Einem Augustiner zu Ehren

Martin Luther

Vor 526 Jahren – einen Tag nach seiner Geburt – wurde Martin Luther getauft.
Von mir aus hätte man ihn ja heilig sprechen können, schon allein für eines der schönsten, innigsten Weihnachtslieder und für das so tapfere wie ergreifende Lied von der festen Burg. Aber das wird dem Mann, um den sich so schöne Legenden ranken, wohl kaum widerfahren.
Seine Bibelübersetzung ist in ihrer Sprachgewalt und gleichzeitigen Lesbarkeit bis heute unerreicht und hat unsere Sprache geprägt. Ein gemeinsames Hochdeutsch gab es zu Luthers Zeit nicht; Gebildete unterhielten sich auf Latein, und Ungelehrte aus so verschiedenen Gegenden wie Hamburg und München konnten sich – wenn sie sich überhaupt trafen – kaum verständigen. Luthers Übersetzungswerk ist damit auch ein bis heute wirkmächtiges Bildungswerk (und sehr zu hoffen ist, daß innerhalb wie außerhalb der Kirchen sich wieder mehr Menschen um Bildung und Freude an der Sprache bemühen). Bildung war dem Reformator überhaupt eine Herzensangelegenheit, so trat er für eine allgemeine Schulpflicht ein.

Den außergewöhnlichen Erfolg konnte Luthers Übersetzung nur durch den kurz vorher erfundenen Buchdruck haben. Das machte Bücher zwar noch nicht billig: der handwerkliche Aufwand einer Druckerei war groß, Papier war teuer, Buchbinderei aufwendig. Aber erheblich günstiger als in Zeiten der Skriptorien waren die gedruckten Bücher doch, und Auflagen von mehreren hundert, ja von über tausend Stück waren kein Ding der Unmöglichkeit mehr.

Urheberrechte gab es noch nicht, und gegen Raubdrucke war Luther machtlos – es hat sich wohl kaum einer die Warnung an die Buchdrucker zu Herzen genommen.

DEr selbige verfluchte Geitz / hat vnter allen andern Vbeln / so er treibt / sich auch an vnsere Erbeit gemacht / darin seine bosheit vnd schaden zu vben. Denn nach dem vns allhie zu Wittemberg / der barmhertzige Gott seine vnaussprechliche gnade gegeben hat / Das wir sein heiliges Wort / vnd die heilige Biblia hell vnd lauter in die deudsche Sprache bracht haben / Daran wir (wie das ein jglicher Vernünfftiger wol dencken kan) treffliche grosse Erbeit (doch alles durch Gottes gnaden) gethan.
SO feret der Geitz zu / vnd thut vnsern Buchdrückern diese schalckheit vnd büberey / Das andere flugs balde hernach drücken / Vnd also der unsern Erbeit vnd Vnkost berauben zu jrem Gewin / Welchs eine rechte grosse öffentliche Reuberey ist / die Gott auch wol straffen wird / vnd keinem ehrlichen Christlichen Menschen wol ansteht. Wiewol meinet halben daran nichts gelegen / Denn ich habs vmb sonst empfangen / vmb sonst hab ichs gegeben / vnd begere auch dafur nichts / Christus mein HErr hat mirs viel hundert tausentfeltig vergolten.
ABer das mus ich klagen vber den Geitz / Das die geitzigen Wenste vnd reubische Nachdrücker mit vnser Erbeit vntrewlich vmbgehen. Denn weil sie allein jren Geitz suchen / fragen sie wenig darnach / wie recht oder falsch sie es hin nachdrücken / Vnd ist mir offt widerfaren / das ich der Nachdrücker druck gelesen / also verfelschet gefunden / das ich meine eigen Erbeit / an vielen Orten nicht gekennet / auffs newe habe müssen bessern. Sie machens hin rips raps / Es gilt gelt. So doch (wo sie anders rechte Drücker weren) wol wissen vnd erfaren solten haben / Das kein vleis gnugsam sein kan in solcher Erbeit / als die Drückerey ist / Des wird mir Zeugnis geben / wer jemals versucht hat / was vleisses hie zugehöret.
DERhalben / ob jemand diese vnser newe gebesserte Biblia fur sich selbs / oder auff eine Librarey begert zu haben / der sey von mir hiemit trewlich gewarnet / das er zusehe / was vnd wo er keuffe / vnd sich anneme vmb diesen Druck der von den vnsern corrigirt wird / vnd hie ausgehet. Denn ich gedencke nicht so lange zu leben / das ich die Biblia noch ein mal müge vberlauffen. Auch ob ich so lange leben müste /bin ich doch nu mehr zu schwach zu solcher Erbeit.
VND wündsche das ein jglicher bedencken wolt /das nicht leichtlich jemand anders solcher ernst sey an der Biblia / als vns allhie zu Wittemberg / als denen zum ersten die gnade gegeben ist / Gottes wort wider an den tag vngefelscht / vnd wol geleutert / zubringen. Hoffen auch / vnser Nachkomen werden in jrem nachdrücken / eben den selben vleis dran wenden / Da mit vnser Erbeit rein vnd völlig erhalten werde.

