Mal wieder ein Sonett

Meine Sonettensucht (Nebenform der gewöhnlichen Dichtsucht) hat mal wieder eine Blüte getrieben, mit der ich ein wenig prahlen muß, obwohl der Inhalt dazu nicht angetan ist.

Wenig wissend

Ein dummer Mensch bin ich, und halb verloren
in einem Leben, das bald wild, bald trübe,
in dem ich mich in Nichtigkeiten übe
und zürne allen, die mir falsch geschworen.

Nur weil ich mehr weiß als so mancher andre,
bin ich noch lang nicht klug, erst recht nicht weise,
bewege mich auf trügerischem Eise
und weiß nicht wo, wohin, wozu ich wandre.

Wie um mein Wissen Dümmre mich beneiden,
so neide ich ihr Wissen wahrhaft Klugen,
das Wissen, das mir fehlt und das ich liebe,

das keimt auf mir verschlossnen fernen Weiden,
das fällt durch meines Hirnes grobe Siebe,
das welkt in meines eignen Geistes Fugen.

© Claudia Sperlich

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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10 Antworten zu Mal wieder ein Sonett

  1. tmp schreibt:

    Du sollst nicht neidisch sein auf das Wissen anderer, sondern Dich an Deinen eigenen Leistungen erfreuen… 😉

  2. Claudia schreibt:

    Ich schaffe problemlos beides.

  3. Sylvia schreibt:

    😀

    Das ist der Weg in die vielzitierte Ganzheit, „sowohl als auch“.

    Das hast du echt gut geschrieben.

    Sylvia,
    die auf beiden Seiten des Ufers denkt, dass es auf der jeweils anderen Seite „Eigentlich“ besser sein müßte

    Ich wünsch mir ein Sonett über das Eigentliche von dir 😎

  4. theomix schreibt:

    Mal wieder gelungen…
    Versteh ich’s richtig, siehst du dich in der mitte. Ist doch gut so. Jeder mensch ist einzigartig. Das genügt als qualität, auch für die mittelmäßigen. Auch für die schlechten. Über denen Gott auch die sonne aufgehen lässt, wie auch über die anderen…

  5. Claudia schreibt:

    Dank für das Doppellob.
    Sylvia, ob ich Deinem Wunsch nachkommen kann, weiß ich noch nicht. Mal schaun.
    Theomix, ja, genau so wars gemeint – wobei es zu Zeiten vorkommt, daß ich mich erheblich unter, gelegentlich auch: erheblich über der Mitte sehe.

  6. Claudia schreibt:

    Gerade bemerkte ich einen metrischen Fehler. Der zweite Vers im ersten Terzett ist ein wenig geändert.

  7. Nils schreibt:

    Liebe Claudia,

    als Sonettdichterin legst du immer mehr zu. Auch hierin lässt sich wieder verfolgen, wie wenig man sich beim Lesen an den Reimen zu stoßen hat.
    In der Gedichtecke fehlst du, aber das brauche ich dir wahrscheinlich nicht zu sagen.

    Dann sehe ich dich eben hier. Auf bald

    Nils

  8. Claudia schreibt:

    Herzlichen Dank!

  9. Patricia schreibt:

    Das ist eine sehr gelungne Blüte mitten im Winter, die Du da getrieben hast !

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