Alter Schwede

Viktor Rydberg

Vor 181 Jahren wurde Viktor Rydberg geboren. Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, verlor schon als kleiner Junge die Mutter und wurde bei Pflegeeltern erzogen, weil sein Vater vor Kummer begann, zu saufen.
Das Gymnasium beendete er ohne Abschluß, holte den Abschluß später nach und studierte Jura, aber auch das nicht bis zum Examen.
Eine gescheiterte Existenz? Nein – ein Professor für Kulturgeschichte an der Schwedischen Akademie. Denn dort wurde man auf den klugen, sprachgewandten Publizisten aufmerksam.
Rydberg schrieb viel, setzte sich mutig und kritisch mit dem Christentum und mit philosophischen Ideen auseinander und hatte einen beachtlichen schriftstellerischen Erfolg, auch als romantischer Dichter. Von ihm stammt ein Gedicht über einen dem großen Weltgeheimnis nachgrübelnden Wichtel; in Deutschland ist es nur in der Prosafassung von Astrid Lindgren bekannt, das heißt als sehr erfolgreiches Bilderbuch. Ich finde die Lindgrensche Fassung arg sentimental und ziehe das Original vor.

Tomte

Mittwinternacht ist bitter kalt,
die Sterne schimmern, funkeln.
Im Einödhof schläft Jung und Alt
um Mitternacht im Dunkeln.
Der Mond zieht seine Bahn ganz leis,
auf Ficht‘ und Tannen leuchtets weiß,
weiß leuchtet Schnee vom Dache.
Der Tomte nur hält Wache.

Da steht er grau am Scheunentor,
grau vor dem weißen Gleiten,
und schaut zum vollen Mond empor
schon manche Winterszeiten,
schaut nach dem Wald, dem dunklen Wall
von Ficht‘ und Tann vor Hof und Stall.
Seltsamen Rätsels Frage
ist seinem Sinnen Plage.

Er streicht die Hand durch Bart und Haar,
er schüttelt Kopf und Mütze —
„Dies Rätsel ist zu sonderbar,
bin nicht zum Raten nütze“ —
doch, wie gewohnt, in kurzer Zeit
verschwindet die Unsicherheit,
er geht, zu schaffen, sichten,
geht, Arbeit zu verrichten.

In Schuppen und in Speicher geht
er hin und prüft die Schlösser alle —
im Mondlicht träumen Kühe spät
des Sommers Träume in dem Stalle;
frei von Geschirr und Peitschenknall
und Zügel, Pålle träumt im Stall,
träumt in die Krippe gerne
sich duftende Luzerne.

Zum Stall von Lamm und Schaf sodann
geht er, die schlummern lange;
geht zu den Hühnern, wo der Hahn
stolz steht auf höchster Stange.
Und in der Hundehütte Stroh
Karo erwacht und wedelt froh,
es kennen sich die beiden
und mögen sich gut leiden.

Tomte schleicht sich endlich leis
zu des Hauses lieben Herren,
weiß schon lang, daß seinen Fleiß
alle hier im Hause ehren.
Dem Kinderzimmer naht auf Zeh’n
er sich, die Süßen anzusehn,
das darf ihm keiner stehlen,
sein größtes Glück nicht fehlen.

Den Vater wie den Sohn sah er
in den Geschlechtern allen
wie Kinder schlafen; doch woher
sind sie herabgefallen?
Geschlecht folgt auf Geschlecht, sie ziehn,
sie blühen, altern, gehn – wohin?
Das Rätsel kam zurücke
in ungelöster Tücke.

Zum Scheunenboden Tomte geht,
zum Heim, zu seiner Veste,
die oben hoch im Heuduft steht,
ganz nah dem Schwalbenneste;
zwar ist der Schwalbe Wohnung leer,
doch kommt sie frühlings wieder her,
wenn Blatt und Blume sprossen,
gefolgt vom lieb Genossen.

Dann zwitschert sie zu jeder Zeit
vom Wege, der sie führte,
doch nichts vom Rätsel, das von weit
an Tomtes Sinnen rührte.
Durch einen Spalt der Scheunenwand
Mondschein auf Männleins Bart sich bahnt,
der Strahl auf seinem Barte blitzt,
und Tomte grübelnd, sinnend sitzt.

Der Wald, die Gegend still zumal,
das Leben ist gefroren,
nur fernher braust der Wasserfall
ganz sachte in den Ohren.
Tomte lauscht, halb träumend. Weit
hört rauschen er den Strom der Zeit,
fragt, wohin er schnelle,
fragt, wo wohl die Quelle.

Mittwinternacht ist bitter kalt,
die Sterne schimmern, funkeln.
Im Einödhof schläft Jung und Alt
frühmorgens, noch im Dunkeln.
Der Mond senkt seine Bahn ganz leis,
auf Ficht‘ und Tannen leuchtets weiß,
weiß leuchtet Schnee vom Dache.
Der Tomte nur hält Wache.

© der Übersetzung: Claudia Sperlich

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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