Narrenspossen

Obwohl ich mich gern verkleide, bin ich keine besondere Freundin der Fastnacht – deshalb, weil heute das fastnächtliche Remmidemmi so institutionalisiert ist; Fastnachtsvereine samt dazugehöriger Meierei sind eine sehr ernste Angelegenheit, über die es nichts zu lachen gibt, und die Bütt ist ein Hort altväterlichen Autoritätsgehabes. Das Lachen vergeht mir bei verordneter Lustigkeit.
Dagegen ist Kinderfasching, von den Organisatoren stadtweiter Umzüge mit industriell gefertigten Narrenkappen eher belächelt, gerade das fröhliche, spielerische Fest, das ich bei den so todernst kostümierten Besäufnissen vermisse. Kinder dürfen einen Tag lang vom braven Schüler zum Räuberhauptmann, vom unsportlichen Moppelchen zur Ballerina mutieren, dürfen die Erwachsenen ein wenig ärgern, dürfen vor den Augen des Schulzahnarztes Schokolade essen und sich einer kurzen Macht freuen: eine gute Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben mit den sonst so übermächtigen und oft schwierigen Erwachsenen und – ähnlich Halloween – eine Art Saturnalien für die Kleinen.
Auch wenn ich annehme, daß der Rollentausch der Saturnalien in christlicher Zeit tradiert und auf den Fasching übertragen wurde, haben die „tollen Tage“ wohl noch einen tiefergehenden Sinn. Auf den Internetseiten der hessischen Christus-Gemeinde Schwarzenborn fand ich einen hochinteressanten, in ökumenischer Zusammenarbeit entstandenen Artikel mit dem Titel Fastnacht für Christen?. Die Autoren erklären, im Mittelalter sei die Faschingszeit eine Darstellung der verkehrten, weil sündigen Welt gewesen, die mit dem ernsten Ritus des Aschermittwoch als Einleitung der Umkehr endete. Attribute des Narren – nicht des klugen Satirikers am Königshof, sondern des Toren! – sind die ihn selbst darstellende Marotte und der Spiegel: Der Narr sieht nur sich selbst.
Mit der Fastenzeit endet die Selbstbespiegelung.

Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin. Befürworterin der Vernunft, aber nicht in Überdosierung.
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3 Antworten zu Narrenspossen

  1. theomix schreibt:

    (Mal wieder) gute Gedanken, gut lesbar aufbereitet…

  2. Nils schreibt:

    Liebe Claudia,

    ich persönlich habe vor allem Schwierigkeiten mit dem Karneval als verordneten Frohsinn. Übrigens fehlst du bei den Onlineromanern, vor allem in den Gedichten. Ich hab keinen mehr zum Fachsimpeln und den Haderlumpen wird so ohne Ziel ganz langweilig.

    Dein Blogeintrag hat mich bewegt, das hier mal wieder auf die Tagesordnung zu bringen.

    http://www.nexusboard.net/showthread.php?siteid=3961&threadid=303608

    auf bald

    Nils

  3. Claudia schreibt:

    Dank für den Hinweis auf Dein Werk! Wie von Dir gewohnt, sprachgewaltig.

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