Justitia streitet

Der Prozess gegen Yunus und Rigo steht kurz vor seinem – hoffentlich gerechten – Ende.

Heute waren die Plädoyers zu hören.
Der Staatsanwalt erging sich zunächst in einer wortreichen Darstellung, warum widersprüchliche Aussagen von Polizisten und schlampige Ermittlungsarbeit eben mal passieren können, aber nichts daran ändern, daß Polizisten glaubwürdige, gut arbeitende Leute sind, während Unsicherheiten von Entlastungszeugen klar zeigen, daß auf diese Zeugen kein Verlaß ist.

Die Tatsache, daß mehrere Photos und Zeugenaussagen auf eine andere Tätergruppe verweisen, konnte er nicht völlig leugnen und strickte daraus folgenden angeblichen Tathergang:
Yunus und Rigo haben zwar tatsächlich die Brandflasche weder bei sich gehabt noch vor Ort gefüllt und gezündet. Jedoch sei die ihnen bis dahin unbekannte zweite Tätergruppe, als die beiden Angeklagten gerade zur Sparkasse gehen wollten, auf sie zugekommen und hätte ihnen eine Brandflasche gegeben, die die beiden Angeklagten entzündet und geworfen hätten.

Ferner sei, so der Staatsanwalt, die Tatsache, daß keine Spuren von Brandbeschleuniger auf der nach langem Zögern doch teilweise untersuchten Kleidung feststellbar waren, unter Umständen darauf zurückzuführen, daß Benzin eben hochflüchtig sei und nach wenigen Stunden (sic!) nicht mehr auf betropfter Kleidung feststellbar.
(Hierzu etwas aus meiner eigenen Erfahrung: Ich hatte vor einigen Jahren bei ungeschicktem Betanken einer Vespa meine Kleidung eingesaut; sie stank noch nach dem zweiten Maschinenwaschgang intensiv.)

Weitere Mängel (um es vornehm zu sagen) der Ermittlungsarbeit wie unterschobene belastende und unterschlagene (bestenfalls verschlampte) entlastende Beweismittel wurden schöngeredet.
Der Staatsanwalt glaubt felsenfest an die unbedingte, untäuschbare Beobachtungsgabe und Wahrhaftigkeit der Polizei. Er plädierte auf Freiheitsstrafen von drei Jahren und neun Monaten für Rigo und vier Jahren und neun Monaten für Yunus.

Die Verteidigung legte daraufhin in ungewöhnlich scharfen Plädoyers die nach Aktenlage beweisbaren Mauscheleien und Vertuschungsversuche der Polizei und der Staatsanwaltschaft dar. Die verschiedenen Versionen der polizeilichen Aussagen wurden verlesen, ebenso die in den wesentlichen Punkten übereinstimmenden Entlastungsaussagen. Hierzu wurde besonders hervorgehoben, daß die Entlastungszeugen ausnahmslos ungefragt eingestanden, in dem allgemeinen Chaos – und zumal beim Anblick einer brennenden Frau! – abgelenkt gewesen zu sein. Übereinstimmend sagen sie nur, daß der Werfer sehr hellblondes, kurzes Haar hatte – was weder für Yunus noch für Rigo zutrifft.
Die Angeklagten hatten – im Gegensatz zur Polizei – keine Möglichkeit der Absprache. Beide skizzierten den Ablauf des Geschehens übereinstimmend: Ihr Schlendern am Rand der Menge; die Gespräche mit verschiedenen Bekannten, die ebenfalls als Schaulustige dort waren; Yunus‘ wiederkehrende Äußerung, er wolle sich wegen seiner Bewährung auf jeden Fall abseits halten, er wolle keinen Ärger mit der Polizei; schließlich ihren Aufenthalt am Rande des Geschehens und ihren Vorsatz, bei der nahen Sparkassenfiliale Geld zu holen, und ihre Festnahme. Die Skizzen, die sie anfertigten, stimmen ebenfalls in Einzelheiten überein.
Die von den ermittelnden Polizisten angefertigten Skizzen stimmen nicht einmal in groben Zügen überein. Sie wollen durch die Reihe auf den Absperrgittern Sitzenden und Stehenden hindurch gleichzeitig den Tathergang und die brennende Frau, die zu Hilfe Eilenden und etwa fünf Minuten später den Sanitäter lückenlos beobachtet haben. Jedoch ergibt sich, daß sie bei der Verfolgung und Festnahme von Yunus und Rigo einen Weg von etwa 50 Metern in ungefähr fünf Minuten zurückgelegt haben. Beide Polizisten sagen aus, die Gesichter der Angeklagten während des Tathergangs nicht gesehen zu haben.

Die Verteidigung hob auch hervor, daß es der Staatsanwalt obliegt, unparteiisch alle be- und entlastenden Beweise zu prüfen (was laut Aktenlage nicht geschehen ist). Einhellig plädierte die Verteidigung auf Freispruch. Auch ließ sie keinen Zweifel daran, daß eine Untersuchung der polizeilichen und staatsanwaltlichen Arbeitsweisen notwendig ist.

Der Staatsanwalt quittierte jedes Plädoyer mit einem demonstrativ-spöttischen Dauergrinsen und lässigem Spielen mit dem Kugelschreiber – eine in meinen Augen proletenhafte und der Würde des Ortes unangemessene Unhöflichkeit.

