Der Anwalt der Hexen

Friedrich von Spee

Vor 419 Jahren wurde der von mir hochverehrte Friedrich Spee von Langenfeld geboren; aus diesem Anlaß heute etwas Längeres.

Durch Tätigkeit seines Vaters als kurfürstlich-erzbischöflicher Küchenmeister und Hofschenk erfuhr er früh von Glaubenskämpfen und Kriegswirren.
Mit zehn Jahren wurde er im Jesuitengymnasium Tricoronatum in Köln eingeschult, wo er auch wohnte. Er war dort in mehreren Jugendorganisationen aktiv, bald schon als führendes Mitglied.
1610 begann sein Noviziat in der Rheinischen Provinz der Societas Jesu in Trier. Einige der Patres waren Universitätsdozenten für Moraltheologie, Philosophie und Exegese. Neben diesen ernsthaften Wissenschaftlern gab es seit Ende des 16. Jh. gerade bei den Trierer Jesuiten maßgebliche Beteiligung an Hexenprozessen. Der ehemalige Jesuitenschüler Weihbischof Peter Binsfeld veröffentlichte ein fanatisches Traktat Vom Bekanntnuß der Zauberer und Hexen und löste damit eine große Hexenangst aus.
1612 legte Spee seine ersten Gelübde ab und begann die Studien als Scholastiker. Von den Ordensoberen nach Würzburg geschickt, studierte er dort Philosophie.
In Fulda gab es im gleichen Jahr massenhafte Hexenverbrennungen.

1615 war er Magister artium. Die übliche Ordensausbildung sah nun mehrjährige Jugendarbeit in einem Kolleg vor. Spee wurde in das Kolleg zu Speyer versetzt. Dort war er ein beliebter und fähiger Lehrer.
1617 wurde er nach Worms versetzt. Auf ein Rundschreiben mit Bitte um Engagement in der Missionierung Indiens und Japans hin stellte Spee dem Generaloberen Pater Vitelleschi ein Gesuch zur Mission in Indien:

Indien, mein Vater, und jene fernen Länder haben mir das Herz verwundet… so bitte, ja flehe ich kniefällig und um der Liebe Christi willen mit diesem Briefe, daß mir erlaubt werde, dorthin zu ziehen, wo mein Herz längst schon ist…

Im folgenden Jahr brach der 30jährige Krieg aus. Ein halbes Jahr lang wartete Spee auf Vitelleschis Antwort – dann wurde sein Gesuch abgelehnt mit der Begründung, man brauche die Societas Jesu in Deutschland, um vom wahren Glauben Abgefallene in den Schoß der Kirche zurückzuführen.

Immerhin wurde er zum Studium der Theologie zugelassen und nach Mainz versetzt, das über eine renommierte Fakultät verfügte. Spee trat als Autor von erbaulichen Schriften und Chorälen in Erscheinung.

1622, im Jahr der Heiligsprechung des Ordensgründers Ignatius von Loyola, wurde er zum Priester geweiht. Ein Jahr darauf schloß er sein Studium ab, arbeitete als Philosophieprofessor in Paderborn und betätigte sich als Katechet in der Jugendseelsorge.
Er schloß Freundschaft mit gebildeten protestantischen Adligen, wobei ihm (aufgrund der festen Überzeugung seiner Zeit, die Angehörigen der jeweils anderen Konfession seien Höllenkandidaten) wichtig war, seine Freunde zum Katholizismus zurückzuführen – durch Gespräch statt durch Gewalt.
Wegen seines Freimuts und seiner Klugheit kam es zu Spannungen mit dem Paderborner Rektor Pater Hermann Bavingh.
In Paderborn brach die Pest aus – die dritte Pestepidemie in Spees Lebenszeit; das Kolleg wurde zeitweilig geschlossen. Die Societas Jesu bildete Pfleger zur Versorgung der Lazarette aus. Dazu waren meist Sprachkenntnisse nötig wegen der verschiedenen Sprachen der Landsknechte. Vitelleschi versprach Spee ein Ausbildungsjahr in Mailand, das Versprechen wurde jedoch vom neuen Provinzial Bavingh zurückgenommen.
1626 wurde Spee zum Tertiat nach Speyer geschickt, im Folgejahr nach Köln berufen. Hier gipfelte der Hexenwahn in der Hinrichtung der Patrizierwitwe und Postmeisterin Katharina von Henoth nach einem selbst nach damaligem Recht fadenscheinigen Prozeß.

