Seltsame Vorwürfe

Weil ich mich über eine schlechte kirchenfeindliche Karikatur nicht über Gebühr errege, wurde mir kürzlich implizit braunes Mitläufertum vorgeworfen. Die Begründung: Wenn ich mich darüber nicht aufrege, dann hätte ich mich über antisemitische Karikaturen der 20er und 30er Jahre auch nicht aufgeregt.
Im Zusammenhang mit jenem Vorwurf mußte ich auch noch eine Art Aufrechnung lesen, wer schlimmer war in der Nazizeit, Protestanten oder Katholiken. Du lieber Himmel – hilfts der Wahrheit vielleicht auf die Beine, wenn wir ausrechnen, Angehörige welcher Konfession in welcher Zeitspanne mehr gesündigt haben? Sind die einen weniger erlösungsbedürftig als die anderen, und die wiederum weniger als die noch ganz anderen?

Solche Momente lassen mir die Kirche, der ich angehöre und aus deren Reihen diese absurden Anwürfe kamen, nicht als mit besonderer Gnade begabt erscheinen. Kurz gesagt: Was ich da von Katholiken lese, wetteifert in der Dummheit und Arroganz mit dem, was ich von aggresiv-atheistischer Seite über Katholiken (und andere Konfessionen und Religionen) lese. Wenn es so weitergeht, braucht es keine Atheisten, um die Kirche zu zerstören – die Christen können das ganz alleine.

Ich wäre gern Mitglied einer Kirche, die logisch denkt wie Augustinus und wie Paul Tillich, die liebt wie Thérèse von Lisieux und wie Paul Gerhardt, tapfer ist wie Karl Leisner und Dietrich Bonhoeffer. Stattdessen bin ich Mitglied einer Kirche, in der einige Mitglieder zur Bildungsferne fast ebenso viel beitragen wie ihre Gegner, die zwischen Engstirnigkeit und laissez-faire schwankt und die gute Eigenschaften gern der eigenen und schlechte der anderen Konfession zuschreibt. Ich bin sicher, daß ich dies, wäre ich Mitglied eines anderen Teils der Kirche, ebenso formulierte.

Dankbar bin ich dafür, kluge, geradlinige und aufrichtige Menschen verschiedener Konfessionen und konfessionsloser Überzeugungen zu meinen Freunden zählen zu dürfen. Das gibt Hoffnung und macht die adventlichen Tage des Wartens heller.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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4 Antworten zu Seltsame Vorwürfe

  1. Violine schreibt:

    Amen. Das Gekloppe der Christen untereinander ist unerträglich.

    Vielen Dank übrigens, ich habe mir sehr gefreut!

  2. petersemenczuk schreibt:

    Wenn Christus heute im 21-ten Jahrhundert, unter uns wandeln würde in Knechtgestalt und
    uns die einzig wahre heil bringende Lehre und Theologie Gottes verkünden würde, die mit Ihm und dem Heiligen Geist aus dem Schoss des Vaters und Himmel auf die Erde und zu allen Menschen gekommen ist, welche Religion, Amts-Kirche, Tempel,Gemeinde und Sekte, würde Ihn wohl verfolgen in der Herzenblindheit?

    Alle diejenigen mit aller Gewissheit, die aus ihrer toten und erstarrten Religion, ein Gewerbe und Krämerladen gemacht haben um ihren Mitgliedern und Zuhörern, gleich wie Judas der Verräter, ihnen das Fell des Irrtums
    über ihre alte Natur und Ohren zu ziehen mit fadenscheinige Argumente.
    Christus ist allen Menschen nahe als das innere Licht ,Geist und wahre Wort Gottes, und wer um an IHN glauben zu können, sich an die Mietlinge und geistige blinde Blindenleiter sich wendet, der fällt mit ihnen in die Grube sagt Christus.

  3. Claudia schreibt:

    Daß ich mich über bestimmte Strömungen in den Kirchen ereifere, liegt gerade daran, daß ich die Kirchen – katholische wie evangelische – als grundsätzlich gut ansehe. Ich wünsche nichts mehr als eine Kirche, die sich selbst wieder ernst nimmt, d.h. Schwärmertum, Unduldsamkeit und Unwissenheit außen vor läßt.
    Was übrigens Jesus täte, wenn er in Menschengestalt da wäre, maße ich mir nicht an, zu wissen. Sicher bin ich nur, daß es das Richtige wäre.

  4. aebby schreibt:

    Ohne zu wissen um welche Karikatur es ging kann ich die Dialoge danach gut vorstellen – ich befürchte ich habe schon ähnliche geführt. Ich wünsche mir eine Kirche, die einerseits ernsthaft das Handeln wieder mehr an den Inhalten orientiert anderseits sich selbst nicht ganz so ernst nimmt.

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