Rigos Eltern als seine gesetzlichen Vertreter kamen auch zu Wort; die Mutter schilderte ihre Sorge und Angst während der überlangen Untersuchungshaft und dankte allen, die den Prozess beobachten und darüber berichten und besonders den Anwälten. Der Vater schloß sich ihr an; Rigo selbst sagte nur kurz, er sei zornig auf die Leute, die ihm dies angetan haben, und dankbar gegenüber den vielen Freunden, Prozeßbeobachtern und dem Rechtsbeistand.

Yunus sprach in sehr wohlgesetzten Worten davon, wie mißtrauisch er gegenüber unserem Rechtssystem geworden sei und wie belastend die Zeit im Gefängnis gewesen sei, sprach von Stellenkürzungen, überlastetem Personal im Justizvollzug und mehrfach beobachteten Versuchen von Mithäftlingen, dem Elend eines fast ganztägigen Einschlusses ohne Beschäftigungsmöglichkeit durch Selbstverletzung oder Selbsttötung zu entgehen.
Wie schon die Anwälte, sagte auch Yunus, daß er Sorge habe um Angeklagte, die nicht so liebevolle Familien und zahlreiche Freunde, keine Entlastungszeugen und keine tüchtigen Anwälte haben – und doch unschuldig sind. Es ist durchaus möglich, daß Menschen mit weniger klugen und guten Freunden auch in Deutschland in größter Gefahr sind, aufgrund von Falschaussagen im Gefängnis zu landen.

Morgen wird das Urteil gesprochen, und obwohl es nur auf Freispruch lauten kann, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, habe ich große Sorgen, daß es eben nicht mit rechten Dingen zugehen wird – was in diesem Falle ja auch eine völlig neue Entwicklung wäre.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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12 Antworten zu Justitia streitet

  1. aebby schreibt:

    ich habe geradezu Angst vor dem möglichen Ausgang des Prozesses …

  2. Claudia schreibt:

    Ich auch. Morgen früh geht es weiter – und ich werde berichten, sobald ich kann.

  3. daniel schreibt:

    man kann nur hoffen das es einen Freispruch gibt aber sicher ist leider gar nichts das Verhalten des Staasanwalts als proletenhaft zu bezeichnen beleidigt jeden Proleten das ist das Verhalten eines den Klassenstaat verteidigenden Arschloches und nicht das eines Proleten (Arbeiters)

  4. Claudia schreibt:

    Ich mache einen Unterschied zwischen Proletarier (Arbeiter) und Prolet (altväterlicher Ausdruck für in spezifischer Weise ungesitteten Menschen). Es liegt mir fern, redlich arbeitende Menschen beleidigen zu wollen. Übrigens bitte ich, von tatsächlichen Verbalinjurien abzusehen (so gut ich dergleichen verstehen kann…); damit begibt man sich nur auf das Niveau derer, die man zu kritisieren meint.

  5. Claudia schreibt:

    Richtigstellung: nicht, wie irrtümlich erst angegeben, „nur“ drei Jahre Haft für Rigo und dreieinhalb für Yunus hat die Staatsanwaltschaft gefordert, sondern, wie ich oben richtiggestellt habe, noch erheblich mehr. 😦

  6. Bettina schreibt:

    naja, der Staatsanwalt ist, wie der Name sagt, Vertreter des Staates. Ätzend, wenn er sich so gibt: So steht der Staat zu seinen Bürgern ?

    Das Urteil wird von einem Richter gesprochen, der alle vorgetragenen Argumente abzuwägen hat und unabhängig ist – inwieweit diese Unabhängigkeit auch seine persönliche politische Einstellung betrifft wird sich zeigen.
    Die Jungs haben noch Glück, dass sie keine Hauptschüler sind mit „problematischen“ Familienverhältnissen. Da könnten sie zwar ebenfalls nur so spaziert sein, hätten aber keine Fürsprecher.
    Yunus´Ausführungen finde ich sehr beeindruckend, ihr Inhalt ist leider nur zu wahr –
    und da gibt es tatsächlich noch Politiker, die jedem Schwarzfahrer mit dem Strafrecht kommen wollen – aber nichts für die Verbesserung der Bedingungen im Strafvollzug vorzuschlagen haben.

  7. Herr Teddy schreibt:

    Statistiken behaupten ja regelmäßig das der Extremismus in Deutschland zunimmt, vor allem neigt der linke zu mehr Gewalt. Dagegen soll jetzt ein Exempel statuiert werden und das anscheinend bei den beiden Jugendlichen auf Biegen und Brechen (der Beweismittel). Und gute Nacht, Deutschland!
    Ich bin grundsätzlich gegen Gewalt und bei einigen Gewalttaten der Vergangenheit war ich schon der Meinung das die Staatsanwaltschaft mehr hätte fordern sollen. Aber das muss man (leider) aktzeptieren, dass z.B. ein Sexualstraftäter frei herum laufen darf obwohl ihm attestiert wurde das er allgemeingefährlich ist. Die beiden Jungs tun mir leid, die müssen sich ja fühlen als wären sie in der Türkei inhaftiert!

  8. theomix schreibt:

    Justitia hat die Augen verbunden, nicht den Mund. Lass die Korken knallen und gib ihr ein Glas ab! http://www.sueddeutsche.de/politik/305/501559/text/

  9. Herr Teddy schreibt:

    Alles andere wäre auch ein Schlag ins Gesicht der Justitia gewesen! Prosit!

  10. aebby schreibt:

    Erleichterung macht sich breit … in dubio pro reo … es wäre eine Katastrophe gewesen, wenn es bei der Beweislage zu einer Verurteilung gekommen wäre.

  11. Pingback: Justitia siegt! « Mein Leben als Rezitatorin

  12. Claudia schreibt:

    Dank für Euer Mitlesen und Mitfreuen!

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