Justitia siegt!

Endlich ist ein überflüssiger, tendenziös geführter, langwieriger Prozess zu einem glücklichen Ausgang gekommen – Yunus und Rigo wurden heute freigesprochen.

Bei aller Freude und Erleichterung bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
In der Urteilsbegründung wurde im wesentlichen das Plädoyer des Staatsanwaltes in anderen Worten wiederholt (wenn auch ohne dessen wahrhaft abenteuerliche Konstruktion des Tatherganges). Es ist ein Freispruch aus Mangel an Beweisen, obwohl dem Gericht reichlich entlastende Beweise vorlagen. Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft wurden in langer Rede sorgfältig reingewaschen.
Kein Wort wurde geäußert über die nach Jugendgerichtgsgesetz § 72 (5) unzulässige Verzögerung der Verhandlung. (Ich erinnere: Der Tatvorwurf betrifft ein Geschehen am 1. Mai 2009; die Verhandlung begann am 1. September 2009; vom 1. Mai bis zum 17. Dezember blieben Yunus und Rigo in Untersuchungshaft.) Kein Wort verlor die Richterin an Yunus und Rigo persönlich; ihre vorbildliche Haltung während und nach der Haft wurde nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt.

Die Forderung der Verteidigung nach Aufklärung der mit diesem Prozeß zusammenhängenden sonderbaren Vorkommnisse wurde auf diese Weise beiseitegewischt.

Gefreut hat mich auch der Anblick des Oberstaatsanwaltes, der die anderthalb Stunden von der Urteilsverkündung bis zur Schließung des Verfahrens keinmal lächelte. Ich bin gewiß kein besonders rachsüchtiger Mensch, aber sein Dauergrinsen war mir auf die Nerven gefallen, und ich gönne ihm seinen Ärger.

Ich hoffe sehr, mich gemeinsam mit anderen Prozeßbeobachtern auch künftig auf meine Art für Gerechtigkeit in Gerichten einsetzen zu können.
Yunus und Rigo wünsche ich alles Gute.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Justitia siegt!

  1. theomix schreibt:

    ich habe die Süddeutsche online als RSS. Die berichten nichts von dem, was deinen nachgeschmack ausmacht. Also rein positiv, eine schlappe für die justiz und die polizei, das ist der tenor…
    Vielleicht habe ich’s übersehen: wie bist du an die geschichte herangekommen?

  2. Andreas schreibt:

    Man gewinnt kein Vertrauen zurück, indem man offensichtliche Fehler leugnet und sich und andere für unfehlbar erklärt.
    Das Gericht hat immerhin mehr Rechtsstaatlichkeit bewiesen als ein gewisses Gericht in Antalya, mehr aber auch nicht. Es wurde hier unendlich viel zerstört, nicht nur bei den beiden Jungs, sondern auch bei zahllosen Beobachtern, Helfern und Freunden. Vielleicht sollte man Anzeige erstatten gegen den Staatsanwalt, auch wenn es nur symbolische Bedeutung hätte.

  3. Claudia schreibt:

    Durch eine gemeinsame Bekannte war ich sehr früh über den Fall informiert und habe mich über die Yunus-Rigo-Seite im Netz sowie über die Presse auf dem Laufenden gehalten – und indem ich, wie berichtet, bei einigen Verhandlungen war.
    Plädoyer des Staatsanwaltes und Urteilsbegründung waren einander auffallend ähnlich; die Anwälte meinten hinterher, was mir mein Laienverstand auch schon gesagt hatte: zu dieser Begründung hätte eigentlich ein Schuldspruch gehört.
    Keiner der durch Beweise begründeten Vorwürfe der Verteidigung gegen Polizei und Staatsanwalt wurde ernstgenommen; stattdessen bügelte die Richterin in der Urteilsbegründung alle Ungereimtheiten glatt. Auch ließ sie keinen Zweifel daran, daß sie von der Schuld der beiden immer noch überzeugt ist. Geärgert hat mich zudem ihr pauschaler Vorwurf, die Presse und mehr noch die Netzöffentlichkeit haben in unzulässiger Weise über diesen Fall berichtet.
    Natürlich bin ich froh, daß das Gericht trotzdem zum einzig richtigen Urteil gefunden hat, und zugestanden sei der vorsitzenden Richterin, daß sie den Grundsatz „in dubio pro reo“ am Ende doch anerkannte. Aber die für die genannten – und bewiesenen – Ungereimtheiten Verantwortlichen sind nicht zur Rechenschaft gezogen worden.

  4. Bettina schreibt:

    …und mehr noch die Netzöffentlichkeit haben in unzulässiger Weise über diesen Fall berichtet.

    Das ist ein Tenor, der seit der Chinaolympiade, also unabhängig von diesem Fall, schon in Äußerungen von Politikern zu bemerken war und der dann populistisch in Aktionen gegen Kinderpornografie im Internet eingekleidet wurde. Unzulässige Weise, was meint man den damit? Dass die Leute ihre Eindrücke zu dem Fall wiedergaben? Unzulässig ? In Deutschland 2010 ?

  5. Claudia schreibt:

    Das Gericht sah seine Würde beeinträchtigt durch die Berichterstattung in der Presse und auf privaten Netzseiten. Verstehen kann man das nicht – wenn man sich die Garantien der Presse- und Meinungsfreiheit vergegenwärtigt.

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