1628 schrieb Vitelleschi an Bavingh, Spee hege

über die Armut im Orden und andere Dinge abwegige Meinungen

– wobei abwegig vermutlich als radikal zu verstehen ist. Ständige Schikanen waren die Folge; Spee durfte nicht lehren mit der Begründung, er habe seinen Mag.phil. in Würzburg und nicht in Köln erlangt.

Als der Kurfürst von Köln um einen qualifizierten Pater zur Durchführung der katholischen Reform in Peine bat, konnte Bavingh Spee auf gute Art loswerden.

Hier zeigte sich der sanftmütige und tolerante Spee in für unsere Zeit schwer verständlicher Härte: er ließ Protestanten enteignen, allerdings mit der – meines Wissens immer gehaltenen – Zusage, ihr Gut bzw. den Gegenwert wiederzubekommen, sobald sie katholisch würden. Das mag befremden, doch war Spee ein Kind seiner Zeit und war überzeugt, das ewige Heil sei nur durch die katholische Kirche zu erlangen. In diesem Gedanken befangen, meinte er sicher, er vollbringe ein Werk der Barmherzigkeit, da er ja die armen Protestanten vor der Hölle errettete! Zu seiner Ehre muß gesagt werden: auch bei Protestanten war er ein strikter Gegner von Folter und Todesstrafe.
Über seine Bekehrungswut spottete man:

Ein Pater kam nach Peine,
o Pein, o Pein, o Pein!
Bald werden Ochs und Schweine
auch gut katholisch sein!

Durch ein kurfürstliches Dekret wurde Protestanten die Mitgliedschaft im Rat der Stadt verboten. Spee wurde in der Folge bei einem Überfall schwer verletzt. Die Fahndung blieb erfolglos; es ist bis heute ungeklärt, ob es sich um ein Attentat oder schlichten Straßenraub handelte.
Fünf Monate lang wurde er in Hildesheim gesundgepflegt, anschließend zur Erholung auf dem Landgut Falkenhagen untergebracht. Seine schönsten Gedichte stammen aus dieser Zeit.

Aus Paderborn erging der Ruf an Spee als Professor der Moraltheologie. Aber kaum war er dort, beschwerte Pater Christian Lennep sich in Rom: Spee kritisierte in seinen Vorlesungen die Hexenprozesse!
Spee arbeitete hier auch als Beichtvater – und auch in Hexenprozessen. Wahrscheinlich hat er zu dieser Zeit seine zunächst anonym veröffentlichte Cautio Criminalis geschrieben. In der Vorrede heißt es:

Den Obrigkeiten Deutschlands habe ich dies Buch gewidmet; vor allem denen, die es nicht lesen werden, weniger denen, die es lesen werden. Denn welche Obrigkeit so gewissenhaft ist, daß sie sich verpflichtet fühlt, zu lesen was ich hier über die Hexenprozesse geschrieben habe, die hat bereits das, um dessentwillen das Buch gelesen werden sollte, nämlich Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt bei der Prüfung dieser Fälle. Sie braucht es darum nicht erst zu lesen und solche Eigenschaften aus ihm zu lernen. Welche Obrigkeit aber so sorglos ist, daß sie es nicht lesen will, die hat es dringend nötig, das Werk zu lesen und aus ihm Sorgfalt und Behutsamkeit zu lernen. Die es lesen wollen, brauchen es nicht erst zu tun.
Ob nun aber einer mein Buch lesen will oder nicht, so wünschte ich doch, daß jeder wenigstens die letzte „Frage“ liest und sorgfältig bedenkt. Ja, es wird sogar nicht nutzlos und gegen die Anordnung der Gedanken sein, diesen Abschnitt vor allen übrigen zuerst zu lesen.

Es folgen 51 Fragen über Hexerei und das Vorgehen dagegen, die jeweils als Kapitelüberschrift stehen. In der letzten Frage erläutert Spee den Ablauf von Verdächtigung über Gefangennahme und Folterung bis zur Hinrichtung:

1. Es ist kaum zu glauben, was es bei den Deutschen und besonders (es ist beschämend, auszusprechen) bei den Katholiken unter dem Volke für Aberglauben, Mißgunst, Verleumdung, Ehrabschneiderei, heimliches Gerede und dergleichen gibt. …
2. So kommt es, daß alle Welt schreit, die Obrigkeit solle nun die Inquisition gegen die Hexen einleiten, die man in dieser Unmenge doch nur mit den eigenen Zungen geschaffen hat.
3. Also befehlen die Fürsten ihren Richtern und Räten, mit dem Prozeß gegen die Hexen zu beginnen.
4. Die wissen zuerst nicht, wo sie anfangen sollen, weil sie keine Indizien und Beweise haben und doch aus Gewissensbedenken nicht wagen, hier etwas ins Blaue hinein zu unternehmen.

