetChrist Church - Brunnen von Robert Sandell 2008Christ Church - Gefäß für Ölbaum von Robert Sandell 2008Christ Church - Epitaph GoodwinChrist Church - gekrönte RoseChrist Church - KapitälChrist Church - Gewölbe 4Christ Church College 1Christ Church College 3Christ Church College 4

Lincoln College
Lincoln College 1Lincoln College 4Lincoln College 5Lincoln College 6Lincoln College 7Lincoln College 8Lincoln College 10Lincoln College 11Lincoln College 12Lincoln College 13Lincoln College - Rector's Lodgings

Magdalen College
Magdalen College 3Magdalen College 7Magdalen College  8Magdalen College 9Magdalen College 10Magdalen College 11

New College
New College 2New College 4New College 5New College 6New CollegeNew CollegeNew CollegeNew CollegeNew CollegeNew CollegeNew CollegeNew College

Trinity College
Trinity College 2Trinity College - WasserspeierTrinity College 6Trinity College 8
Trinity College 10Trinity College - John Henry Newman

In der Bodleian Library war eine wunderschöne Ausstellung über Buchbinderkunst zu sehen – ein Sammler hat seine wahrlich bemerkenswert gebundenen Bücher zur Verfügung gestellt. Photographieren darf man die lichtempfindlichen Exponate selbstverständlich nicht – aber das Gebäude ist auch ohne Ausstellung bemerkenswert genug.
Bodleian Library 1Bodleian Library 5Bodleian Library 3Bodleian Library 4

Die Radcliffe Camera beherbergte früher eine medizinische Bibliothek; heute ist sie ein universitärer Lesesaal.
Radcliffe Camera 1

Das Museum of Natural History entstand Mitte des 19. Jahrhunderts; ein eindrucksvoller Bau ist es und zugleich didaktisch hervorragend – auch für die jüngsten Besucher, die bestimmte Exponate streicheln dürfen und Gelegenheit zum Zeichnen und Raten bekommen.
Museum of Natural History 2Museum of Natural History 3Museum of Natural History 4Museum of Natural History - DarwinMuseum of Natural History - NewtonMuseum of Natural History 11

Das Sheldonian Theatre ist eine von Christopher Wren erbaute Konzerthalle (Theatre bedeutet hier Rundbau). Um den seinerzeit unerhört modernen Dachstuhl zu konstruieren, stellte Wren einen Mathematiker an. Von der Kuppel hat man einen einzigartigen Blick weit über die ganze Stadt. Die unzweifelhaft etwas komischen Köpfe auf dem Gitter davor – meine Mutter fühlte sich an Turandot erinnert – sind späteren Datums.
Sheldonian Theatre 1Sheldonian Theatre 5Sheldonian Theatre 6Sheldonian Theatre - Blick von der Kuppel 1Sheldonian Theatre - Blick von der Kuppel 4Sheldonian Theatre - Blick von der Kuppel 6Sheldonian Theatre - Blick von der Kuppel 8Sheldonian Theatre - DachstuhlSheldonian Theatre 9Zwischen Sheldonian Theatre und Bodleian Library

Der Covered Market ist eine riesenhafte gründerzeitliche Markthalle (wobei an dieser Stelle vermutlich schon im 9. Jh. ein Markt, wenn auch unter freiem Himmel, existierte).
Bei Ricardo’s bekommt man ausgezeichnete Sandwiches – und als ich das dritte Mal dort war, spendierte der Chef mir einen Kaffee. Also, liebe Oxfordfahrer, schaut bei Ricardo und seiner Frau vorbei – es lohnt.
Covered Market - Ricardo's 2Covered Market - Ricardo's 4

Wirtshäuser haben oft ausschweifige Zeichen! Auch kenne ich kein anderes Land, das an ein einstiges Wirtshaus erinnert, dessen Hauptruhm in einem blutig beendeten Studentenkrawall im Jahre 1355 wegen der schlechten Qualität des Weines besteht.
Swindlestock TavernKuh als TürhüterinVictoria ArmsVictoria Arms 2Victoria Arms 3Dogge über Wirtshaustür

Der Logik eine Gasse!
Logic Lane

Die meisten Leute sind höflich und freundlich, die Straßen sauber. Keine Fassade ist mit Graffiti verschmiert, die wenigen Hundehalter entsorgen die Hinterlassenschaften ihrer Tiere. Oxford ist nicht nur sehr schön – es ist auch gastfreundlich, zumindest wenn man gehen kann. Nur Rollstuhlfahrer haben es ein wenig schwer: Es gibt wenige Aufzüge und viele komplizierte Eingänge, und die Tore der Parks sind vielfach für Rollstuhlfahrer unpassierbar. Aber wer einen erfahrenen Rollstuhlschieber parat hat, kommt fast überall hin.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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8 Antworten zu Spitzbögen und Colleges

  1. theomix schreibt:

    Das sind ja Eindrücke. Eine Fotoreportage. Ich habe mit Freude gelesen, keines der Bilder vergrößert, aber ich kann die Fülle verstehen:
    Auch in klein vermitteln die Fotos einen sehenswerten Ort. Vielen Dank!

  2. Patricia schreibt:

    Was für eine unglaubliche Fülle phantstischer Eindrücke!
    Ich freue mich, dass Du das erleben durftest. Aber wie habt ihr das mit dem platten Reifen geschafft? Selbst mit intaktem Reifen – ich bin voller Hochachtung ob Deiner Leistung, denn ich weiß ja, was es bedeutet!
    In Berlin gibt es übrigens jemanden, der Rollis, auch Elektrorollis, ausleiht – bringt sie sogar ins Haus, und repariert auch vor Ort.

  3. Patricia schreibt:

    Ach ja, und schön, dass du wieder da bist, hast sehr gefehlt im Forum! (wo nun wieder Frieden herrscht).

  4. Claudia schreibt:

    Lieber Theomix, gern geschehen!
    Liebe Patricia – Du schiebst ja einen viel spezielleren und sicher schwereren Rollstuhl, ich ein sehr leichtes Modell. Das mit dem platten Reifen ging auf normalem Straßenbelag erstaunlich gut, nur Kopfsteinpflaster und Schwellen waren ein Problem und auch der Teppichboden unserer Gastgeberin.

  5. Frau Sterntau schreibt:

    So wundervolle Bilder, unglaublich schön!
    Danke, dass du uns einfach mitgenommen hast und lieben Dank auch für die Post, ich habe mich ganz arg gefreut 🙂

  6. Barbara schreibt:

    Tolle Bilder 🙂

  7. Nils schreibt:

    Tolle Bilder,

    liebe Claudia. Das motiviert mich glatt noch ein wenig mehr zur anstehenden Übersetzung elisabethanischer Dichtung.

    Auf bald

    Nils

  8. Claudia schreibt:

    Oh bitte, Nils! Übersetze! Dann haben meine Photos noch mehr Sinn. 😉

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