carpe diem!

Horaz

Vor 2017 Jahren starb der Dichter, dem wir eines der meiststrapazierten Zitate verdanken – und wahrlich noch erheblich mehr an guter Literatur.

Eine märchenhafte Karriere machte der Mann mit den Segelohren (sein Beiname Flaccus, Schlappohr, läßt ausgeprägte Ohrwascheln vermuten). Sein Vater war als Freigelassener wohlhabend genug geworden, seinen klugen Sohn in Athen studieren zu lassen. Die schon berühmten Dichter Vergil und Varius bemerkten sein Talent und stellten ihn dem Kunstförderer Mæcenas vor, der den jungen Mann sehr schätzte und ihm ein Landgut spendierte, in dem Horaz sehr fleißig schrieb.
Das zum geflügelten Wort gewordene Zitat pflücke den Tag stammt aus folgendem reizenden Gedicht, in dem er seine Freundin vor dem abergläubischen Vertrauen auf Horoskope warnt:

tu ne quæsieris – scire nefas -, quem mihi, quem tibi
finem di dederint, Leuconoë, nec Babylonios
temptaris numeros! Ut melius, quidquid erit, pati,
seu pluris hiemes seu tribuit Iuppiter ultimam,
quæ nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum: sapias ! vina liques et spatio brevi
spem longam reseces! Dum loquimur, fugerit invida
ætas: carpe diem, quam minimum credula postero!

zu Deutsch:

Frag nicht, Leukonoë – Wissen ist Frevel -,
was für ein Ende mir oder dir
zugedacht haben die Götter; versuche
auch Babyloniens Sternkunde nicht.
Ist es doch besser, was kommt, zu ertragen,
ob es noch viele Winter sind, ob
Jupiter uns diesen letzten gewähre,
der an dem widerständgen Geklüft
schon bricht die Kraft des Thyrrenischen Meeres.
Weise sei! Klär den Wein und bemiß
auf eine kürzere Spanne die lange
Hoffnung! Es flieht die neidische Zeit,
während wir sprechen: Pflücke den Tag,
traue so wenig als möglich dem Morgen!

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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Eine Antwort zu carpe diem!

  1. theomix schreibt:

    Eine gute erinnerung. In der Oberstufe gab es die Satire I,9. Unvergessen, irgendwie…

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