9. Belastet dann irgendein Wort eines Besessenen oder eine der heute im Schwange gehenden böswilligen, nicht nachprüfbaren Redereien (ein rechtmäßig bewiesenes Gerücht ist es ja niemals) eine armselige, mißachtete Gaja ernstlich: So ist sie die erste.
10. Damit es jedoch nicht den Anschein hat, als ob der Prozeß nur auf dieses Gerücht hin, ohne weitere Indizien, wie man sagt, angestrengt worden wäre, siehe, da ist gleich ein Indiz zur Hand, da man der Gaja aus allem einen Strick dreht. Ihr Lebenswandel war ja entweder schlecht und sündhaft oder gut und rechtschaffen. War er schlecht, so sagt man, das sei ein starkes Indiz, denn von einer Schlechtigkeit darf man getrost auf die andere schließen. War ihr Lebenswandel indessen gut, so ist auch das kein geringes Indiz: Denn auf diese Weise, sagt man, pflegen die Hexen sich zu verstecken und wollen besonders tugendhaft erscheinen.

Weihbischof Pelking von Paderborn und Hildesheim äußerte über die Cautio criminalis – deren Verfasser wohl allzu sehr seinem Stil treu geblieben war, um anonym bleiben zu können:

… ein von Pater Friedrich Spee verfaßtes … und auf seine Veranlassung hin in Rinteln gedrucktes Buch voller verleumderischer Anwürfe gegen Fürsten und fürstliche Beamte, gegen Obrigkeiten und Richter, auf Geheiß von Dozenten der Schule von den Studenten gekauft, und bereits in so vielen Stücken im ganzen Land verbreitet…, daß ich es für sehr schwierig halte, den damit angerichteten Schaden wiedergutzumachen.

Provinzial Nickel hingegen sagte, Spee habe das Buch zwar verfaßt, aber von seiner Veröffentlichung nichts gewußt. Universitätsbuchdrucker Peter Lucius berichtet, er habe sich wegen Spees Abneigung hinsichtlich einer Veröffentlichung zu einem frommen Diebstahl entschlossen – das Manuskript gestohlen und anonym gedruckt. Ehe der Streit entschieden werden konnte, rückte Gustav Adolf an; das Kolleg wurde nach Köln verlegt.
1631 setzte Bavingh Spee mitten im Semester ab. Vitelleschi aber gab Spees Beschwerde statt. Es folgte Spees ewiges Gelübde.
Der Hexenwahn erreichte Köln. In Frankfurt erschien – wiederum anonym, aber die Urheberschaft dürfte mittlerweile ein offenes Geheimnis gewesen sein – die 2. Auflage der Cautio. Spee wurde angefeindet, sollte versetzt werden. Er bot sich selbst zur Lazarettseelsorge an. Pater Nickel aber verschaffte ihm eine Professur in Trier.
Dort wurde Spee bald nahegelegt, er möge um seine Entlassung aus der Societas Jesu bitten.

1635 wurden die Jesuiten im Laufe der Kriegswirren als angebliche Kollaborateure der Franzosen plötzlich angefeindet und sollten die Stadt verlassen. Die Spanier eroberten Trier von den Franzosen zurück; die Jesuiten blieben. Spee und seine Mitbrüder – hier übrigens viele Sympathisanten seiner Cautio! – arbeiteten in Lazaretten. Spee erwirkte den reisefähigen Franzosen freien Abzug in die Heimat.

Wieder brach die Pest bricht aus. Spee infizierte sich im Lazarett und starb am 7.8.1635, 44jährig, im 27. Kriegsjahr.

Die Cautio war das einzige größere Werk Spees, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Die deutsche Fassung wurde allerdings erst zehn Jahre nach seinem Tod veröffentlicht. Dann häuften sich die Veröffentlichungen auch auf Französisch, Holländisch, Polnisch. Bis auf eine sind alle anonym. Erst 1731 erschien eine lizenzierte Auflage in lateinischer Sprache.
Eine zeitgenössische Illustration zeigt drei in den Block gespannte Frauen; über ihnen stehen ihre Namen: Gerechtigkeit, Wahrheit, Vernunft.

Spee war nicht nur Vorkämpfer für eine gerechte Justiz; er bezog seine innere Kraft aus Mystik und einer Art der Meditation, bei der er den Körper mit einbezog. Er beschreibt diese Meditation in seinem „Güldenen Tugendbuch“, in dessen Vorwort er schreibt:

… dises Buch ist eigentlich zum Brauchen, vnd nicht nur zum Lesen gemacht.