Ein Jammer, daß dieser kluge und tatkräftige Mann, der zunächst das Judentum so ernst nahm, sich später (vielleicht aus Enttäuschung darüber, daß die Juden nicht reihenweis konvertierten) zu einem so ungezügelten Haß auf die Juden hinreißen ließ. Das ist ein Punkt, den ich durchaus nicht verstehe – und für den ich auch kein Verständnis will. Aber trotz dieses furchtbaren Charakterfehlers kann ich nicht anders, als den Reformator, den Dichter, Musiker und Übersetzer zu achten.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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5 Antworten zu Einem Augustiner zu Ehren

  1. theomix schreibt:

    Eine sehr schöne Würdigung. Seine Leistung für die deustche Sprache steht auch für mich an erster Stelle, unumstritten. Theologisch sind da auch Grunderkenntnisse für mich, hinter die es kein Zurück gibt.
    Aber sonst hat er ja verbal alles niedergemacht, was ihm in die Quere kam, und das finde ich äußerst unangenehm. Unflätig. Je älter er wurde, desto schlimmer wurde es. Kein Verständnis habe ich auch hier.

  2. Bettina schreibt:

    Luther… ja, man sollte ihn in der Gesamtheit betrachten. Eingebunden in der Betrachtung der Zeit. Hatte ihn mit Thomas Müntzer in der Woche 44 auf meinem Blog…
    http://rezitante.wordpress.com/2009/11/01/munzer-versus-luther-und-umgekehrt/

    Unflätig, unangenehm – nein, ist er mir nicht. Doch die Zeit in der er lebte, schien mir unflätig und unangenehm.
    Ja, es fällt auf, dass seine späten Schriften verbissen, geradezu boshaft sind.
    Ich nehme das zur Kenntnis, muss mir aber den Inhalt nicht zu eigen machen.
    Luther ist nicht der einzige Mensch, der durch Alter und Krankheit verbittert und boshaft wurde. Ärzte haben bestimmt auch einen schönen langen lateinischen Namen für solche Zustände.
    Die Welt ist voller Fehler und Fehlverhalten, doch scheinen mir proportional die lutherischen Bosheiten überbetont zu werden. Kaum einer ist in der Lage zu schreiben, in der Jugend so, im Alter dann, krank und verbittert anders…
    Ich bin froh, dass Du es kannst Claudia.

  3. Claudia schreibt:

    Dank Euch beiden fürs Lesen und Kommentieren!
    Bettina, das ist ein hochinteressanter Link – und zugleich stimmt es traurig, wie da zwei kluge und fromme Menschen aufeinander herumhacken, statt in einen fruchtbaren Dialog zu treten.

  4. strabo schreibt:

    Servus, Claudia.
    Es muss sein…! Also wieder ein elegisches Distichon unter dem Lutherbildnis von Lucas Cranach:

    Aetherna ipse suae mentis simulachra Lutherus
    exprimit, at vultus cera Lucae occiduos.

    Das ewige Abbild seines Geistes bringt hier Luther selbst
    zum Ausdruck, aber die hinfälligen Gesichtszüge das Wachs des Lukas.

  5. Claudia schreibt:

    Hätt ich den Strabo nicht unter den fleißigen Lesern,
    wäre mein Tagebuch nicht einmal halb so gut.

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