Der Denker des Abendlandes

Augustinus

Vor 1655 Jahren – 41 Jahre nach der Legalisierung des Christentums – wurde Augustinus von Hippo geboren.

Ich tue mich in mancher Hinsicht schwer mit diesem Menschen. Daran ist nicht sein in jungen Jahren sehr liederlicher Lebenswandel schuld – den er bereute -, sondern seine so felsenfeste wie wirkmächtige Höllenlehre, die ewige Strafe für zeitliche Vergehen annimmt, seine Unterschätzung der Weiblichkeit (der er nur einen biologischen Sinn zugesteht), und in noch größerem Maße sein hochmütiger Antijudaismus.

Nichtsdestoweniger war er ein scharfer Denker, der Glauben und Logik verband und sich zeitlebens um Erkenntnis mühte. Damit ist der Kirchenvater der Kirche ein gutes Vorbild – dies alles soll sie tun, und damit das gelingt, hat sie sich (als Organisation ebenso wie in jedem einzelnen Mitglied) immer wieder diesen augustinischen Rat zu vergegenwärtigen:

dilige et quod vis fac – Liebe und tu, was du willst.

In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8

Also erst einmal lieben – das heißt, den anderen ernst nehmen und sein Bestes wollen -, und dann tun, was man auf dieser Grundlage wollen kann: eine bessere Lebenshaltung ist nicht denkbar.

Zuletzt noch mein Lieblingszitat aus den Confessiones – das mir eine beständige Mahnung ist, wenn ich mich wieder mal nicht danach richte:

optimus minister tuus est, qui non magis intuetur hoc a te audire quod ipse voluerit, sed potius hoc velle quod a te audierit

zu Deutsch:

Dein bester Diener ist nicht, der lieber von dir zu hören begehrt, was er selbst will, sondern der eher das will, was er von dir hört.

Confessiones 10,37

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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7 Antworten zu Der Denker des Abendlandes

  1. strabo schreibt:

    Servus, Claudia.
    Hier die Inschrift des Freskos in für uns lesbarer Form:

    Diversi diversa patres, sed hic omnia dixit
    Romano eloquio mystica sensa tonans.

    = Jeweils Verschiedenes haben die Väter gesagt, aber dieser alles, indem er in der Sprache der Römer mystisch Gemeintes mit Donnerworten verkündete.

    Beispiele für solcher Donnerworte brachtest du bereits.

    🙂

  2. Claudia schreibt:

    Tausend Dank, Strabo!

  3. strabo schreibt:

    Ergänzung:
    Es handelt sich bei den beiden Versen übrigens um ein elegisches Distichon.

  4. theomix schreibt:

    Danke für diese erinnerung! Augustinus macht es einem nicht einfach. Das war schon zu seinen lebzeiten so 😉

  5. alipius schreibt:

    Hey! Mein Heiliger Ordensvater wird zitiert! Danke! Liest Du grade die Confessiones oder flog Dir das Zitat nur so zu?

  6. Claudia schreibt:

    @Theomix: Einfach wahrlich nicht. Allerdings durchaus spannend.
    @Alipius: Ich habe die Confessiones vor ziemlich langer Zeit gelesen – im Original, jawoll! und mit graduell immer weniger Wörterbuchbedarf, je weiter ich kam. Und dies Zitat habe ich mir damals sofort herausgeschrieben, auswendig gelernt und in meinem Herzen bewegt.

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