Er gibt genaue Anleitungen, wie man Gebete mit Körperbewegungen wie Knien, Aufstehen, Arme ausbreiten oder emporheben in Einklang bringen kann. In einer weiteren Stufe solle man einfache Gebetsworte in Gedanken ständig wiederholen und dabei den Herzschlag zum Rhythmus nehmen. Und in ebendiesem „Tugendbuch“ findet sich auch eine herbe Klage über die Folter.
Als Liederdichter hat Spee längst auch Eingang in evangelische Gesangsbücher gefunden. Sein barocker Überschwang zusammen mit seiner dialektgefärbten Sprache klingt heute mitunter komisch; er paßte aber gut in das Sprachgefühl seiner Zeit. Das Eingangslied zu dem geistlichen Liederbuch aus Spees Feder Trutznachtigall beginnt:

Wan Morgenröt sich zieret
Mitt zartem Rosenglantz,
Vnd gar sich dan verlieret
Der Nächtlich Sternentantz:
Gleich lüstet mich spatziren
Jn grünwen LorberWald,
Aldá dan Musiciren
Die pfeifflein mannigfalt.

Spee läßt in diesem Gedicht die Vögel, die Bäche und den Wind in den Bäumen singen und erdichtet dazu die Trutznachtigall, die wund von süssem Pfeil Tag und Nacht zum Lob Gottes singt und den morgendlichen Spaziergänger mitsingen läßt. Ähnlich fröhlich heißt es in einem langen Sommerlied:

Für vns die schöne Nachtigal
Den Sommer laut begrüsset,
Jhr Stimmlein vber Berg, vnd Thal
Den gantzen lufft versüsset.
Die vöglein zart in grosser meng
Büsch, Heck, vnd Feld durchstreifen,
Die Nester schon seind ihn zu eng,
Der Lufft klingt voller Pfeiffen.
O Gott ich sing von hertzen mein,
Gelobet muß der Schöpffer sein.

Im gleichen Lied kann er mit kindlicher Unbefangenheit fragen, warum die Pflanzen so und nicht anders wachsen, und diese Frage mit dem Refrain beantworten: Da das so ist, muß man eben Gott dafür loben.

Wer treibet auß Getraid, vnd Graß
Wer lockets an die Sonnen?
Weils in der Erd verwurret saß,
Wer hats hinausgesponnen?
Wer scherpfft den ähren ihre spitz?
Wer tut die körnel zehlen?
Wo nehmens doch die kunst, und witz,
Das nie der Art verfehlen?
O Gott ich sing von hertzen mein,
Gelobet muß der Schöpffer sein.

Mit der gleichen Sinnlichkeit, die alle Schöpfung einbezieht, läßt er Jesus auf dem Ölberg in der Nacht vor seiner Kreuzigung sprechen:

Zu Gott ich hab geruffen zwar,
Auß tieffen todtes banden:
Dennoch ich bleib verlassen gar.
Jst hilff, noch trost vorhanden.
Der schöne Mon
Wil vndergohn,
Für Leyd nitt mehr mag scheinen:
Die Stern lan
Ihr glitzen stahn,
Mitt Mir sie wollen weinen.
Kein Vogelsang
Noch Frewdenklang
Man höret in den Lufften;
Die wilden Thier,
Auch trawren mitt mir,
Jn Steinen, vnd in Klufften.

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Über Claudia Sperlich

Dichterin, Übersetzerin, Katholikin.
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5 Antworten zu Der Anwalt der Hexen

  1. theomix schreibt:

    Danke für de ausführliche Schilderung seines Lebens! In der adevetszeit ist es für mich immer etwas Besonderes, „O Heiland reiß die Himmel auf“ zu singen bzw. singen zu lasen.

  2. Claudia schreibt:

    Eines seiner allerbesten Lieder!

  3. Sven schreibt:

    Und wieder habe ich etwas dazugelernt. Ich schreibe regelmäßig die Grünpflege für die Dachbegrünung für die Friedrich von Spee Gesamtschule in Paderborn aus. Manchmal plane ich auch etwas auf dem Schulhof .
    Ich werde die Schule jetzt mit anderen Augen sehen. Friedrich von Spee und Paderborn.
    Danke für die Erweiterung meines Horizontes.

  4. Claudia schreibt:

    Gern geschehen! Dachbegrünung ist, finde ich, eine schöne Form der Ehrung – erfreulich und nützlich für Lebende.

  5. aebby schreibt:

    Die Lieder und Gedichte hatte ich bisher gar nicht im Bewusstsein – ich kannte nur die cautio criminalis – schon weider was gelernt 🙂

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